Mageseng > Masésǝnk > Macesence

Die Škrlatica, von St. Paul im Gailtal aus gesehen.
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Ein Untergailtaler Horizont

Der herrliche Blick vom „St. Pauler Bichl“ in die Julischen Alpen ist wohl so manchem Villach-Fahrer bekannt. Von diesem Panorama angezogen, mache ich mich auf den Weg vom Aljaž-Haus im slowenischen Vratatal auf die Škrlatica.
Škrlatica, die Scharlachrote, benannte sie ihr Erstbesteiger und Erschließer der Julischen Alpen, der unvergleichliche Julius Kugy. Wegen ihrer Position und Höhe wird sie oft als die Frau von König Triglav bezeichnet.
Wie viele Julier bietet dieser Berg einen langen Anstieg.
Bereits beim Abmarsch bemerke ich in der Karte einen Flurnamen, der mich augenblicklich an das Mageseng im Plöckengebiet denken lässt. Was hinter dem Namen Macesencesteckt, sagt mir gleich das Wörterbuch am Smartphone: „die Lärche“ ..und tatsächlich zieht sich diese Baumart den Bergfuß des Stenar hinauf.
Die Tour entwickelt sich prächtig, wird zum Highlight in meiner Sammlung.
Wie ein deutsches Klettersteigautoren-Pärchen auch, mache ich nach dem Škrlatica-Gipfel die Überschreitung nach Süden zum Pogačnik-Haus. Auf dieser Wanderung vis-a-vis des Triglav sind wir heute wohl die einzigen und wissen das zu schätzen.

Der Obergailtaler Horizont

Wie könnte also ein Lärchenwäldchen ins Plöckengebiet passen, frage ich mich?
Eine Begehung des Mageseng bringt Zweifel am  Interpretationsversuch, Lärchen sind rar hier!
Die Deutung des Mageseng aus 1929 (zumindest ist mir keine ältere bekannt) vom Erschließer der Karnischen Alpen und prominenten Wiener Antisemiten Eduard Pichl mit dem „Magazin“ der Franzosen ist omnipräsent, wo unser Tal doch hunderte weitere, interessante Flurnamen bietet.
Pichl war ebenso wie der große Kugy Erfinder von Bergnamen (Blaustein für den Promos, Frischenkofel für den Cellon), allerdings mit der Einseitigkeit des Nationalisten. Dass er in faschistischer Verblendung das noble Französisch dem lokalen Slawisch vorzog, ist für mich augenscheinlich. 

Unterschiedliche Expertenmeinungen bezweifeln immerhin die Franzosentheorie. Heinz-Dieter Pohl:"Landesfremde (nördlich-bundesdeutsche) Aussprache, daher unwahrscheinlich!“ , aber für die Lärchen-Variante bräuchte es Belege! Rupert Gietl:"In Tirol hielt die Herleitung von Flurnamen aus dem Französischen in keinem einzigen Falls einer fachlichen Überprüfung stand"

Tatsächlich findet sich auf Luxemburgisch, einem westmitteldeutschen Dialekt, "Mageseng" für Magazin. Die Verirrung in unseren Südbairischen Sprachraum könnte wiederum mit den deutschnationalen Aktivitäten von vor 100 Jahren erklärt werden.   

Ein Gailtaler Slowene macht mich auf „Mezesnik“ hoch über Uggowitz aufmerksam. Ja, die Alm kenne ich, jedoch der Zusammenhang mit Lärche ist mir neu. Es fügt sich, dass zur Kanaltaler Toponomastik gerade ein umfassendes Buch erscheint. Zu Mezesnik findet sich hier im Kanaltalerisch-Gailtalerischen „Windisch“ die Gebietsbezeichnung "Masésǝnk". Und damit, so scheint mir, sind wir auf halber Strecke zu unserem Obergailtaler Mageseng, räumlich als auch vom Wortsinn her.

Aber wo zwischen dem Obergailtaler Mittagskofel (Heinz-Dieter Pohl: Poliník aus slowenisch poldenik „Mittagsberg“) und den Ochsenalmen (Heinz-Dieter Pohl: Valentinalm, 1680 Moledin Fl[uss], 1718 Möledin Fl[uss], 1785 Walentin Alpen, mundartlich Woltíne, aus slowenisch voletina „Ochsengegend“) findet sich also das besagte Lärchenwäldchen?

Napoleons Soldaten, welche von 1809 bis 1813 das Gailtal besetzt hielten, waren lt. Heinrich Koban für den sog. Franzosenweg von der Unteren Valentinalm abwärts zur Lagerstatt, immer nördlich des Valentinbachs in Richtung Ederwirt, verantwortlich. Ein angebliches Magazin oder Lager im Bergsturz- und Blockmoränengebiet knapp westlich der Kreuztratte wäre da alles andere als logisch. Die heutige Straße über die Steilstufe existierte übrigens damals noch nicht.
Wie ein Blick in alte Karten zeigt, führte Ende des 18. Jhdts, noch vor der Franzosenzeit, die Plöckenroute über den sog. Leitersteig, welcher direkt hinter dem heutigen Soldatenfriedhof ansteigt und noch bestens erkennbar ist. Der Weg in die Valentinalmen hingegen strebte nach Westen, immer südlich dem Valentinbaches entlang.

Als Variante, soweit instandgesetzt, wird seit der Römerzeit auch der Weg über die Theresienhöhe begangen! 
Möglicherweise liegt hier der Schlüssel zu gefragtem Wäldchen. Denn bald nach der Kreuztratte weitet sich das Valentintal, die Lärchen in den Bergflanke rücken näher und ziehen sich bis zum Almboden auf Höhe der unteren Valentinalm herab. Der offene, luftige Landschaftsbereich, geformt von den Lawinengängen des Cellon, ist insgesamt idealer Standort für diese Baumart. Es ist der erste, größere Lärchenbestand ab Mauthen und heute noch ein markanter Wendepunkt in der Wegführung. Als Orientierungshilfe erscheint mir eine Benennung des Ortes durch die Slawen des Früh- oder Hochmittelalters gut vorstellbar. 
Wir befinden uns ca. 15 Gehminuten weiter westlich von Pichl’s Mageseng, bezogen auf die ehemalige Wegtrasse am südlichen Valentinufer.

Manche Bergnamen haben den Ursprung in den darunter gelegenen Almen. Hier sei auf den Monte Scarniz verwiesen, welcher im Bereich des Hohen Triebs liegt und den Kronhofgraben nach Süden abschließt. Scarniz bedeutet Kessel und fünf Almen im Bereich der heutigen Bischofalmen trugen vor gut hundert Jahren noch diesen Namen. Letztlich blieb einzig auf den italienischen Karten der Bergname übrig, nachdem der Almkessel über viele Jahrhunderte in Friauler Besitz und der Berg eine Art Wegweiser vom Süden war.
Dieses Beispiel deshalb, um zu veranschaulichen, dass Flurnamen nicht unbedingt statisch sind und oft nur  im Kontext richtig interpretiert und lokalisiert werden können.

Die Plöckenroute wird seit Urzeiten als Übergang vom und in den Süden benutzt, außerdem im Gebiet seit Jahrhunderten Almwirtschaft (Stichwort Ochsengegend) betrieben und damit die Landschaft offen gehalten. Die teilweise sehr kompakte Fichtenbepflanzung erfolgte erst in den letzten Jahrzehnten.

Unabhängig von den Überlegungen zum Lärchenwäldchen sei festgehalten:
Im Anschluß an die keltisch-römische Zeit und insgesamt wohl über viele Jahrhunderte hat eine dünne, slawische Besiedlung pionierhaft die heutige Kulturlandschaft vorbereitet und uns mit ihrem Namensgut ein interessantes, immaterielles Erbe hinterlassen.

Zu den Sprachgruppen des Mittelalters schreibt übrigens Dieter Neumann 1976 in „Das Kärntner Lesachtal“ , dass Quellen noch in der ersten Hälfte des 14. Jhdts für das Obere Gailtal slawische Personennamen in größerer Anzahl erwähnen.
Später ging die slawische Bevölkerung in der deutschen Mehrheit auf, so wie es ein bis zwei Jahrhunderte früher im Lesachtal der Falls war.

Buchtipp:

„An der Schnittstelle dreier Kulturen“ und „Lesachtaler Namenbuch“ von Regina M. Unterguggenberger

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