16.11.2016, 14:16 Uhr

"Ein Bett ist immer frei" – Das Schlupfhaus bietet Platz in der Not

Schlupfhaus-Hund "Mio" wollte unbedingt mit aufs Foto. "Er bewirkt Wunder. Bei ihm fangen sogar die härtesten Jungs an, zu diskutieren, wer ihn halten und streicheln darf", lacht Gabriele Waerder. (Foto: geopho.com)

Gabriele Waerder leitet das Schlupfhaus der Caritas, die Notschlafstelle für Jugendliche in Graz. Sie erzählt von Gesprächen beim Tischtennis spielen und klaren Regeln.

Die kalte Jahreszeit beginnt – ein Grund mehr für viele Jugendliche, in Ihrer Einrichtung Unterschlupf zu suchen?
Das spielt komischerweise keine Rolle. Es kann sein, dass im Hochsommer bei 35 Grad unser Haus komplett voll ist und bei minus zehn Grad nur zwei Leute da sind. Das mag ich an meinem Job, er ist in dieser Hinsicht einfach unberechenbar und kein Tag ist wie der andere.

Ist das Schlupfhaus bei Jugendlichen bekannt?
Das Schlupfhaus gibt es seit mittlerweile 20 Jahren. Es gibt auch viele Anfragen von Schulklassen, die zu uns kommen und sich das Haus anschauen. Das ist gut, denn dadurch wissen Kinder, wohin sie sich wenden können, wenn es daheim einmal wirklich nicht mehr geht.

Welche Aufgaben umfasst das Schlupfhaus genau?
Wir arbeiten in drei Bereichen. Der Hauptbereich ist die Notschlafstelle, die 365 Tage im Jahr von 18 bis 9 Uhr in der Früh für Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren geöffnet hat, Dienstag bis Freitag sogar bis 11 Uhr. In der Zeit findet die Einzelfallarbeit statt, in der die Situation der Jugendlichen besprochen wird. Der dritte Bereich ist die mobile Wohnbegleitung, wo wir mit Jugendlichen über 18 Jahren arbeiten und sie bis zu einem Jahr begleiten. Da geht es darum, Basisdinge zu erlernen, wie Wäsche waschen, wie gehe ich mit den Nachbarn um, wie finde ich einen Job, wo kann ich eine Lehre machen ...

Das Stichwort lautet also Hilfe zur Selbsthilfe?
So ist es. Wir wollen die Jugendlichen unterstützen, machen aber grundsätzlich nichts ohne Auftrag des Jugendlichen – wir gehen keinen Kilometer, wenn er oder sie nicht will.

Szenario: Drei Uhr früh, ein Jugendlicher haut von zu Hause ab und klopft beim Schlupfhaus an. Stehen ihm die Türen offen?
Ja, wir sind immer in der Nacht besetzt und die Jugendlichen müssen sich nicht voranmelden oder anrufen, sondern einfach klingeln. Manche, die in einer akuten Krise stecken, brauchen nur ein bisschen Auszeit und wollen durchschnaufen. Das Angebot in der Notschlafstelle ist primär die Krisenintervention. Wir versuchen, den Jugendlichen zu entlasten und ihm Sicherheit zu bieten. Bei uns können sie duschen, bekommen Essen, ein Bett, eine Zahnbürste, spezielle Hygieneartikel oder Kleidung, wenn sie ruckartig von zu Hause aufgebrochen oder rausgeflogen sind. Das Haus ist so konzipiert, dass es immer ein freies Bett gibt. Wir haben fünf Mädchenbetten und sieben für Burschen. Wir mussten noch niemandem ein Bett verwehren, im Notfall gibt’s ein Platzerl auf der Couch.

Wie bewegen Sie die Jugendlichen dazu, über ihre Situation zu sprechen?
Gemeinsames Essen am Abend ist uns wichtig. Da läuft dann kein Fernseher und auch die Handys werden weggelegt. Dabei entstehen oft gute Tischgespräche und die Jugendlichen öffnen sich. Manche sind vielleicht etwas ruhiger, die kann man dann zum Beispiel über ein Tischtennisspiel in ein Gespräch verwickeln.

Mit welchen Schicksalen kommen die Jugendlichen zu euch?
Es gibt jene, die einfach in der Pubertät sind und ausreißen. In den meisten Fällen finden Gespräche statt, wenn die Wogen geglättet sind, und die Jugendlichen gehen wieder zurück zu den Eltern. Es gibt aber auch sehr schwierige Familienverhältnisse oder jene Kids, die mit ihren 17 Jahren schon ein halbes Jahr auf der Straße gelebt haben. Diesen muss man klarmachen, dass das eine enorme Leistung ist und sie diese Eigenschaften umlegen, sodass sie ein geregeltes Leben zustande bringen. Schön sind Erfolgsstorys, wo uns Jugendliche nach Jahren schreiben, die es etwa von der Straße hin zu ihrer eigenen Firma gebracht haben.

Kommt es zu Konflikten im Haus?
Sehr marginal. Wir haben klare Regeln: keine Gewalt, keine Drogen oder Alkohol. Die Jugendlichen, die zu uns kommen, wollen ja etwas von uns und nicht randalieren.

Steckbrief

Geboren am 25.06.1966 in Graz.
Ist verheiratet und hat vier Kinder (28, 27, 22, 10).
Arbeitet schon 16 Jahre im Schlupfhaus, inzwischen als Leiterin.
Hat eine Ausbildung zur Jugendarbeiterin und Elternbildnerin.
Studiert nebenbei Pädagogik.

WOCHE-Wordrap

Das Schönste an meinem Job ist ... da sein zu können für Menschen, die es nicht leicht haben.
Nach dem Aufstehen ... mache ich zuerst Frühstück für meinen Jüngsten.
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