Andreas Pittler mit neuem Bronstein-Krimi
"Die Wahrheit ist nicht immer gefragt"

Autor Andreas Pittler
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Autor Andreas Pittler sieht in seinem neuen Krimi durchaus Parallelen zur aktuellen Regierungskrise.

Ihre Hauptfigur, der Wiener Kriminalist David Bronstein, kommt aus Hernals, ist eigentlich Jude, und bekennt sich zum Protestantismus. Was sagt das über ihn aus?
David Bronstein ist durch diese seine Herkunft und seine, wenn man so will, religiöse Orientierung nachgerade archetypisch für eine gesellschaftliche Gruppe im Österreich der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Viele Persönlichkeiten, die jüdischen Familien entstammten, fingen mit den jüdischen Gebräuchen recht wenig an und sahen sich als aufgeklärte Weltbürger, wie etwa Egon Friedell, Stefan Zweig oder auch Victor Adler. Auch Bronstein selbst meint, mit Schiller und Goethe mehr gemeinsam zu haben als mit einem Rabbiner aus Galizien. Doch die latent antisemitische Umgebung, mit der diese Menschen damals schon konfrontiert waren, lässt ihm immer weniger Spielraum für diesbezügliche Illusionen. Wir können eben oftmals nicht sein, was wir sein wollen, sondern müssen sein, was man aus uns macht. Diese Erkenntnis wird Bronstein im Laufe der Jahre mehr und mehr bewusst.

Sie sind Margaretner,  aber in Hernals geboren. Haben Sie und ihre Figur Bronstein „Hernalser Gemeinsamkeiten“?
Als David Bronstein als Held einer Krimiserie in meinem Kopf erstmals Gestalt annahm, da wollte ich ihn eigentlich als genaues Gegenteil von mir formen: pedantisch, akkurat, pflichtversessen, streber- und wohl auch ein wenig oberlehrerhaft. Doch das schien ihm nicht zu gefallen. Von Fall zu Fall wurde er mir ähnlicher. Er rauchte immer mehr, entwickelte einen ausgeprägten Hang für gutes Essen und trieb sich am Sportclub-Platz herum. Es war daher geboten, von Zeit zu Zeit innezuhalten, um sicherzustellen, dass Bronstein noch Bronstein ist und nicht etwa mein Alter Ego. Und natürlich spielen für Bronstein Hernals, aber auch Margareten, eine wichtige Rolle, ganz einfach, weil ich mich dort am besten auskenne und auch weiß, wie es in diesen Bezirken früher aussah. So entsteht in den Romanen ein realistisches und daher auch sehr lebendiges Bild von Bronsteins Zeit und seinem Umfeld.

Ihre Romanreihe zu Bronstein verläuft contra-chronologisch. Der Ermittler wird also immer jünger. Was soll dieser Aufbau bei den Lesern bewirken?
Da ist der (verhinderte) Lehrer in mir zum Durchbruch gelangt. Ich vertrete nämlich die Auffassung, dass man, um an die Wurzel eines Problems zu gelangen, immer tiefer graben muss. Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich war eben die Konsequenz aus den Ereignissen des Jahres 1934 (die Errichtung eines ständestaatlichen Regimes), die wiederum die Folge aus dem Jahr 1927 (Justizpalastbrand) waren. Und die Ausrufung der Republik 1918 zeigte bereits, dass nicht alle Menschen mit dem Ende der Monarchie und der Errichtung einer demokratischen Republik einverstanden waren. Denn viele Probleme, mit denen sich Österreich nach dem Ersten Weltkrieg konfrontiert sah, waren eigentlich schon im System der Donaumonarchie grundgelegt. Und diese Ereigniskette ins Bewusstsein zu rufen, ist, wenn man so will, mein historisch-politischer Anspruch bei meiner literarischen Arbeit.

Beim „Vergessenen Fall“ stellt sich heraus, dass Bronsteins Vorgesetzte kein Interesse an der Aufklärung des Falls haben. Ist für Sie ein solches Vorgehen auch heute noch vorstellbar (Stichwort: Regierungskrise)?
Davon bin ich sogar fest überzeugt. Die Herrschenden haben zu jeder Zeit den Hang, sich demokratischer Kontrolle zu entziehen. Ihr Sein bestimmt, wenn man so will, ihr Bewusstsein. Und man muss heute erkennen, dass wir es wieder mit einer Krise der Demokratie zu tun haben, die rasch zu einem substanziellen Problem werden kann, wenn wir nicht wachsam bleiben und Gegenmaßnahmen ergreifen. Für mich als Historiker ist es schon auffallend, dass auch in der Zwischenkriegszeit zuerst Staaten wie Polen, Ungarn und Italien aus dem demokratischen Konsens ausscherten. Parallelen zum Heute sind da, wie ich meine, naheliegend. Ich hoffe aber, dass wir als europäische Gesellschaft doch etwas aus der Geschichte gelernt haben und diesmal klüger sind – wobei ich versuche, mit meinen Büchern zu diesem „klüger sein“ ein wenig beizutragen.

Sie haben Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft studiert. Wie sind die derzeitigen Ereignisse rund um das „Ibiza-Video“ einzuordnen?
Das ist natürlich eine nicht sehr leicht zu beantwortende Frage. Man muss, denke ich, den Gesamtzusammenhang sehen. 1920 etwa haben die Konservativen – die Vorgänger der heutigen ÖVP – den Konsens mit der Sozialdemokratie aufgekündigt und stattdessen eine Bürgerblockregierung gebildet – so wie es Wolfgang Schüssel 2000 und Sebastian Kurz 2017 taten. Auch in der Ersten Republik gab es eine ganze Menge Skandale, die zumeist von Vertretern des deutschnationalen Lagers ausgingen. Vergessen wir nicht, auch Karl Heinz Grasser kam ja eigentlich aus der FPÖ. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat die ÖVP versucht, das „dritte Lager“ in die Regierung zu holen, doch Bundespräsident Theodor Körner hat sich geweigert, „blaue“ Regierungsmitglieder zu ernennen, weil er damals meinte, mit denen sei kein Staat zu machen. Vielleicht wäre es gar nicht so falsch gewesen, wenn sich Bundespräsident Van der Bellen das 2017 auch gedacht hätte. Persönlich bin ich aber nicht unglücklich über „Ibiza und die Folgen“, denn wer weiß, zu welchen weiteren Verschlechterungen es in Österreich gekommen wäre, hätte diese Regierung einfach so weitermachen können.

Wenn Bronstein heute in Wien ermitteln würde, welche Entdeckungen würde er machen?
Er würde wahrscheinlich ähnliche Probleme haben wie in der Zwischenkriegszeit. Die Wahrheit ist nicht immer bei allen gefragt, und in der Tat hat der Volksmund nicht völlig unrecht, wenn er anmerkt, dass man „die da oben“ laufen lässt, während man „die da unten“ hängt. Auch heute liegt in unserem Rechtswesen vieles im Argen, denn das sprichwörtliche „arme Würstchen“ kann sich in der Regel eben keine Heerschar von Staranwälten leisten, die, wenn sie ihren Mandanten nicht ohnehin rauspauken, dann wenigstens die Verfahren ewig in die Länge ziehen, damit sich ihr Mandant auch weiterhin seiner Freiheit erfreuen kann, während „kleine Leute“ schon längst in einer Zelle schmachten. Demokratie hat für mich etwas mit Fairness, mit Gleichheit zu tun. Und insofern würde uns mehr Demokratie absolut nicht schaden – auch nicht im Bereich von Polizei und Justiz.

Steht Ihr Bronstein in irgendeiner Verbindung zum sowjetischen Schachgroßmeister Dawid Ionowitsch Bronstein?
Witzig, dass Sie das ansprechen. Ja, als leidenschaftlichem, aber leider nicht sonderlich talentiertem Schachspieler ist mir dieser Bronstein natürlich ein Begriff, und ich habe seinerzeit auch eine Biografie über ihn gelesen, zu der Garri Kasparow das Vorwort schrieb. Und da mein Bronstein ja ursprünglich aus Galizien kommt, habe ich als kleinen Gag am Rande Ion Bronstein zu seinem Cousin gemacht, sodass der Schachgroßmeister quasi sein Neffe ist, was in einigen Bänden am Rande auch Erwähnung findet.

Interview: Michael J. Payer

Das neue Buch von Andreas Pittler heißt "Bronstein – Sein vergessener Fall", ist im Gmeiner-Verlag erschienen und ist für 15 Euro im Buchhandel und online erhältlich.

Autor:

Michael J. Payer aus Donaustadt

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