28.08.2014, 20:18 Uhr

„Hernalser Loos-Haus“ wird 100

Eckgebäude gegenüber S-Bahnhof ist so markant wie unbekannt.

Das 1914 errichtete Eckhaus Hernalser Hauptstraße 180 ist eines der augenfälligsten Bauwerke an der Lebensader unseres Bezirks. In der heimatkundlichen Literatur sucht man allerdings vergeblich nach Informationen zur Geschichte dieses Wohn- und Geschäftshauses, das sich hinter der Schnellbahnbrücke so selbstbewusst aufbaut. Seine Schrägstellung fällt im Rahmen der sonst eher einförmigen Zinshaus-Schneise der Äußeren Hernalser Hauptstraße aus der Reihe. Auch der Stil wirkt für dieses einstige Arbeiterwohnviertel etwas zu bürgerlich. Wie kam es dazu?
Nach der Eingemeindung von Hernals nach Wien 1892 widmete man sich im Rathaus rasch der Verkettung der Bahnhöfe im neuen Groß-Wien. Die Trasse der Vorortelinie zwischen Gersthof und Ottakring konnte die „äußere“ Hernalser Hauptstraße im Bereich des noch kaum bebauten Frauenfelds allerdings nur diagonal kreuzen, was zu einigen problematischen Eckparzellen im schachbrettartigen Gründerzeitraster führte. Das zwang die Bauherrin Aloisia Vogt und ihren Architekten Martin Šmid zu einer kreativen Lösung. Dem aus Budweis gebürtigen Architekt war die Situation an der Vorortelinie bereits bekannt, denn auch das 1907 errichtete Zinshaus Schultheßgasse 7 stammt aus seiner Feder.
Die markante Schrägstellung der Schauseite des Eckhauses erinnert nicht wenig an das berühmte Loos-Haus in der Wiener Altstadt, das 1911 fertiggestellt worden war. Ganz so „nackt“ wie der Skandalbau am Michaelerplatz sollte sein vorstädtischer Verwandte dann aber doch nicht aussehen. Allerdings verhält sich auch das Gebäude beim Bahnhof Hernals so, als ob es einen Platz einfasst, obwohl ein solcher hier eigentlich gar nicht vorgesehen war. Der benachbarte, aber erst 1929 fertiggestellte Holy-Hof, der sich ebenfalls mit seiner Schauseite der Hauptstraße zuwendet, scheint das Eckhaus Frau Vogts in seiner Platzschaffungsabsicht zu bekräftigen. Gemeinsam mit dem Stationsgebäude und der monumentalen Bahnbrücke über die Hauptstraße bilden sie ein für die Vorstadt ungewöhnlich anspruchsvolles Ensemble.
Die drei Fassaden der Nr. 180 wurden von Šmid mit zurückhaltend-elegantem Putzdekor verziert und gegliedert. Von der umliegenden Zinskasernenlandschaft differenzierte er sein Eckhaus zudem durch „bürgerliche“ Elemente wie flache Runderker, Loggias und einer Balkonierung des gesamten dritten Geschosses auf der Stirnseite. Dort realisierte der Architekt auch ein Mansardgeschoss, das mit seiner Überhöhung, die durch einen Dachknick ausgeglichen werden musste, das Vorrecht der Schrägseite noch mehr betont. Das Erdgeschoss war bereits damals als Geschäftszone konzipiert und ist demnach höher als die der meisten umliegenden Gebäude. Man ist etwas an Sievering und Hietzing, aber auch ans Nibelungenviertel erinnert – Gegenden, in denen Šmid tatsächlich sehr aktiv war.
Der feine Fassadenschmuck auf der Seite Hernalser Hauptstraße ist leider nicht erhalten. Da er auf der Fassade Heigerleinstraße gespiegelt wurde, wäre er aber grundsätzlich rekonstruierbar. Auch die beiden Loggien wurden mittlerweile verfenstert und dadurch zu Innenräumen. Es mag erstaunen, dass dieses außergewöhnliche, stadtbildprägende Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
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