Der Mythos der Geierwally

Victoria Schaur spielt die Wally.
  • Victoria Schaur spielt die Wally.
  • Foto: Thaurer Schlossspiele
  • hochgeladen von Stefan Fügenschuh

THAUR. Das Stück hat eine Menge Geburtshelfer, das Leben der realen Malerin Anna Stainer-Knittel lieferte geradezu eine Steilvorlage für die Autoren Ludwig Steub, Wilhelmine von Hillern, die Künstlerbiographie Helga Reicharts, und zuletzt die Ideen von Regisseur Reiner Bachor, der hier eine eigenwillige und originelle Version mit einem elfköpfigen Laienensemble der Thaurer Schlossspiele erarbeitete.
Der Inhalt in Kürze: Wally ist das einzige Kind eines Großbauern und Witwers, das vom Vater keine Liebe erfährt, der lieber einen Erben hätte. Das reizt die Tochter zu gewagten Unternehmungen, wie das Ausnehmen eines Lämmergeiernestes, bei der sie vom Jäger Josef durch einen Schuss auf das angreifende Muttertier gerettet wird. Sie verliebt sich in ihn und gibt dem Vater zu verstehen, dass sie nie und nimmer den für eine Ehe vorgesehenen Verwalter Vinzenz heiraten wird. Wer nun fürchtet, ein verzopftes Stück mit ausgestopften Geiern und krachledernen Hosen zu erleben, kann beruhigt sein, denn moderne Regiekonzepte und eine dezente Videotechnik dienen dem soliden Aufbau der drei Akte, erzählende Sequenzen werden auf großer Leinwand filmisch dargestellt mit herrlichen Bildern aus der Tiroler Bergwelt mit urigen Locations.
Dazu stimmige Konservenmusik des Südtirolers Pixner mit „Morgenrot“ & „Südost“. Sabine Fritz gibt in einem Vorspann der Figur Anna Stainer-Knittel Gesicht und Stimme, sie erzählt in ruhigem, sinnenden Ton ihre reale Geschichte, die literarisch erhöht in einem Roman und später Theaterstück zu einem anhaltenden Mythos führte.
Victoria Schaur hat sich tief in die Figur der herben und zugleich verletzbaren Wally begeben und wird dieser in jeder Phase gerecht. Horst Feichtner kann überzeugend Härte und Jähzorn des Vaters transportieren, dem charakterlosen Vinzenz (Robert Weissnicht) vergönnt man von Herzen das verdiente Ende, so wie man dem Jäger Josef (Manuel Rogg) die Versöhnung mit happy-end wünscht. Karl Frech ist der gütige Altknecht Matthias, sensibel und differenziert, auf Augenhöhe dazu die resche Oberdirn (Maria Helm). Ein erfrischendes Jungpaar sind Katharina Helm als Leni und Michael Feichtner als Knecht Ander mit nachvollziehbaren Testosteronschüben, Melanie Hölbling als Afra entpuppt sich als Josefs Schwester, Monika Rogg ist die Wirtin zum „Lamm“.
Für Ungeduldige wird’s hart, immerhin werden in zwei Stunden Monate zusammengerafft, die Liebe provoziert brütende Gebirgsdramen, da ist kein Platz für Fensterln und one-night-stands. Reiner Bachor hat auch die Produktionsfäden in der Hand, kann aber auf einen verlässlichen Theaterverein bauen, der alles wie am Schnürchen abliefert. Und wenn man zu Fuß den Heimgang über den Kalvarienberg wagt und die Sterne funkeln, kann’s ganz schön romantisch werden.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen