Leserbrief
Schräge Wege in der Pflege

Leserbrief von Manuela Ferihumer zum Thema Pflege.

In Zeiten wie diesen, wo die Corona-Schutzmaßnahmen gerade in den Alten- und Pflegeheimen für Zündstoff sorgen, bekommt man nicht nur die allgegenwärtigen situativen Schreckensnachrichten zu lesen, sondern auch vermehrt Schlagzeilen, die das Pflegenotstandsproblem noch einmal eindrucksvoller auf den Tisch bringen.

„In der Pflege läuft das Personal davon“, stand da kürzlich wo geschrieben und das läge nicht nur an den Folgen der Pandemie, sondern dem Phänomen liege ein tiefergreifendes Übel zugrunde, meinte man in Expertenkreisen. Etwas „schräg“ mutet auch die Tatsache an, dass Corona-bedingt neben Erschwernissen in der Pflege die reduzierte Mobilisation und Besuchersperren dennoch für etwas Entlastung und Ruhe in den Einrichtungsmauern sorgen. Es ist längst nicht nur dieser eine Widerspruch im Gedankengut einer beherzten Pflegeperson, der letztlich aus ethnischen und gesundheitlichen Gründen die berufliche Kapitulation erzwingt oder nach einem „Ventil“ suchen lässt. Da bekommt man nämlich auch beschämende Mobbinggeschichten aus den Altenheimen zu hören und es häufen sich fragwürdige Kündigungen trotz leerer Bewohnerzimmer.

Es stimmt wahrhaftig traurig, dass die meisten Mobbingopfer in Sozial- und Pflegeberufen zu finden sind, dort wo eben auch viel vertuscht und beschönigt wird und offenbar etliche ungeschriebene Regeln kursieren. So gibt es augenscheinlich auch außerhalb der Betreuungsstätten keine Einsicht, kein Umdenken und keine Rettung, jedenfalls nicht, solange dieser Pflegestandard noch wirtschaftlich lukrativ bleibt und jene, die nicht ins „System“ passen, mit Mobbingszenarien auf die Abschussrampe bugsiert werden. Im Gegenzug sucht man allerorts – auch über viele Medien - händeringend nach „Sinnstiftern“ bzw. Nachwuchstalenten für die Pflege.

„Die Anleitung und Förderung der Selbständigkeit zur Erhaltung eines selbstbestimmten Lebens“, wie es noch heute in der Schule oftmals gelehrt wird, ist in diesem Sinne doch längst nicht mehr zeitgemäß und gleicht schon eher einer bedauernswerten Farce. Statt Hoffnungsträgern hinsichtlich einer Pflegereform begegnen einem nur mehr Leute, die von bevorstehenden, noch schlimmeren Zeiten reden und die den Status Quo in der Pflege auf einen Nenner bringen: „Sicher – satt – sauber!“

Es verwundert schon heute nicht mehr, wenn von hilfebedürftigen, „unnütz“ gewordenen alten Menschen kleinlaut kommt, dass sie lieber sterben würden, als jemanden zur Last zu fallen, als sich diese strukturelle Gewalt antun zu wollen, als zusehen zu müssen, wie das Pflegepersonal am Rande ihrer Kräfte unter den desaströsen Arbeitsbedingungen leidet.
Wer weiß, wo dieser Trend zu einer Massenabfertigung wirklich einmal hinführen soll, nachdem es ohnehin jetzt schon heißt: „Pflege ist bald nicht mehr leistbar“ – zumindest nicht unmittelbar durch Menschenhand. Möglicherweise sollen aber auch wieder völlig andere Zeiten auf uns zukommen, die an früher erinnern, in denen die alte Generation im Familienkreis noch mitversorgt wurde? Ja, vielleicht ist das noch die bessere Version von allen diesbezüglichen Zukunftsvisionen, in denen es doch noch um Menschlichkeit gehen soll?

Von Manuela Ferihumer, St. Agatha



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