22.10.2014, 06:30 Uhr

Nationalratsabgeordnete aus Telfs Berivan Aslan: "Ich wusste, was auf mich zukommt."

Berivan Aslan: "Die Sitzungen könnten straffer und damit effektiver sein!" (Foto: Foto: Martin Juen)

Genau vor einem Jahr wurde eine Telferin im Parlament in Wien angelobt: Berivan Aslan im Interview.

WIEN/TELFS (lage). Mag.a iur. Berivan Aslan ist die erste Telferin im Nationalrat, als Frauen- und KonsumentInnenschutzsprecherin der Grünen aktiv. Im BEZIRKSBLATT zieht sie Bilanz als Profi-Politikerin:

Wie hat sich Ihr privates und berufliches Leben im Jahr seit der Angelobung verändert?
ASLAN: Ich war immer schon politisch aktiv, daher war es mir bewusst, auf was ich mich einlasse. Ich habe mich gut in meine neue Rolle und in meine neue Verantwortung eingelebt. Natürlich drückt mir jetzt die Zeit im Gegensatz zu früher noch öfters auf die Schläfen. Da hilft es, dass ich mich als eine Postbotin der Bevölkerung verstehe. Die Botschaften müssen schnell bei den Menschen ankommen. Ich versuche die Chance, für die Menschen etwas zu bewegen, bestmöglich zu nutzen


Inwiefern konnten Sie Vorhaben umsetzen?
ASLAN: Dass Wichtigste was ich den Menschen mitgeteilt habe, war meine Authentizität und meine lebensnahe Politik. Nur eine Politik, die den Alltag der Menschen wahrnimmt, nimmt auch ihre Bedürfnisse wahr. Ich achte sehr darauf, dass ich meinen sozio-politischen Wurzeln treu bleibe. Im frauenpolitischen Bereich haben wir vieles weitergebracht. Im Bereich KonsumentInnenschutz hat sich viel getan, speziell bezüglich der Inkassokosten. Derzeit laufen auf interministerielle Ebene die Verhandlungen.


Wie empfinden Sie die Arbeit im Parlament: befriedigend, oder frustrierend?
Ich wollte nie ohne berufliche Ausbildung in die Parteipolitik einsteigen, weil ich die Garantie brauchte, kritisch und unabhängig zu sein. Wenn ich eines Tages aufgrund meiner Parteilinie nicht in den Spiegel schauen kann, will ich ohne Existenzängste aussteigen. Diese Möglichkeit haben viele Parlamentarier nicht, weil sie Existenzängste haben, da sie in ihrem Leben nichts anderes außer Politik gemacht haben und somit dem Klubzwang massiv unterliegen. Das erschwert natürlich auch die qualitativ-kritische und inhaltlich-politische Arbeit. Ich fühle mich frei und unabhängig. Das stärkt mich.

Was hat Sie am meisten geärgert, was besonders gefreut?
Früher hat wahrscheinlich ein Abgeordneter am Tag im Durchschnitt 5 Briefe bekommen, heute bekommt ein Abgeordneter täglich an die 70 Mails. Dann kommen noch die Nachrichten via socialmedia, Handy, etc.. Das ist zum einen eine tolle Sache, da man sehr bürgernah agieren kann. Andererseits besteht die Gefahr, dass die politische Arbeit in den Hintergrund gedrängt wird und die inhaltliche Arbeit zu kurz kommt. Hier die richtige Balance zu finden ist eine echte Herausforderung. Was mich etwas ärgert ist die Gesprächskultur im Parlament. Die könnte besser sein. Und die Nationalratssitzungen könnten etwas straffer und damit effektiver sein. Das Image des Parlaments leidet darunter, dass die Sitzungen so lange dauern. Die Menschen wissen ja nicht, wenn sie abends den Fernseher einschalten, dass wir seit 12 Stunden im Plenarsaal debattieren. Aus diesem Grund wünsche ich mir kürzere Sitzungen aufgeteilt auf mehrere Tage. 
Die größte Freude erlebte ich bei meiner letzten Rede im Plenum, wo ich über die entführten, vergewaltigten und verkauften Frauen und Mädchen von IS gesprochen habe. Nach der Rede wurde ich von einigen Kolleginnen und Kollegen gratuliert und umarmt. Viele zeigten ihre Solidarität. Es war schön zu wissen, dass wir auch Abgeordnete im Parlament haben, die ihr Herz am rechten Fleck haben.

Danke für das Interview!
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