15.11.2017, 09:44 Uhr

Der Choreo-Graf liebt die Murmetropole: Graz persönlich mit Darrel Toulon

Im Augarten fühlt er sich sichtlich wohl: Wann immer Darrel Toulon Graz besucht, versucht er, im Grünen auszuspannen. Im Dezember veranstaltet er eine Benefizgala im Orpheum. (Foto: Jorj Konstantinov)

Auf Kurzbesuch: Darrel Toulon, 15 Jahre Ballettdirektor in Graz, ist mit einer Benefizgala für Hurrikan-Opfer zurück.

Wenn an einem gewöhnlichen Wochentag knapp vor der Dämmerung im Grazer Augarten das Herbstlaub nahezu geräuschlos auf den Boden schwebt, fällt das den zahlreichen Spaziergängern und Läufern kaum auf. Einer, der sich immer wieder freut, an diesen Kraftort zurückzukehren, ist Darrel Toulon. 15 Jahre lang war der heute 53-Jährige in der Murmetropole als Ballettdirektor und Chefchoreograf aktiv, ehe 2015 eine "Blutauffrischung" hermusste.

Abgeschlossener Zyklus

"Ich habe mit fünf Intendanten gearbeitet, alle Bühnen der Grazer Spielstätten bespielt, irgendwie war dann ein Gefühl in mir, dass der Zyklus hier abgeschlossen ist", denkt Toulon an die alles andere als leichte Entscheidung, Graz zu verlassen, zurück.
Spuren hat Toulon, der auf der Karibikinsel Dominica geboren wurde, in der Landeshauptstadt jedenfalls genügend hinterlassen: "Es waren so viele tolle Produktionen, wo ich die Choreografie geschaffen habe, es ist schwer, ein einzelnes Werk herauszuheben", sagt Toulon in perfektem Deutsch.

Tanzen als Lebens-Anker

Und tatsächlich, sein kreatives Schaffen in Graz lässt sich schwer festmachen, reicht es doch von Choreografien zu "Cinderella", "Wait Until Dark" über "Die Prinzessin und der Zwerg" bis zu "Romeo und Julia".
Besonders viel Spaß hatte der ausgebildete Tänzer, der in seiner Heimat bereits im Alter von elf Jahren eine kleine Theatergruppe leitete, "wenn Stücke dabei waren, wo es so gut wie keine Vorlage gab. Da kannst du dich so richtig austoben." Immer in Erinnerung bleiben auch die Etablierung der internationalen Tanzgala an der Oper sowie die Dance-Nights.
"Die Leute haben das geliebt. Es ist so schön, zu spüren, dass man etwas gibt, das andere annehmen. Neulich ging ich durch Wien und wurde von einer Dame auf die Tanzabende in Graz angesprochen, ein schöneres Kompliment gibt es nicht."


Von England bis Kosovo

Mittlerweile ist es dunkel geworden, für einen schnellen Café Latte im Auschlössl hat Toulon noch Zeit, dann geht’s weiter nach Wien. Niedergelassen hat sich der Vater zweier Söhne mittlerweile in Zürich, wo er an der Hochschule der Künste im Bereich "Zeitgenössisches Ballett" lehrt.
"Ich war ja auch in Graz als Lehrbeauftragter an der Kunstuniversität tätig. Ich liebe es einfach, Informationen an andere weiterzugeben." Die Suche nach Neuem ist es, die Toulon, der in England studierte und seine ersten Tanzauftritte in Deutschland hatte, antreibt. Anders ist es nicht zu erklären, dass der leidenschaftliche Koch vor drei Jahren eine Produktion in Pristina gemacht hat.

Bilder zum Nachdenken

Für das Nationalballett des Kosovo erarbeitete er eine Choreografie für das Stück "Your Stories, My Story", in dem es auch um die Aufarbeitung des Bürgerkrieges Ende der 90er-Jahre ging.
"Die Arbeit in Pristina hat mein Leben verändert", sagt Toulon ohne Umschweife. Vieles im Kosovo habe ihn auch an seine karibische Heimat erinnert. Nachdenklich holt Toulon sein Smartphone aus der Hosentasche und zeigt unvorstellbare Bilder. Bilder einer gänzlich zerstörten Insel. Seiner Heimat Dominica. Schuld daran ist nicht etwa ein Krieg, vielmehr zog Hurrikan "Maria" im heurigen Sommer eine Spur der Verwüstung durch den Inselstaat.

Gala für die Heimat

"Wir, die dort geboren wurden, sind alle Hurrikan-Kinder. Aber so eine Katastrophe gab es noch nie. Der Wiederaufbau wird Jahre dauern." Einen kleinen Beitrag will der Wahl-Grazer auch leisten: So hat er die Benefiz-Gala "Darrel Toulon and Friends" ins Leben gerufen, deren Reinerlös direkt dem Princess Margaret Hospital auf der Insel zugutekommen wird.
"Es werden zahlreiche Künstler aus den Bereichen Rock, Pop, Klassik und Tanz am 12. Dezember im Orpheum dabei sein. Es ist mir ein Bedürfnis, zu helfen."

Steckbrief

Geboren 1964 auf Dominica.
Besuchte mit 17 Jahren das United World College of the Atlantic in Wales.
War ab 2001 für 15 Jahre Ballettdirektor in Graz.
Erhielt auch das Goldene Ehrenzeichen des Landes.
Benefizgala: 12.12./Orpheum

WOCHE-Wordrap

Die 15 Jahre in Graz ... werden immer Teil meines Lebens sein.
In meiner Freizeit ... koche ich gerne. Freunde sagen, ich komponiere Essen.
Privat höre ich ... alle Musikrichtungen.
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