Ein Leben in der Werkbundsiedlung: Elfriede Mislik erinnert sich

Elfriede Mislik lebt seit über 80 Jahren in der Werkbundsiedlung
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  • hochgeladen von Mathias Kautzky

HIETZING. Die älteste Bewohnerin der Werkbundsiedlung, die von allen nur „Wutz“ genannt wird, lebt seit 1935 hier. Ihre ersten beiden Lebensjahre hat sie in Ottakring verbracht – bis ihr Vater von den vielen damals leerstehenden Häusern in der Werkbundsiedlung gehört und sich in das Haus mit kleinem Garten verliebt hat, in dem heute ihre Enkelin wohnt. Die Miete sollte allerdings 300 Schilling betragen - viel Geld in der damaligen Zeit –, doch mit ein wenig Verhandlungsgeschick konnte ihr Vater den Betrag auf dieselbe Höhe reduzieren, die man auch in Ottakring zahlte. Letztendlich wurde der Zins für alle Siedlungsbewohner gesenkt, bemerkt Elfriede mit stolzem Lächeln – und so war die Siedlung bald voll.

Kindheit und Kriegsjahre

Die heutige Uroma kann sich noch genau erinnern, wie sie als Kind oft auf der kleinen Terrasse gespielt hat und Spaziergänger am Gartenzaun launig bemerkten: „Was, in der Zuckerlkist'n kann man wirklich wohnen?“ Mit durchschnittlich 70 m² haben die 31 Architekten die Häuser der Werkbundsiedlung getreu ihrem Motto „Wirtschaftlichkeit auf engstem Raum“ ja wirklich eher klein bemessen, trotzdem fühlt man sich beim Betreten überall sofort wohl. Das sieht man Elfriede auch an, die hier nicht nur selbst aufgewachsen ist, sondern auch ihre drei Kinder großgezogen hat. Die Kriegsjahre hat die Siedlung recht gut überstanden, auch wenn einige Häuser zerbombt wurden. „Bei den Fliegerangriffen mussten wir immer verdunkeln, trotzdem sind uns alle Fensterscheiben zerbrochen. Es ist aber niemandem etwas passiert. Wie dann die Russen über den Roten Berg heruntergekommen sind, haben deren Offiziere ihre Frauen bei uns in der Siedlung untergebracht. Meine Mutter hat dann auch gleich für die Russen mitgekocht, so ist Gott sei Dank fast ein freundschaftliches Verhältnis entstanden.“

Bunter Siedlungsalltag

Nach dem Ende der Besatzungszeit und dem Wiederaufbau haben die Siedlungsbewohner stets gemeinsame Feste und sogar kostümierte Straßenumzüge veranstaltet: „Damals hat's hier vor Kindern gewurlt und alle haben einander gut gekannt.“ Die originelle Architektur zog zu jeder Zeit kunstsinnige Menschen an, auch heute noch leben viele hier: Wie etwa die bildende Künstlerin Susanne Kompast. „Vis-á-vis hat André Heller seine ersten Liederabende veranstaltet, daneben hat die Malerin Waltraut Riccabona ihr Stiegenhaus mit Ölmalerei verziert. Sie hat auch Malkurse und Theaterstücke für die Kinder organisiert.“ erzählt Elfriede. Sie selber hat stets gern Kostüme genäht und sogar eine eigene Tanzgruppe geleitet. Aus dem Fenster sieht man in den kleinen Alpengarten hinaus. Im Teich, den noch ihr Mann angelegt hatte, wollten sie Fische züchten. „Leider haben die Katzen alle gefangen und aufgefressen.“ lacht sie über die Erinnerung.

Ihre Tochter Helga erzählt, dass ihre Volksschulfreundin im Nebenhaus gewohnt hat und sie oft die Kabel ihrer Kindertelefone quer durch den Garten gespannt haben. Nachdem deren Familie in die Schweiz übersiedelt ist, konnte sie den Mietvertrag übernehmen. Heute lebt ihre Mutter Elfriede, die als junge Frau Psychologie und Mathematik studierte und allen Nachbarskindern Mathenachhilfe gab, schon seit zwei Jahren bei ihr im Haus. Woher ihr Spitzname „Wutz“ stammt? „Vom sprechenden Hausschwein aus dem Buch 'Urmel aus dem Eis'. Ein Kind hat gemeint, dass ich dem sehr ähnlich bin – seitdem nennen mich alle so, manchmal kommen sogar Briefe an 'Frau Dr. Wutz'“. Alle lachen. Nur ihr mittlerweile verstorbener Mann fand es nicht so lustig, wenn sogar er manchmal „Herr Wutz“ genannt wurde.

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