Es lebe der Zentralfriedhof!

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Informativ, amüsant, manchmal auch nachdenklich machend: So könnte man den von Gabriele Buchas geführten Spaziergang über den Wiener Zentralfriedhof knapp beschreiben.

Bei unserem „Mitspazieren“ bewies sie nicht nur ihr profundes Wissen über die größte Friedhofsanlage Europas und ihre Geschichte, ihre auflockernden kleinen G’schichterln machten den Nachmittag zu einem Vergnügen. Jedem Interessierten kann diese Führung nur wärms­tens empfohlen werden. Frau Buchas bietet übrigens noch viele andere „Spaziergänge“ durch das alte und neue Wien an – wie sie sagt, ist Wien nicht mit Steinen gepflastert, sondern mit Geschichte:

Es ist die Totenstadt der Wiener und mit rund drei Millionen Bestatteten Europas größte Friedhofsanlage: Der berühmte Wiener Zentralfriedhof.

Und zum Tod hatten die Wiener immer schon ein besonderes Verhältnis – es ist eine ewige Liebschaft von sentimental-melancholischer Koketterie und nahezu inniger Intimität. Wolfgang Ambros widmete ihm 1974 zum 100-jährigen Geburtstag sogar eines seiner bekanntesten Lieder: „Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Tot’n“.

Im November 1874 eröffnet, damals weit außerhalb der Stadt Wien gelegen, war der
Friedhof zunächst nicht unumstritten: „ Eine Stunde Fahrzeit, zwischen Schlachthäusern, Heide und Bauern, und wofür?“ Und auch der interkonfessionelle Charakter – den verschiedenen Glaubensgemeinschaften sollten eigene Abteilungen überlassen werden – stieß auf heftigen Widerstand, vor allem natürlich in den konservativen Kreisen der katholischen Kirche. So wurde der neuen Friedhof zur Vermeidung einer Eskalation von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt in den frühen Morgenstunden durch Kardinal Rauscher und den Wiener Bürgermeister Cajetan Felder eingeweiht.

Einen Sinneswandel gab es erst nach sieben Jahren mit Errichtung der Ehrengräberanlage: Dort werden nun verdiente Politiker, unsterbliche Musiker und Künstler aller Richtungen bestattet. Schauspieler Curd Jürgens, Popstar Falco und Musikerkollege Hansi Djumic, die Komponisten Ludwig van Beet­hoven, Franz Schubert, Johann Strauß, Johannes Brahms und viele andere weltberühmte Persönlichkeiten finden dort ihre letzte Ruhestätte. Damals wie heute nun ein Anziehungspunkt nicht nur für Wiener, auch für Besucher aus der ganzen Welt.

„Verkauft’s mein G’wand, ich fahr’ in Himmel“, unter diesem Motto unternimmt die diplomierte Fremdenführerin Gabriele Buchas noch bis Ende Oktober einmal in der Woche Spaziergänge über den Zentralfriedhof: Mal ernst, mal humorvoll erklärt sie den Interessierten die einmalige Konzeption der Anlage und zeigt ihnen die wichtigen, die schönen, aber auch die traurigen Stellen.

„Im Tod sind alle Menschen gleich“, sagt zwar ein altes Sprichwort. Das gilt aber hier nur für den Bereich unter der Erde – zu ebener Erde gibt es auch hier bessere Viertel mit den schönen, vielfach prunkvollen Grabdenkmälern: Ansehen, Wohlstand und Eitelkeit werden auch noch im Tod gerne demonstriert. Auf der „anderen Seite“ dann die schlichten Gräber der weniger Betuchten. Bis hin zum halb verfallenen Armenfriedhof der Mittellosen, deren Bestattung die Stadt Wien übernimmt: Ohne Grabschmuck und nur mit verwitterten und kaum mehr lesbaren Holztäfelchen demonstrieren sie bedrückend Licht und Schatten – im Leben und auch noch nach dem Tod.

Zwischen all den Eindrücken erzählt Frau Buchas immer wieder kleine amüsante, aber auch interessante „Schmankerln“. Die Geschichte der Leichentransporte beispielsweise: Bei hunderten Toten pro Woche, die zunächst mit Pferdewagen von Wien nach Simmering gebracht wurden, prägten diese kaum enden wollenden Leichenzüge schon bald das alltägliche Bild der Simmeringer Hauptstraße. Sehr zum Missfallen der anwohnenden Bevölkerung, der diese ständige Konfrontation mit dem Tod zusehends auf das Gemüt schlug. Und sie waren beschwerlich, gerade im Winter blieben die Kondukte oft im Schnee stecken, beim Abladen froren die Särge dann oft sogar am Boden an – Kommentar einiger Kutscher „Na, die holen wir dann im Frühjahr ab“.

Also dachte man bald nach, wie man dieses Problem lösen kann: Es wurde ein Plan für eine eigene Eisenbahn erstellt, aufgrund der Kosten aber wieder verworfen. Eine futuristische Variante war der Vorschlag einer Art „Rohrpost“, die Toten sollten mittels einer pneumatischen Anlage durch einen langen Tunnel zum Friedhof „geschossen“ werden. Letztendlich war auch dies keine machbare Lösung, erst ab 1918 wurde dann die elektrische Straßenbahn und ab 1925 ein motorisierter Leichenwagen für den Transport verwendet.

Sparmaßnahmen – ja, die gab es auch damals schon – stießen auf heftigen Widerstand in der Bevölkerung, die mehrfach verwendbaren Klappsärge zum Beispiel passten schließlich nun so gar nicht zu der Vorstellung der Wiener von einer „schönen Leich“.

Nach einer Besichtigung der im eindrucksvollen Jugendstil errichteten Karl-Borromäus-Kirche, vorbei an der Gruftanlage der österreichischen Bundespräsidenten geht es dann zum syrisch-orthodoxen Friedhof – dort feiern die Angehörigen Ostern mit ihren Verstorbenen mit Süßigkeiten auf den Gräbern – und zu den exakt nach Osten ausgerichteten moslemischen Gräbern.

Trauriges Kapitel ist der eigens abgeteilte Baby-Friedhof, keine imposanten Grabmäler, keine aufwendig gestalteten Grabstellen: Meist bunte und liebevoll mit Puppen, Stofftieren und Spielzeug geschmückte kleine Gräber. Natürlich können Sie sich auch diesen Teil anschauen, aber bitte mit äußerster Rücksichtnahme auf die dort trauernden Mütter und Väter.

Der Rundgang endet beim erst 1999 eröffneten Park der Ruhe und Kraft, einem in fünf unterschiedlich gestaltete Bereiche gegliederten geomantischen Landschaftspark, der zur körperlichen wie geistigen Entspannung und Besinnung einlädt.

Möchten auch Sie an einem der geführten Spaziergänge über den Zentralfriedhof teilnehmen, so können Sie das jeden Samstag tun, Treffpunkt ist immer am Tor 2 um 14 Uhr.

Weitere Informationen bekommen Sie bei Gabriele Buchas unter Telefon 01/489 42 63 oder 0664/173 26 05

Autor:

Bezirkszeitung für den 11. Bezirk aus Simmering

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