14.06.2017, 00:01 Uhr

Sozialmarkt Peuerbach: Noch haben viele Hemmungen

Bereits am Vormittag werden die Waren von den Supermärkten der Region abgeholt. (Foto: Sozialmarkt Peuerbach)

Es fehlt an Überwindung: Viele schämen sich, in den Sozialmärkten der Region einzukaufen.

PEUERBACH (jmi). Ein Tag im Sozialmarkt Peuerbach: "Viel zu tun, obwohl wir nur dienstags und freitags für jeweils drei Stunden öffnen. Aber hinter den Kulissen muss fleißig gearbeitet werden", erklärt Leiter Josef Bauer. Das Team – mittlerweile 40 Ehrenamtliche – beginnt bereits zu früher Stunde. Dann werden Supermärkte und Bäckereien in der Region abgeklappert. In die Kisten kommen Lebensmittel und Hygienegüter – alles Restprodukte, Erzeugnisse mit beschädigter Verpackung, abgelaufene Waren. Jetzt geht es weiter: Artikel sortieren, Schlechtes ausrangieren, Verpackungen kontrollieren, Preise etikettieren. "Die Preise legen wir selber fest – ungefähr ein Drittel des Normalpreises. Es kann aber auch sein, dass wir etwas herschenken. Etwa, als wir Unmengen an Bananen bekommen haben. Das ist sicher besser als wegwerfen", so Bauer.

Erst Ausweiskontrolle, dann einkaufen

Berechtigte dürfen im Sozialmarkt täglich für 15 Euro, pro Woche für 30 Euro einkaufen. Klingt wenig, aber: Produkte bekommt man schon um 20, 30 Cent. Der durchschnittliche Einkauf beträgt etwa 5, 6 Euro. Den Missbrauch dieser günstigen Einkaufsmöglichkeit befürchtet der Sozialmarktleiter nicht: "Erstens kennen wir die meisten Einkäufer. Zweitens kontrollieren immer zwei Mitarbeiter die Ausweise, damit niemand mehrmals einkauft." Im Schnitt werden rund 30 Ausweise pro Einkaufstag kontrolliert. Zu wenig, wie Bauer findet: "Es dürfen ruhig mehr Einkäufer sein – Lebensmittel haben wir genug. Aber noch gibt es Hemmungen. Für viele ist es eine Überwindung, im Sozialmarkt einzukaufen sowie eine Berechtigung am Gemeindeamt zu holen. Nach dem Motto: Was könnten denn die Nachbarn sagen? Aber Armut ist keine Schande. Das muss auch bei der Bevölkerung ankommen." Zudem wüssten viele nicht, ob sie für einen Einkauf berechtigt sind (Infos dazu in der Spalte rechts).

Auf Gutscheinspenden angewiesen

Im Vergleich zur Eröffnung im Herbst 2016 sei es aber mit der Akzeptanz in der Bevölkerung "schon besser geworden". Probleme mache immer noch die Anbindung: "Der Peuerbacher Sozialmarkt ist für die ganze nördliche Region zuständig. Aber viele haben keine oder nur sporadische Fahrgelegenheiten. Im Idealfall finden sich Freiwillige, die Einkäufer zu den Öffnungszeiten herfahren." Das macht bereits eine ehrenamtliche Rotkreuz-Mitarbeiterin, die eine Flüchtlingsfamilie in Neumarkt einmal im Monat zum Sozialmarkt fährt. Weitere Herausforderung: Der Sozialmarkt darf nichts kaufen, sondern Produkte nur mittels Warengutscheine erstehen. "Darum sind wir auch auf Gutscheinspenden von Privatleuten, Organisationen und Vereinen angewiesen. Damit kaufen wir zusätzliche Produkte ein", so Bauer. Wer sich ein Bild vom Sozialmarkt Peuerbach machen will, kommt zum Tag der offenen Tür: Sonntag, 25. Juni von 9 bis 15 Uhr.

Informieren und Hürden überwinden

Kommentar von Julia Mittermayr

Zehn Eier kosten einen Euro – dieses Preis-Leistungs-Verhältnis findet man nur in Sozialmärkten. Laut Statistik Austria gibt ein österreichischer Haushalt für Lebensmittel und Körperpflegeprodukte im Schnitt 420 Euro im Monat aus. Eine Summe, die Einkäufern des Sozialmarkts fremd ist. Viele müssen jeden Cent zweimal umdrehen und können sich Selbstverständlichkeiten nicht so einfach leisten. Lebensmittel gäbe es laut Josef Bauer, Sozialmarktleiter in Peuerbach, genügend. Das Problem liegt woanders. Es kostet Überwindung, im Sozialmarkt einzukaufen. Erste Hürde: nicht zu wissen, ob man einkaufsberechtigt ist. Zweite Hürde: die Bestätigung des Einkommens am Gemeindeamt einzuholen. „Was könnten denn die Nachbarn denken?“, fragt sich so manch einer und betritt gleich gar nicht erst einen Sozialmarkt. Dass Armut natürlich keine Schande ist, wollen auch die Sozialmarkt-Mitarbeiter vermitteln – etwa beim Tag der offenen Tür.

Fotos: Sozialmarkt Peuerbach
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