01.10.2016, 11:06 Uhr

Deutschsprachige Erstaufführung von „Stabat Mater Furiosa“ - GROSSARTIGES THEATER MIT GABRIELE KÖHLMEIER

Foto: Sigrid Querch
Graz: Literaturhaus | Eine Frau - mehrere Schichten abgetragener Kleidungsstücke am Leibe, einen Putzkübel in der Hand - betritt zehn Minuten vor Vorstellungsbeginn den Raum und beginnt, kniend, den Boden des Quadrates aufzuwischen, um das die Zuschauer sitzen. Dazu undefinierbare, bedrohliche Klänge. Und bewegte Bilder, Videosequenzen, die Zerstörung und Verfall vermitteln. Als Besucherin kann ich mich der Stimmung nicht entziehen, wenn da die Frau zu meinen Füßen kriecht und, den Boden wischend, unverständliche Worte von sich gibt. Gezielt werde ich so auf das Kommende eingestimmt. Denn mit dem eigentlichen Vorstellungsbeginn ist man bereits mitten im Geschehen. Die Klänge verstummen, die Videobilder erlöschen, etwas Licht kommt auf die Frau, die mit ihrer Geschichte beginnt: „Ich bin die, die sich weigert, zu verstehen“.

Achtzig Minuten hindurch erzählt die Schauspielerin Gabriele Köhlmeier im Literaturhaus Graz in der deutschsprachigen Erstaufführung des Monologs „Stabat Mater Furiosa“ des französischen Autors Jean-Pierre Siméon ihren Traum von einer Welt ohne Krieg, ohne Gewalt, ohne Hass. Achtzig Minuten hindurch berührt sie, trifft sie, dringt sie ein in die Köpfe wie die Herzen der Besucherinnen. Von der ersten bis zur letzten Minute gebannte Stille im Zuschauerraum. Zu sehr ist man eingebunden, ist man Teil des Ganzen. Man kann sich nicht entziehen, dem Tun der Frau, die den Worten des Kriegers - den Worten des Mannes, des Vaters, des Bruders, des Sohnes - die Worte der Mutter, Tochter, Schwester entgegenhält. Die sich weigert, zu verstehen und deshalb redet und schimpft und anklagt ebenso wie sie Hoffnung weckt und Mut macht.

Faszinierend, wie es Gabriele Köhlmeier mit ihren darstellerischen Mitteln gelingt, diese Spannung fast eineinhalb Stunden ohne Unterbrechung zu halten; wie sie es schafft, das Publikum in ihr Spiel einzubeziehen und nicht eine Minute zu verlieren. Eine großartige schauspielerische Leistung. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Menschen im Lande diesen Aufschrei der wütenden Mutter gegen all die Hassprediger, ihr Engagement für die Sache der Schwachen und Nackten noch sehen werden.

Anna Lederer
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