20.11.2017, 20:19 Uhr

Wehe den Besiegten: Von der Asche der Welt

(Foto: Wikimedia.org)

„Durch Gerechtigkeit muß das Land bestehen,
durch Unrecht wird es ganz vergehen.“

Der Morgen ist kühl mit Temperaturen um den Gefrierpunkt und selbst tagsüber werden sie nicht über 8 Grad klettern, ein trostlos grauer Oktobertag in München. Durchgehend mäßiger Sprühregen fällt auf den Ostfriedhof, als um 9 Uhr früh, zwei Armeelastwägen, begleitet von einer Militäreskorte aus sechs Jeeps und mit Maschinengewehren bewaffneten Soldaten, nach 200 km langer Fahrt, auf Umwegen von Nürnberg kommend, vor jenem Krematorium vorfahren, in dem die Nazi-Diktatur die Leichen tausender ihrer Gegner und Opfer verbrannt hatte.

Es ist Mittwoch, der 16. Oktober 1946. US-Soldaten entladen elf Holzkisten, welche, so wurde ihnen gesagt, die Leichen verstorbener amerikanischer Soldaten enthalten und die unter der Aufsicht von Offizieren eingeäschert werden sollen. Auf jedem Sarg klebt ein Zettel, auf einem steht „George Munger“, auf einem anderen "Abraham Goldberg“. Doch liegen in den Särgen weder die sterblichen Überreste des Trainers des Football-Teams der Universität von Pennsylvania oder der Jude „Goldberg“, noch enthalten sie die Leichen der anderen Mitglieder jener Fußballmannschaft. Auch sind sie keine verunglückten amerikanischen Flieger, als welche sie der Chef-Bestatter der US-Army, Major Rex S. Morgan, in die Krematoriumsakten einträgt.

30 oder 40 Soldaten schleppen die elf Sperrholzkisten in den Keller des aus grauen Steinblöcken errichteten Krematoriums, wo sich die Verbrennungsöfen befinden. Die hölzernen Särge werden geöffnet und die, in Bettlacken gehüllten Leichen, von Amerikanischen, Britischen, Französischen und Sowjetischen Offizieren inspiziert. Erst jetzt erfahren die Anwesenden die wahre Identität der Toten.

Es sind die Leichen der in der Nacht zuvor am Galgen hingerichteten Nazi Hauptkriegsverbrecher. George Munger ist Hermann Göring, der sich kurz vor seiner Hinrichtung mit Zyankali das Leben nimmt. Der Judenhasser und Herausgeber der propagandistischen Hetzschrift „Der Stürmer“, Julius Streicher, wird als „Abraham Goldberg“ ohne jegliches Zeremoniell in den Ofen geschoben. Ein letzter Triumph über einen rassistischen Menschenhasser. Nacheinander werden in den Öfen zu Staub verbrannt: Außenminister Joachim von Ribbentrop, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Wilhelm Keitel, der Chef der Sicherheitspolizei und des RSHA, Ernst Kaltenbrunner, Reichsminister für die besetzten Ostgebiete Alfred Rosenberg, der Generalgouverneur von Polen Hans Frank, Innenminister Wilhelm Frick, Gauleiter von Thüringen Fritz Sauckel, Generaloberst Alfred Jodl und der Reichskommissar für die Niederlande Arthur Seyss-Inquart.

Da die Särge aus dickem Sperrholz gezimmert sind, dauert es über eine Stunde, bis die 1000 Grad heiße Gasflamme, den Körper in Asche verwandelt und so wird es 11 Uhr nachts werden, bis die schlimmsten Kriegsverbrecher des Großdeutschen Alptraums zu Staub der Geschichte zerfallen.

In der öffentlichen amtlichen Mitteilung wird verlautbart: „Die Leiche Hermann Wilhelm Görings ist zusammen mit den Leichen der Kriegsverbrecher, die gemäß dem Urteil des Internationalen Gerichtshofes am 16. Oktober in Nürnberg hingerichtet worden sind, verbrannt und die Asche im geheimen in alle Winde verstreut worden.“ Doch die Wirklichkeit ist anders, als diese offizielle Verlautbarung die Bevölkerung glauben läßt. Eine Lüge, absichtlich verbreitet, um jeglichen Nazi Totenkult zu verhindern.

Die „Villa Oberhummer“

Im Münchner Stadtteil Solln, an der Heilmannstraße 25, befindet sich eine imposante Villa, welche im Jahr 1901 im englischen Landhausstil von Gustav Schellenberger erbaut und später von dem berühmten Architekten Jakob Heilmann erweitert wurde. Der ehemalige Besitzer der Villa, verheiratet mit Heilmanns Tochter, ist der Geheime Kommerzienrat und Konsul Roman Oberhummer, der von seinem Vater das angesehene Kaufhaus „Roman Mayr“ in München übernommen hatte. Gemeinsam mit anderen wohlhabenden Kaufleuten, dem SS-Führer der Gestapo und der Polizeidirektion München nimmt Kommerzienrat Oberhummer Ende April 1935 an der Gründungsversammlung der Münchner Zentrale für das antisemitische Hetzblatt "Der Stürmer" des fränkischen Gauleiters Julius Streicher teil, die neben Auslieferung und Abonnentenwerbung auch den Verkauf des antisemitischen Hetzblattes auf der Straße übernimmt um der "stetigen Erhöhungen der Umsätze der jüdischen Geschäfte" entgegenzuwirken. Roman Oberhuber beteiligt sich mit 200 Reichsmark und es stört ihn nicht im geringten, dass unter Duldung durch die Münchener NSDAP-Gauleitung und SS- und Polizeiführung, nächtlich Schaufenster jüdischer Geschäfte und Kaufhäuser eingeschlagen werden, da auch sein Kaufhaus „Roman Mayr“ in den folgenden Jahren von der "Arisierung" der jüdischen Betriebe profitierten wird.

Siegfried und Hagen in Pullach

Wenn man von der „Villa Oberhummer“ zwei Kilometer die Heilmannstraße entlang Richtung Pullach spaziert, erreicht man ein Gelände, welches eine sehr interessante Geschichte aufweist, die Anfang der 30er Jahre beginnt, als ambitionierte Nationalsozialisten aus ganz Deutschland in die „Hauptstadt der Bewegung“ ziehen, um unter Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess zu arbeiten. Martin Bormann, der selbst in einem repräsentativen Haus, der Stabsleitervilla wohnt, läßt von 1936 bis 38 die NS-Mustersiedlung, „Reichsiedlung Rudolf Hess“, auch „Sonnenwinkel“ genannt, errichten mit Häusern, umgeben von weitläufigen Gärten zur Selbstversorgung für die Nazi-Privilegierten und ihren kinderreichen Familien. Als der Krieg beginnt läßt er dem Führer auf dem Gelände das Führerhauptquartier „Siegfried“ errichten unter dem der „Hagen“ Bunker mit seinen 3.5 Meter dicken Stahlbetonmauern angelegt wird. Das ganze verschlingt 13 Millionen Reichsmark, das Zehnfache des neuen Führerbunkers im Garten der Reichskanzlei in Berlin. Hitler benutzt den Bunker kein einziges Mal.

In Pullach ist Adolf Hitler jedoch immer wieder gerne zu Gast, kommt einmal im Jahr für ein paar Tage vorbei und schätzt die Ruhe der Anlage, wo er unter anderem das Münchner Abkommen vorbereitet. Den ersten Besuch Hitlers in Pullach am 14. September 1938 vermerkt Martin Bormann in seinem Taschenkalender: „Besuch des Führers im Sonnenwinkel (lange Besprechungen mit Ribbentropp im Hause Bormann). Hernach Fahrt zum Obersalzberg.“ Für die bequeme Anreise des Führers wird eigens eine Bahntrasse angelegt, welche von der Strecke München-Wolfratshausen abzweigt und direkt auf das Gelände führt womit Pullach zur perfekten Station zwischen Hitlers Privatwohnung am Münchner Prinzregentenplatz und dem Berghof oberhalb von Berchtesgaden wird.

Ein Platz an der Sonne

Die Bewohner des idyllischen „Sonnenwinkels“ sind glühende Nationalsozialisten und vor allem die Söhne und Töchter der Pullacher NS-Elite erleben ihr Zuhause als Kinderparadies mit großen Wiesen und Spielplätzen. 1943 verlegt Generalfeldmarschall Erwin Rommel seine Befehlszentrale in das Führerhauptquartier und bereitet dort nach Mussolinis Sturz die Besetzung Italiens vor. Während München in Schutt und Asche gebombt wird und die Luft erfüllt ist vom Gestank verwesender Leichen unter eingestürzten Häusern, zieht der Krieg an den, mit einem dunklen Tarnanstrich versehenen Häusern vorbei. Die Reichssiedlung wird niemals direkt getroffen und die Menschen spazieren in Pullach herum, als ob der Krieg sie nichts angehe.

Vor den heranrückenden Alliierten Truppen wird im April 1945 die Siedlung plötzlich geräumt, so dass die Amerikaner, als sie am 30. April die Heilmannstraße erreichen, anstatt der erwarteten SS-Kaserne, eine leere Wohnsiedlung mit riesigem Bunker vorfinden. Nach Kriegsende richtet sich auf dem Gelände eine Zensureinheit der US-Armee ein, die Post und Telefone in Deutschland überwacht und hofft Kriegsverbrecher aufzuspüren. Unter den Mitarbeitern sind neben deutschsprachigen Emigranten auch Holocaust-Überlebende, die nun zum Teil in den früheren Häusern von NS-Verbrechern wohnen. Am 6. Dezember 1947 zieht in der Heilmannstraße 30 und den übrigen Häusern der ehemaligen Siedlung „Rudolf Hess“ die Organisation Gehlen ein, ein von US-Behörden aus deutschem Nazi und SS-Personal gebildeter Nachrichtendienst, der später in Bundesnachrichtendienst (BND) umbenannt wird.

Die Asche der Welt

Am 9. September 1944 verstirbt Roman Mattias Oberhummer 73 jährig und erlebt deshalb nicht mehr wie am 17. Oktober 1946 amerikanische Soldaten, elf runde Aluminium Zylinder, 40 cm hoch und 15 cm im Durchmesser, in seine weiße Stuckvilla in München-Solln tragen, welche zuvor von den Besatzern für diskrete Zwecke requiriert worden war.

In den schmucklosen Urnen, die Asche der schlimmsten Nazi-Verbrecher, welche die Verantwortung für den Tod von Million unschuldiger Menschen trugen und ganze Länder in Schutt und Asche gelegt hatten. Drei oder vier Soldaten, ein hochrangiger US-Army-Offizier, der Chef-Bestatter der US-Armee, Major Rex S. Morgan, sowie ein ziviler Leichenbestatter steigen, die Aluminiumdosen in der Hand, eine Treppe hinunter zum tiefer gelegenen Garten. Durch diesen fließt der Wenzbach, ein kleiner, nichts-sagender Bach im Süden von München. Er entspringt in der Adolf-Wenz-Straße nahe der Großhesseloher Brücke und fließt auf nur etwa 1 km Länge entlang der Conwentzstraße und dem Isarwerkkanal, in den er beim „Isar-Flößerdenkmal“ mündet.

75 Meter unterhalb der Villa stellen die Soldaten neben dem, kaum drei Meter breiten Bach, die elf Zylinder in das Gras und beginnen mit Äxten auf die Urnen einzuschlagen bis sie aufplatzen. Achtlos schütten sie den Inhalt, die sterblichen Überreste, der, am Vortag in der Turnhalle des Nürnberger Gefängnisses gehenkten deutschen Hauptkriegsverbrecher, in den Bach, der die Leichenasche davonträgt. Die leeren Behälter zerschlagen die Militärs mit Äxten und treten das zerfetzte Blech mit ihren Stiefeln platt. Nichts darf mehr von den Nazi-Verbrechern und deutschen Regierungsmitgliedern übrig bleiben, nichts soll mehr an den Abschaum der Menschheit erinnern.

Noch in seiner Nürnberger Gefängniszelle hatte der eitle Reichsmarschall Hermann Göring schwadroniert, dass seine Gebeine eines gerechten Tages in einem "Marmorsarg" landen würden, das Volk werde ihm "Statuen" setzen, "große in den Parks und kleine in jedem Wohnzimmer". Er irrte ein letztes Mal.

Die Sieger stellen sicher, dass niemand die Spur der sterblichen Überreste der Nazi-Führer aufnehmen konnte. Keine Reliquie, kein Andenken, keine Würdigung. Nichts. Die Asche der elf Nazi-Verbrecher sollte sich verdünnen mit allem Wasser dieser Welt, einer Welt, die durch deren Schuld und Barbarei, zu viel Leid ertragen musste.


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