06.04.2017, 09:11 Uhr

Die Mär vom guten Grieskirchner Nazi Bürgermeister - ein Appell zur Wahrheitsfindung

Bisher unveröffentlichte Bilder vom Einmarsch deutscher Truppen in Grieskirchen. März 1938 (Foto: Oberösterreichisches Landesarchiv)

Die goldene Taschenuhr, die schon seinem Großvater gehörte, zeigt 19.47 Uhr an, als aus dem Radiogerät die Stimme Kurt Schuschniggs ertönt. Dieser spricht aus dem Ecksalon des Kanzleramtes am Ballhausplatz in ein Radio-Mikrofon, welches nur wenige Meter von jener Stelle aufgestellt ist, an der 1934 Engelbert Dollfuß verblutete. Eine Rede von zwei Minuten und 52 Sekunden, in der er sich als Bundeskanzler verabschiedet, die widerstandslose Kapitulation Österreichs als „dem Weichen vor der Gewalt“ verkündet und zu guter Letzt Gott um Schutz bittet, für ein Land, welches in weniger als 48 Stunden aufhören wird, zu existieren.


Während 500 österreichische SS-Schergen, unter der Leitung des, in Ried zur Welt gekommenen, Ernst Kaltenbrunner, das Bundeskanzleramt umstellen, legt sich im 200 km entfernten Grieskirchen, der 56-jährige Rechtsanwalt Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt seine Hakenkreuzarmbinde zurecht und einen Film in den Fotoapparat. Der morgige Tag, der 12. März 1938, wird in die Geschichte eingehen, mehr noch, er wird die Geschichte der Deutschen— denn, obwohl in Grieskirchen geboren, fühlt er sich als Deutscher — vollkommen neu schreiben. Die historischen Ereignisse der kommenden Stunden und Tage, die wie eine Flutwelle über seine Heimatstadt hereinbrechen, will er meticulous aufzeichnen, sie in Wort und Bild festhalten, um sie für die Nachwelt zu bewahren.

Die Feier des Unterganges

Die Schulchronik der Knaben Hauptschule Grieskirchen berichtet über den Vorabend jenes schicksalhaften Tages, welcher den Anfang vom Ende eines freien und selbständigen Österreichs einläutet: „11. März 1938. Große Massenkundgebung am Abend in Grieskirchen. Alle Gliederungen der NSDAP des Bezirkes Grieskirchen marschierten auf. Kreisleiter Dornetshuber des hiesigen Bezirkes hielt auf dem zum Adolf Hitler-Platz umgetauften Hauptplatz einen zündenden Appell. Die Begeisterung der Volksmenge war grenzenlos, die Disziplin mustergültig.“

In Wien spielen sich unglaubliche Szenen ab. Nazis rotten sich zu Jubelmärschen zusammen, der Mob dringt in jüdische Wohnungen ein, zerstört Einrichtungen und stiehlt, was immer er nur finden kann. Die Hellsichtigsten versuchen in Zügen nach Pressburg oder nach Ungarn zu fliehen. Im ganzen Land tauchen SA und SS Männer in den Dienststellen der Gendarmerie auf und übernehmen unter dem Vorwand, sich für die Aufrechterhaltung der Ordnung und Ruhe zur Verfügung zu stellen, de facto die Exekutivmacht eines, in seinen letzten Atemzügen liegenden Österreichs.

Noch bevor der neue Tag sich erhebt, landet SS-Chef Heinrich Himmler und seine Getreuen auf dem Asperner Flughafen und beginnt unverzüglich mit der Verhaftung politischer Gegner, die bereits am 1. April als „Prominententransport“ in das KZ Dachau transportiert werden.

Der Tag des Anschlusses

Um 5.30 Uhr des 12. März 1938, überschreiten die ersten Hitler-Truppen die Grenze. Rund 65.000 Soldaten der deutschen Wehrmacht, tausende Polizisten und 16.000 Sicherheitsleute besetzen Österreich, bejubelt von einer hysterisch-entrückten, völkisch verblendeten und blumenstreuenden Menschenmasse, von denen die meisten noch gestern, fest an die Eigenstaatlichkeit Österreichs geglaubt hatten. In Salzburg gibt es den ersten Toten: Den Nazi Heinrich Kurz von Goldenstein trifft vor lauter Freude der Schlag.

Rechtsanwalt Peyrer ist ein Nazi. Einer der ersten Stunde. Einer, der immer an die nationalsozialistische Bewegung geglaubt hat, selbst zu Zeiten, in denen die NSDAP eine illegale Organisation war und seine Mitglieder sich unter dem Tarnmantel des Turnerbundes im Geheimen treffen mussten. 1924 hörte man sich in Bad Schallerbach die Ausführungen des, aus dem Turnverein Grieskirchen eingeladenen, ehrenwerten und hoch geschätzten Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt an, welcher den Zweck und die Ziele der völkischen Turnvereine, erläuterte. Dies war gleichzeitig die Geburtsstunde des heutigen ÖTB Turnvereines.

Die Triumphfahrt des Führers

Die Glocken des Braunauer Kirchturms läuten bis in den Himmel hinauf, als um 15.50 Uhr ein offener Wagen den stramm aufrecht stehenden, „deutsch-grüßenden“ Führer über die österreichische Grenze in sein Heimatland bringt, welches er seit vielen Jahren nicht mehr betreten hatte. Vor seinem Geburtshaus bleibt Hitlers Konvoi immer wieder in einer mit hysterischer begeisterungstrunkenen Masse Einheimischer stecken, die stolz darauf sind, plötzlich Deutsche zu sein. Gegen 17.30 Uhr ist er in Ried, wo die Hälfte der Stadtbevölkerung auf der Straße ist. „Als er den Stadtkern durchfuhr, erhob sich der Führer und grüßte stehend das deutsche Ried, das noch nie in seiner Geschichte einen derartigen Begeisterungstaumel erlebt hatte", schreibt die NS-Lokalzeitung.

In Grieskirchen taucht die Lehrerschaft aus dem Dunkel jahrelanger Illegalität auf. Diejenigen die noch vorher ihre Mitgliedschaft verheimlicht hatten, kamen nun mit offen zur Schau getragenen Hakenkreuzarmbinden und Anstecknadeln mit Parteiabzeichen am Revers wieder. Die Schulchronik vermerkt: „Für den 12.3.38 war am Nachmittag eine Versammlung des illegalen NS- Lehrerbundes einberufen, die im Gasthause Zweimüller stattfinden sollte […] aus der sogenannten illegalen Versammlung wurde über Nacht eine legale. Fast alle illegalen Mitglieder aus dem Bezirke und auch solche, denen es im letzten Augenblick zum Bewusstsein kam, wohin sie eigentlich gehören, erschienen. Inzwischen kam die Nachricht: „Der Führer kommt mit dem Auto nach Linz!“ Es verließen deshalb viele Versammlungsteilnehmer die Stätte und fuhren mit dem nächsten Zug nach Linz, um dort dem Führer entgegenzujubeln."

Den Bezirk Grieskirchen streift der Diktator nur ganz im Süden, wo er auf seiner Triumphfahrt nach Linz Jeding in Gallspoltshofen passiert. Als Hitler um ca. 19 Uhr in Linz eintrifft, ist der Jubel der Massen in den Straßen der Stadt unbeschreiblich. Es sind nicht nur NS-Parteigenossen, die immer wieder fanatisch „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ brüllen, sondern halb Linz will sich, erfasst von einer beispiellosen Massenhysterie, kritiklos „dem Führer“ anvertrauen. Vom Balkon des Linzer Rathauses hält Hitler eine kurze Rede.

Wegen des, selbst für Hitler vollkommen unerwarteten und ungeheuren Ausmaßes kritiklosen Jubels, den die Menschen den einmarschierenden deutscher Truppen entgegenbringen und die freiwillige, bis zur Selbstaufgabe, bedingungslose Unterwerfung der Österreicher, fasst er in diesem Moment den Entschluss, den „Anschluss“ sofort und zur Gänze zu vollziehen. All jene, die ihm auf den Strassen und Plätzen zugejubelt hatten, Hakenkreuzfahnen schwangen, Hitler Bilder in die Fenster ihrer Häuser stellten und Kinder auf ihre Schultern hoben, so dass sie ihren Führer sehen konnten, können sich rühmen, dazu beigetragen zu haben, Österreich auf einem Silbertablett, dem Größenwahn dieses Diktators, serviert zu haben.

Um die Mittagsstunden erreichen die Soldaten der 8. Armee auch Grieskirchen. Der historische Moment, den sich viele NSDAP Mitglieder, unter ihnen auch Hermann Peyrer-Heimstätt, so lange sehnsüchtig herbei gewünscht hatten, war endlich gekommen. Die Schulchronik hält dieses Ereignis in überschwänglichen Worten fest: „Immer mehr kriegerisch ausgerüstetes Militär kam heran. Roßmarkt und Kirchenplatz waren voll Militärautos. In der Luft dröhnten die herannahenden Bomber, auf der Eisenbahn rollte ein Militärzug nach dem anderen durch und auf der Straße knatterten die Motorräder der Soldaten, sausten Autos, polterten schwere Wagen, rollten die Geschütze, ritten und marschierten viele, viele Soldaten. […] Die Schulräume wurden dem Militär zur Einquartierung frei gegeben; ebenso die Hallen auf der Volksfestwiese, die sich als Stallungen für die Militärpferde prächtig eigneten. Auch in den Privathäusern waren viele Soldaten untergebracht.“

Eine neue Ordnung muss her!

Das, was in Deutschland mit der Machtergreifung Hitlers 1933 begann und fünf Jahre lang gedauert hatte, sollte in Österreich nur fünf Tage dauern. Ohne Rücksicht und mit äußerster Brutalität gehen die Nationalsozialisten daran, das Land von jeglichem Widerstand zu säubern und die frei gewordenen Positionen mit eigenen, treu ergebenen Anhängern zu besetzen. "Die Nationalsozialisten waren brutal von Anfang an. Gebäude und Ämter wurden beschlagnahmt, alle Vereine wurden aufgelöst und es gab bereits in den ersten Tagen die ersten Toten, bei denen es sich um zwei Rieder handelte", weiß der Bürger Gansinger zu berichten.

In Grieskirchen vernimmt Rechtsanwalt Peyrer die Kunde, dass Leopold Gföllner als Bürgermeister abgesetzt und „Herr Hauptschuldirektor Kayer, der während der gesamten Systemzeit vom Schuldienst suspendiert war, zum Bezirks Schulinspektor des Bezirkes Grieskirchen-Peuerbach ernannt und gleichzeitig mit der Führung der Bürgermeistergeschäfte der Stadt Grieskirchen betraut“ wird.

Er ist überrascht von dieser, aus seiner Sicht, übereilten und vor allem falschen Entscheidung. Er, ein Rechtsgelehrter, Mitglied des elitären Kreises der feinen Herren von Grieskirchen, einer, dessen Familie seit Generationen die Geschicke der Stadt beeinflusst hat und Nationalsozialist der ersten Stunde, der die Bewegung aufgebaut und vorangetrieben hatte, fühlt sich berufen, erster Bürger seiner Heimatstadt zu sein.

Von ehrwürdigen Familienbanden

Sein durch und durch arischer Familienstammbaum, reicht zurück bis zum Beginn der Aufzeichnungen der Kirchenbücher. Stephan Peyrer war ein Zeitgenosse Christoph Manglburgers, welchem 1613 die Ehre zuteil wurde, zum ersten Bürgermeister Grieskirchens ernannt zu werden. Als sich das 1000-jährige Großdeutsche Reich aus der Schmach der Niederlage des 1. Weltkrieges erhob, wusste Hermann Peyrer-Heimstätt, dass er würdig und dazu auserkoren war, sich in der langen Reihe von Bürgermeistern, an die Spitze der Stadt Grieskirchen zu setzen. Durch die innige, traditionelle Verbundenheit seiner Familie mit den mächtigen und wichtigen von einst und heute, vor allem durch seine tiefe Freundschaft mit Ernst Kaltenbrunner, würde es sich schon irgendwie richten lassen, dass er doch noch auf dem Bürgermeistersessel seiner Stadt Platz nehmen konnte.

Ernst Kaltenbrunner, Führer der nunmehr nicht länger illegalen SS Österreichs, wird am 13. März 1938, dem Tag an dem Österreich vom Deutschen Reich verschluckt und ausgelöscht wird, zum Staatssekretär für öffentliche Sicherheit ernannt, wird alsbald Reichstagsmitglied und steigt innerhalb nur weniger Monate vom “höheren SS- und Polizeiführer bei den Reichsstatthaltern in Wien“ zum Linzer Ratsherren, Wiener Gerichtsherrn der SS und schließlich zum Polizeipräsident von Wien auf. Nach der Ermordung Heydrichs, folgt er diesem als Chef des Reichsicherheitshauptamtes nach und lässt es sich nicht nehmen sich persönlich im KZ Mauthausen, die verschiedenen Methoden der Tötung von Häftlingen, auch praxisnah vorführen zu lassen. Kaltenbrunners Unterschrift bedeutet für hunderttausende einen qualvollen Tod in Konzentrationslagern, die Ausrottung der Juden in ganzen Landstrichen und furchtbare Einzelschicksale, über die er ohne jegliche Humanitätsduselei entscheidet. Als ihm später in Nürnberg der Prozess gemacht wird, streitet er alles ab und leugnet selbst seine eigenhändige Unterschrift unter Tötungsbefehlen.

Damals, als die Woge des Nationalsozialismus über alles und jeden hinweg rollte, war es gut, Freunde zu haben, auf die man sich verlassen und auch berufen konnte. Sowohl Peyrer wie auch Kaltenbrunner stammen beide aus alteingesessene Juristenfamilien mit Grieskirchen als zeitweiligem gemeinsamen Lebens-Mittelpunkt, welche über Generationen weg, immer schon freundschaftlich und ideologisch eng miteinander verbunden waren.

Der Sparkassenverein - Im Club der feinen Herren

Ein paar Jahre später, den Tod durch den Strang vor Augen, wird Ernst Kaltenbrunner sich dieser innigen Männerfreundschaft entsinnen, wenn er in einem, aus der Nürnberger Haft geschmuggelten Brief an seine Kinder, schreibt: „Der Vater meines Vaters, Dr. Karl Kaltenbrunner, kam als Rechtsanwalt im Jahre 1868 nach Eferding, war dort öfters, insgesamt mehr als 20 Jahre Bürgermeister dieser alten, mir immer so lieben Stadt. […] Dein Urgroßvater begann seine Rechtsanwaltslaufbahn in Grieskirchen, wo er mit anderen Bürgern die dortige Sparkasse gründete, ein angesehenes, vorbildliches Institut des bäuerlichen Oberösterreichs. Die Statuten bestimmen, dass jeweils der Erstgeborene männliche Nachkomme der Gründungsmitglieder zum Vorstand der Sparkasse gehöre, weshalb mein Vater und ich später oft zu den Sitzungen nach Grieskirchen fuhren. […] Du hättest ein Anrecht, diese Funktion nach mir anzutreten, erst recht, wenn Du ein Bauer dieser Gegend geworden wärst. Mir tat es leid, daß Krieg und schwere Aufgaben mich davon abhielten, diese Heimatwurzel mehr zu pflegen. Grüße die Herren von mir, namentlich den Rechtsanwalt Dr. Peyrer, der schon mit meinem Vater befreundet war.“

Im Jahr 1943 ist Dr. Hermann Peyrer Vereins- und Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Grieskirchen, welchem die Elite der feinen Herren der Stadt angehört. Man rühmt sich, den ehemaligen Kreisleiter Alois Dornetshuber, als Oberbereichsleiter der NSDAP und Landesbauernführer von Oberdonau als Vorstandsmitglied und Dr. Ernst Kaltenbrunner, SS-Obergruppenführer und Chef der Sicherheitspolizei und des SD Berlin, als einfaches Vereinsmitglied, anführen zu können. Dass die Vereinsstatuten besagen, dass nur jemand, der auch in Grieskirchen wohnhaft ist, diese ehrenamtliche Sparkassenfunktion bekleiden dürfe, wird bei dem, in Berlin wohnenden Kaltenbrunner, nicht so genau genommen. Man richtet es sich schon irgendwie.

Emmi Reitter notiert in der Stadtchronik im Juni 1938 den Bürgermeisterwechsel: „Nachdem Dir. Josef Kayer sein Amt als Bürgermeister zurückgelegt hatte, wurde von der Landeshauptmannschaft im Juni Dr. Hermann Peyrer zum Bürgermeister der Stadt Grieskirchen ernannt.“ Irgendwie hatte es sich Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt also doch noch gerichtet.

Der Versuch einer Geschichtsbereinigung

Ganze sieben Jahre lang von 1938 bis 1945 ist Dr. Peyrer Bürgermeister von Grieskirchen und führt während dieser Zeit das "Tagebuch des Bürgermeisters", „in welchem er alle wichtigen Ereignisse, die die Gemeinde und die Bevölkerung dieser Stadt betrafen, festgehalten hat. Er tat dies ohne Wertung und Emotionen, lediglich als Tatsachenschilderung“, wird sein Sohn Günther 1995 im Rahmen der Veranstaltung "Was geschah vor 50 Jahren in Grieskirchen?", am 24. November 1995 der versammelten Zuhörerschaft verraten.

Auf Vorschlag von Gemeinderatsmitglied Anneliese Engl, fasst der Kulturausschuss der Stadtgemeinde Grieskirchen den Beschluss, auch eine Begleitbroschüre des Vortragsabends herauszugeben. „Zweifellos stellen diese Aufzeichnungen vor allem für die nachfolgenden Generationen ein wertvolles Zeitdokument dar“, stellt der damalige Bürgermeister Helmut Nimmervoll in einem Vorwort dazu fest.

Gemeinsam mit anderen Referenten spricht Dr. Günther Peyrer-Heimstätt, Sohn des im Jahre 1960 verstorbenen Altbürgermeisters, über die letzten Tage der Nazi Herrschaft in unserer Stadt. Er selbst bekleidete in den 70er Jahren das Amt des Vizebürgermeisters und noch im Jahr 2009 kandidierte er— trotz oder gerade wegen seines fortgeschrittenen Alters— für einen Sitz im Grieskirchner Gemeinderat als Kandidat der Freiheitlichen Partei.

Bevor er seinen Vater zu Wort kommen lässt, in dem er ein paar sorgfältig ausgewählte Eintragungen aus seinem „Tagebuch des Bürgermeisters“ vorliest, klärt er die Zuhörerschaft auf über das „schon herrschende allgemeine Durcheinander und den sich schon abzeichnenden Auflösungserscheinungen“, sowie den Willen einiger „jede Stadt, jedes Haus ist bis zum letzten Atemzug, wie es hieß, zu verteidigen“.

Für Dr. Günther Peyrer war wichtig, in dieser Rede über das Wirken seines Vaters, von der er wusste, dass sie als gedrucktes Zeitdokument für nachkommende Generationen bewahrt werden würde, eindeutig und klar herauszustellen, dass der NSDAP Bürgermeister von Grieskirchen, „damals in dieser Frage nichts oder nur wenig zu reden hatte. Entschieden wurde durch die NSDAP, die Militärs, die örtlich ganz verschieden entschieden und sich oft selbst widersprachen.“

„Die Bemühungen meines Vaters, unsere Stadt aus den Kriegsereignissen herauszuhalten, gestalteten sich daher zu einem nicht ganz ungefährlichen Hindernislauf.“, fährt er fort und lässt das „Tagebuch des Bürgermeisters“ von seinen Heldentaten erzählen, in welchem Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt— fast vermeint man daraus zu hören, die friedlichen Übergabe Grieskirchens an die amerikanischen Besatzungstruppen, wäre sein alleiniger Verdienst gewesen— die Stadt Grieskirchen vor der Zerstörung der letzten Kriegstage rettete.

Er schließt die Laudatio auf seinen Vater mit einer Anekdote über die französischen und belgischen Kriegsgefangenen, die „meinem Vater […] während des Krieges eben diese Gefangenen als Gemeindearbeiter zugeteilt [wurden] und […] zum Teil in der Turnhalle des Turnvereins am Bahnhofweg untergebracht [waren]. Mein Vater, der sehr gut Französisch sprach, besuchte diese Gefangenen regelmäßig zu Weihnachten, brachte ihnen kleine Geschenke mit –viel gab es damals ja ohnehin nicht – und hielt eine kleine Ansprache, in der er auf das schlimme Los aller Kriegsgefangenen auf dieser Welt hinwies und ihnen Trost zusprach, dass der Tag kommen werde, da auch sie wieder in ihre Heimat und zu ihren Angehörigen kommen würden. Es war nur eine kleine menschliche Geste, die dieses Wunder vollbrachte.“

Er fügt der Lobeshymne über das Wunderwirken seines Vaters eine Aufforderung an die Zuhörer und Leserschaft an: „Wir sollten uns gerade heute wieder mehr solcher Gesten entsinnen!!“

Wahrlich, die Stadt Grieskirchen darf stolz darauf sein, sieben Jahre lang, während der schwierigsten und bewegtesten Zeit, einen Bürgermeister wie Hermann Peyrer-Heimstätt gehabt zu haben. Auf der offiziellen Homepage der Stadt Grieskirchen scheint sein Name, in der langen, seit 1613 ungebrochenen Liste, der ehrwürdigen Bürgermeister der Stadt auf. Die Stadt Grieskirchen erinnert sich seiner Verdienste und ehrt ihn, dass er „die Grube für das am heutigen Standort befindliche Schwimmbad ausbaggern“ ließ, „die Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen zu Kriegsende als schwere Aufgabe übernahm“ und „verdankt Dr. Peyrer – Heimstätt eine kampflose Übergabe der Stadt an die einziehenden Amerikaner.“

Somit geht Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt kritiklos als ehrenwerter Bürgermeister und selbstloser Retter von Grieskirchen in die Geschichtsbücher der Stadt ein. Irgendwie hatte der Rechtsanwalt und Altbürgermeister es sich, dank seinem, auch noch lange nach dem Krieg, unverändert starken Einfluss und seinen Beziehungen, schon so gerichtet. Irgendwie ging es immer.

Die Mär vom "guten Nazi Bürgermeister"

Es wäre so leicht und schon fast zu schön, um die Mär vom „guten Nazi Bürgermeister von Grieskirchen“ glauben zu können.

In einem, im Oberösterreichischen Landesarchiv in Linz aufbewahrten Dokument der Bezirkshauptmannschaft Grieskirchen, berichtet der, von den Nazis im September 38 verhaftete und das KZ Buchenwald überlebende, spätere Bezirkshauptmann und Leiter der Österreichischen Freiheitsbewegung, Dr. Hofer, dem das eigentliche Lob für die kampflose Übergabe von Grieskirchen und anderer Städte der Umgebung, zugeschrieben werden sollte, dem CIC über Peyrer-Heimstätt:

Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt, der„einige Zeit vor dem Einmarsch der Amerikaner […] jener Gruppe von Grieskirchner Funktionären angehört“ habe, „die gegen eine Verteidigung der Stadt“ gewesen seien, allerdings habe er in Grieskirchen auch als „einer der Führer der national sozialistischen Bewegung“ gegolten, habe die „Stelle eines Parteirichters“ bekleidet und „in den Umsturztagen 1938“ sich „besonders widerlich“ benommen: „Er fotografierte [im März 1938] die Szenen, in denen die Leute [mutmaßlich antinazistischer Einstellung, Anmerkung] geschlagen wurden.“ In dem Bericht des Dr. Hofer sollen sich, laut Aussage mehrerer Zeugen, veritable „Prügelszenen“ im und um das Grieskirchner Gerichtsgefängnis abgespielt haben, welche Rechtsanwalt Peyrer, als völkischer bewegter Beobachter und Chronist von historisch bedeutungsvollen Momenten der Stadtgeschichte, auf Film für die kommenden Generationen festgehalten hatte.

Während sieben langer Jahre notierte der Nationalsozialist der ersten Stunde als amtierender Bürgermeister alle wichtigen Geschehnisse der Stadt in seinem „Tagebuch des Bürgermeisters“, welches bis auf einen kurzen Auszug einiger weniger Tage von Ende März bis Anfang Mai 45, unveröffentlicht ist und von seiner Familie unter Verschluss gehalten wird.

Über den Schreibtisch des Grieskirchner Nazi Bürgermeisters wandern während seiner Amtszeit viele wichtige Informationen über Ereignisse, welche das Geschick der Stadt in seiner bewegtesten und schwierigsten Zeit beeinflussten und lenkten. Die Gemeinde erstellt Judenstatistiken, Berichte über das Zigeunerunwesen und befasste sich mit Angelegenheiten, welche die zahlreichen Zwangsarbeiter aus dem Osten betrafen. Amtsarzt Dr. Emil Mayer genehmigt Zwangssterilisationen und schickt behinderte Mitbürger in den sicheren Euthanasie-Tod nach Hartheim. Gemeinsam mit Landrat Reiter und dem Baumeister Friedrich Reinhart genehmigt und plant man ein fremdvölkisches Kinderheim in Weng und diskutierte sicherlich am Bürgermeisterstammtisch auch mal über jenen polnischen Zwangsarbeiter, welche wegen einer Liebschaft mit einer Ortsansässigen, öffentlich gehängt wurde.

Ein geflissentlicher Tagebuchschreiber, welcher von seinem Bürgermeistersessel aus einen beinah uneingeschränkten Zugang zu den mächtigen Herren des Kreis Grieskirchen hatte, verfasste eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse der Stadtgeschichte, welche für den Historiker von heute wertvolle Quelle sein könnte, vor allem da die Pfarrchroniken zwischen 1938 und 1945 „verschollen“ sind und aus dieser Zeit nur die Schulchroniken und eine Stadtchronik von Emmi Reitter existieren.

Über Verantwortung

„Selbstverständlich war auch mein Vater als Bürgermeister […] verantwortlich für die Bevölkerung von Grieskirchen“ sagt Dr. Günther Peyrer, ohne jene Verantwortung anzusprechen, zu welcher er und seine Familie, als Nachfahren von Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt, den nachfolgenden Generationen von Grieskirchner Bürgern, eigentlich verpflichtet sein sollten.

Über 70 Jahre sind seit dem Zusammenbruch des Nazi-Terrorregimes bereits vergangen. Eine Zeitspanne, in der Generationen vergingen und neue geboren wurden. Wäre es nun nicht endlich an der Zeit, einen Appell an die Familie und die Nachfahren des ehemaligen Bürgermeister von Grieskirchen zu richten, und sie zu bitten, im Interesse der Wahrheitsfindung über die historische Vergangenheit der Stadt, das „Tagebuch des Bürgermeisters“ dem Oberösterreichischen Landesarchiv oder dem Stadtarchiv Grieskirchen übergeben, damit einige wichtige Lücken in der Geschichtsschreibung der Stadt geschlossen werden können.

Nicht die, von seitens der Stadtgemeinde betriebene, selektive und einseitige Geschichtsschreibung und „Weißwaschung“ der schwierigsten Jahre der Geschichte der Stadt Grieskirchen in einer dünnen Broschüre, nicht die kritiklose, undifferenzierte Stilisierung des Nazi Bürgermeisters zu einem selbstlosen „Retter und Gutmenschen“ auf der offiziellen Internetseite der Stadt Grieskirchen, ist wichtig für die Wahrheitsfindung einer Stadt mit bewegter Geschichte, sondern das unzensierte siebenjährige „Tagebuch des Bürgermeisters“ und seine filmischen Aufzeichnungen, falls jene nicht schon längst vernichtet worden sind.

Die Stadtchronik von Grieskirchen, sowie die Schulchroniken geben leider nur ein lückenhaftes Bild des Wirkens der Mächte und der Geschehnisse während der Kriegsjahre. Die Pfarrchronik der Jahre 1938 bis 1945 bleibt „verschollen“. Wichtige Ereignisse, wie der Fund von 21 Leichen von KZ-Häftlingen oder der Durchmarsch von „KZ-Häftlingen“ durch Grieskirchen Anfang März 1938, wurden nur wegen der mutigen Erinnerung einiger weniger Zeitzeugen vor dem vollständigen Vergessen bewahrt.

Manchmal glaubt man, dass eine Stadt, die von sich selbst behauptet, eine „Stadt zum Leben“ zu sein, im Verdrängen, Vergessen und Verschweigen seiner eigenen Vergangenheit, den Schlüssel für eine lebenswerten Zukunft sucht - leider vergeblich.

Ein abschließender Appell

Ich fordere in einem abschließenden Appell die Familie des ehemaligen Bürgermeisters Dr. Hermann Peyrer-Heimstätt auf, eine Geste verantwortungsvollen Handelns zu setzen und das zeitgeschichtlich wertvolle „Tagebuch des Bürgermeisters“ nicht länger unter Verschluss zu halten, sondern es einem öffentlichen Archiv zu übergeben, so dass den Grieskirchner Bürgern, die Möglichkeit geboten wird, wichtige Lektionen aus Geschehnissen der Vergangenheit ihrer Heimatstadt zu lernen, so dass die Fehler von einst, zu Mahnern für eine bewusst gelebte, glückliche Zukunft werden.


Verwendete Quellen:

OÖLA/BH Grieskirchen/II/189: 23.8.1945, Politischer Lagebericht Nr. II
OÖLA/BH Grieskirchen/II/189: „Grieskirchen, am 22.8.1945“
OÖLA/Poltische Akten: 1998 aufgenommen als „Ernst Kaltenbrunners Memoiren“
Audio Aufzeichnung der Rede Kurt Schuschnigg
ÖTB Bad Schallerbach
Mag. Martin Demelmair bahnbrechende Aufarbeitung der Geschichte Grieskirchens
Thomas Karny „Der Wandel nach dem Februar 34“
Offizieller Webauftritt der Stadtgemeinde Grieskirchen
Grieskirchen vor 50 Jahren - Zeitzeugen berichten
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Heinz Bauer aus Grieskirchen | 27.05.2017 | 03:43   Melden
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