14.11.2016, 08:35 Uhr

"Sühnhaus", der Film: Eine gespenstische Dokumentation

Maya McKechneay´s Essayfilm "Sühnhaus" folgt der Spur des Feuers im Ringtheater vom 8. Dezember 1881

"Sühnhaus" ist dem schrecklichen Feuer im Ringtheater im Jahr 1881 auf der Spur.

INNERE STADT. Ein Haus, eine Treppe, der Tod. Sigmund Freud. Und warum im Kino immer ein kleines, grünes Licht brennt. Maya McKechneay´s Essayfilm "Sühnhaus" folgt der Spur des schrecklichen Feuers im Ringtheater vom 8. Dezember 1881 bis in den heutigen Kinosaal und versucht, die offizielle Geschichtsschreibung bewusst gegen den Strich zu lesen. Weltpremiere war unter großem Applaus am 25. Oktober bei der Viennale im Gartenbaukino.

Glücklose Adresse

"Sühnhaus" ist mehr als nur die Geschichte einer glücklosen Adresse am Schottenring. Auf Nummer 7 stand das Ringtheater. Als es brannte, starben 400 Menschen. Hier ließ Kaiser Franz Josef vom Rathaus-Architekten Friedrich von Schmidt 1885 das Sühnhaus errichten, um alles wieder gut zu machen. Und niemand wollte darin wohnen. Hier eröffnete ein junger Nervenarzt namens Sigmund Freud seine Praxis. Und zog wieder aus, als sich eine Patientin ins Treppenhaus stürzte.

Hier legte die GESTAPO Feuer, um Akten zu vernichten, und zerstörte des angeblich brandsicheren Gebäudes. Hier wurde die Angst des Kalten Krieges in Beton in Wiens geheimer Schaltzentrale, 18 Meter unter dem Boden, in Beton gegossen - bis heute unberührt. Jetzt steht hier das Gebäude der Landespolizeidirektion Wien.

Räume der Angst faszinieren

"Seit ich denken kann, habe ich in Räumen gefühlt und gedacht. Eine meiner liebsten Erzählungen als Kind war »Der Untergang des Hauses Usher« von Edgar Allen Poe, und über den Horror-Haus-Roman »Das Kalkwerk« von Thomas Bernhard habe ich meine Abschlussarbeit an der Universität geschrieben", erzählt Maya McKechneay. Die gebürtige Münchnerin, Jahrgang 1974, studierte in Wien Germanistik und Filmtheorie, begann 1999 Filmkritiken zu schreiben (u.a. für den «Falter») und arbeitet hauptberuflich als Kulturjournalistin.

"Sühnhaus" ist ihr erster Langfilm als Regisseurin. "2012/13 habe ich mit dem Drehbuch begonnen und das Projekt zur Filmförderung eingereicht, um den Film realisieren zu können." Dann folgte mehr als ein Jahr intensiver Recherchearbeit, sie spürte Überreste des abgebrannten Theaters als Statuen an Kirchen, in Bezirksmuseen und im Feuerwehrarchiv auf, das man unbedingt besuchen sollte, wenn man selbst auf Spurensuche gehen will. Maya McKechneay studierte Pressemitteilungen von damals und zahlreiche Tagebucheintragungen und Briefe von Zeitzeugen, die sich übrigens großteils durch einen Aufruf in der bz Wiener Bezirkszeitung bei ihr meldeten. Und langsam kristallisierte sich eine neue Sicht der Geschichte heraus.

"Ich war erstaunt, wie gut dieses historische Ereignis dokumentiert ist. Und betroffen, wie wenig es sich im Gedächtnis der Stadt gehalten hat. Das offizielle Erinnern und Vergessen, etwa in den Zeitungsberichten, unterscheidet sich hier stark von denen der Augenzeugen. Da wurde Einiges unter den Teppich gekehrt." Von Schuld war nicht die Rede, die Trauer aber umso pompöser inszeniert.

Die Geister der Vergangenheit

Das an der Stelle des abgebrannten Theaters errichtete kaiserliches Stiftungshaus - im Volksmund Sühnhaus genannt - sollte eine Art Wiedergutmachung sein. Sigmund Freud gehörte zu den ersten Mietern, auch der Architekt Friedrich von Schmidt lebte bis zu seinem frühen Tod hier. Und die wenigen, meist adeligen anderen Mieter verlangten schon kurz nach dem Einzug Mit-Minderung, weil das Haus übel beleumundet war. Besucher mieden es, ebenso die Kunden der eingemieteten Firmen. Das kann man im kaiserlichen Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien nachlesen.

Der Schottenring 7 war der Ground Zero des Jahres 1881. Am 14. Mai 1891 wiederholte sich die Geschichte, als Freuds junge Patientin Pauline Silberstein im Treppenhaus des Sühnhauses in den Tod sprang. Im Herbst des gleichen Jahres zog Freud aus und übersiedelte in die Berggasse, die man heute als Freuds einzige Wiener Wohnung und Praxis kennt. Noch im Jahr 1952 riss die Stadt Wien das im Krieg nur oberflächlich beschädigte Sühnhaus samt Freuds früherer Wohnung und Praxis ab. "Wir waren auch mit der Kamera und einem Geomanten, der auf die Wahrnehmung von ungewöhnlichen Schwingungen spezialisiert ist, in den Kellern und Gängen der heutigen Polizeilandesdirektion auf ´Geistersuche`. Es sollte ja eine Art dokumentarischer Geisterfilm werden." Mehr wird allerdings nicht verraten.

Filmstart im Kino am 8. Dezember

Pünktlich zum 135. Jahrestag des Ringtheaterbrandes startet der Film "Sühnhaus" im Kino. Am 8. Dezember im Votivkino, danach im De France gleich neben dem Schottenring 7. Mehr Informationen im Internet unter www.votivkino.at
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