21.10.2014, 11:34 Uhr

Kinder und ihre Geheimnisse

Wenn Kinder etwas nicht verraten wollen: Warum Geheimnisse wichtig sind und wann Vorsicht geboten ist

Kinder lieben Geheimnisse – meistens schon ab dem dritten Lebensjahr. Sie lieben geheime Verstecke unter dem Bett, Höhlen im Garten, den Schatz im Baumhaus, …
Das Geheimnis gehört zur Entwicklung des Kindes, ebenso wie zur Entwicklung der Menschheit: Etwas für sich und in einer Gruppe behalten zu können, war oft überlebenswichtig.
In unserer Entwicklung haben Geheimnisse zwei Funktionen:
1.) Sie helfen die eigene Identität zu entwickeln, sich abzugrenzen von anderen, auch den Eltern, und autonome Wege zu gehen.
2.) Sie helfen Vertrauen zu schaffen, Beziehung aufzubauen und in Beziehungen zu bleiben.
Der Umgang mit Geheimnissen ändert sich mit dem Alter: Kinder von 3 bis 4 Jahren teilen Geheimnisse gerne mit ihren Eltern oder gleichaltrigen Freunden. Auch für Kinder von 5 bis 6 sind Geheimnisse spannend. Hier besteht die Gefahr, dass ihre Sehnsucht danach missbraucht wird, etwa um Übergriffe zu vertuschen. Mit 8 bis 9 Jahren wollen Kinder Geheimnisse auf keinen Fall verraten – das wäre Hochverrat. Der Höhepunkt der Geheimniskrämerei ist mit 11 Jahren erreicht. Mit 15 bis 16 Jahren hört sie auf. Meistens sind Jugendliche dann eher in der Lage zu entscheiden, was sie für sich behalten und was sie erzählen.
So gut Geheimnisse für die Entwicklung sein können, so zerstörerisch können schlechte Geheimnisse sein. Zum Beispiel wenn man etwas Verbotenes gemacht hat wie einen Diebstahl, wenn man gemobbt wird oder gar missbraucht. Wenn Dinge geheim gehalten werden, die Kindern schaden können, sind wir Eltern gefragt.
Aber wie erkennt man ein schlechtes Geheimnis? Keine Sorge, Sie bemerken, wenn Sie eingreifen müssen. Dazu braucht es Achtsamkeit gegenüber den eigenen Gefühlsregungen und gegenüber dem Kind. Schluss mit Geheimnissen muss sein, wenn das Kind unerklärlicherweise nicht zum vereinbarten Zeitpunkt nachhause kommt, verschwindet ohne Aufgaben zu machen und sich andere entscheidende Dinge wie der soziale Umgang ändern. Es gilt, die richtige Balance zwischen Gewährenlassen und Fürsorge zu halten.

Tipps für Eltern
1. Bauen sie von Anfang an eine vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Kind auf. Lassen Sie es spüren, dass Sie da sind. Hören Sie zu anstatt auf Ihr Kind einzureden.
2. Lassen Sie die ersten Geheimnisse gewähren. Erlauben Sie etwa Schätze unterm Bett, außer es ist unhygienisch. Freuen Sie sich, wenn etwas mit Ihnen geteilt wird.
3. Begegnen Sie den Geheimnissen Ihrer Kinder mit Interesse, Respekt und Offenheit. Sie können davon ausgehen, dass sie von selbst beginnen werden, alles zu erzählen.
4. Machen Sie aber einen deutlichen Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen. Senden Sie klare Botschaften der Ablehnung, wenn Sie ein Geheimnis für nicht gut befinden.
5. Dabei hilft Ihnen Ihre wachsame Sorge und Präsenz. Wenn Ihr Kind ein schlechtes Geheimnis hat, ermutigen Sie es, dies zu erzählen. Belehren Sie nicht. Ermöglichen Sie, dass Ihr Kind Ihnen vertraut, dass es Hilfe bekommt und nicht bestraft wird, wenn es sich Ihnen anvertraut.


DER EXPERTE
Dr. Philip Streit ist Psychologe, Psychotherapeut und Lebens- und Sozialberater.
Seit 20 Jahren leitet er das „Institut für Kind, Jugend und Familie“ in Graz, das größte Familientherapiezentrum der Steiermark.
Jede Woche beantwortet er in der „WOCHE“ eine Frage
rund um die Themen Erziehung und Beziehung.
Ihre Anregungen und Fragen können Sie per E-Mail an die Redaktion schicken:
elisabeth.poetler@woche.at
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