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24.03.2014, 09:33 Uhr

Aus der Haut fahren I.

Wann? 01.04.2014 19:00 Uhr

Wo? Galerie Blaues Atelier, Annenstraße 33, 8020 Graz AT
Graz: Galerie Blaues Atelier |

Malerei im Widerstand - Antonia Wöhrer (Stmk.)

Tatort Pflegewohnheim.


Die steirische Malerin Antonia Wöhrer widmet sich in ihrer neuen und bisher noch nicht gezeigten Ausstellung der heimischen Pflegerealität. Dem letzten Weg, den das Pflegepersonal mit an Demenz erkrankten Menschen gemeinsam geht. Die bildnerischen Werke, teilweise mit Japan-Spachteltechnik in Acryl auf Leinwand gearbeitet, setzen sich kritisch mit dem tragen von Fußfesseln der Heimbewohner und dem Einsatz von Mikrochips auseinander. Die Künstlerin fragt mit ihren Werken „was macht all das mit uns?“ und begleitet die Ausstellung mit persönlichen Texten, die Aufschlüsse darüber geben, worüber normalerweise geschwiegen wird.

Antonia Wöhrer, 1960 auf einem Bergbauernhof in Bad St. Leonhard/Kärnten geboren und aufgewachsen, Malerin, Krankenschwester und Kreativtrainerin mit langjährigem Lebensmittelpunkt in der Steiermark, lässt uns hinter die Kulissen schauen. Dort, hinter dem Vorhang aus schwarzem schwerem Samt, auf der letzten Wegstrecke alter Menschen „orwellt“ es ganz ordentlich. Es riecht und schmeckt nach dem Roman „1984“, nur das der Überwachungsstaat längst ganz normale Realität geworden ist.



Zur Ausstellung:

Man hat bei der Betrachtung der Werke die Wahl, sich in die Situation des Heimbewohners oder in die Rolle des Pflegepersonals zu versetzen. Was beides nicht schön ist. Man stelle sich vor, dass die Heimbewohner, jene, welche noch gut zu Fuß sind, ihrem Bewegungsdrang nachgehen möchten. Einen Spaziergang machen, öfter mal am Tag, weil man sonst nichts zu tun hat. Vielleicht wollen sie auch am liebsten weglaufen. Man weiß es nicht. Die Glocke schrillt durchs ganze Haus. Immer wieder. Erbarmungslos. Den ganzen Tag lang. Und terrorisiert das Personal gleichermaßen wie die Heimbewohner. Jetzt läuft wieder einer weg, nicht mehr klaren Verstandes, dafür aber mit einer elektronischen Fußfessel versehen, damit ein unsichtbares Verschwinden verhindert werden kann. Ein GPS-Ortungssystem wird angedacht.



Demente Menschen dürfen per Gesetz nicht zurück geholt werden, wenn sie weggehen wollen, sie sollen dann begleitet werden. Für Begleitung fehlt jedoch oft die Zeit UND das Personal. Unfälle sind die Folge, was tun? Das Pflegepersonal trägt immer die Verantwortung. Doch diese ist untragbar. Das ist das Dilemma. Und im Gegenzug wird ein frei zugänglicher Garten – mit Tor und barrierefreier Öffnerfunktion, einem Türtaster versehen, seitens der Behörden als ungesetzliche Maßnahme dargestellt und muss wieder entfernt werden. Realsatire? Nein, es ist die blanke Wirklichkeit. Behördenwirklichkeit. Eine Macht, die über allem schwebt und dazu bemächtigt ist, auch entwürdigendes vollziehen zu dürfen. Zum Beispiel die Möglichkeit der kompletten Entkleidung einer bettlägerigen und an Demenz erkrankten und damit geistig und körperlich vollkommen hilflosen Person, um die Unversehrtheit bis in die letzte Intimzone der Heimbewohner stichprobenartig-behördlich zu kontrollieren.



Folgerichtig heißt eines der Bildwerke „Abstiege in die Unterwelt“. Denn die Welt der Alten im Heim ist eine besondere „Welt ganz unten“, ist eine dunkle Subkultur. Das Gemälde zeigt einen Mikrochip, eine moderne „Fessel der Menschheit“, die geradewegs ins Klo geworfen wird. Heimbewohner tun das manchmal, um ihre Freiheit wieder zu erlangen. Wenn es denn so einfach wäre. Und nicht auf beiden Seiten das unwohl sein regieren würde. Denn wie geht man damit um, wenn seitens der Heimbewohner Übergriffe auf das zumeist weibliche Pflegepersonal stattfinden? Stellt die Demenz einen Freibrief aus für Busengrabscherei und sonstige verbale und non-verbale Grenzüberschreitungen? Wöhrer entführt uns in ein Land der gelebten Alpträume. Auch wenn in ihren Bildwerken viel Satirisches zu finden ist, hofft man innig, nicht durch Zufall dort in ein paar Jahren landen zu müssen. Nur um festzustellen, dass man nicht (mehr) aus seiner Haut kann, auch wenn die Situation am Ende des Lebens zum aus der Haut fahren ist.

© Florinda Ke Sophie, Graz 2014
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