11.09.2014, 09:05 Uhr

Und da waren es nur noch zwei: Im Haus am Bauernmarkt 1 sind von 14 Mietparteien noch 2 übrig

Das denkmalgeschützte Barockjuwel am Bauernmarkt 1 liegt in der Kernzone des Weltkulturerbes, dazu in einer Schutz- und Wohnzone.
INNERE STADT. Das Haus Bauernmarkt 1 ist ein unter Denkmalschutz stehendes barockes Bürgerhaus mit mittelalterlichem Kern. Seit 13 Jahren ist es im Besitz der Lenikus & Co. Ges.m.b.H.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war das Wohnhaus im Besitz der Stadt, der es gestiftet wurde.
2001 verkaufte die Stadt das Gebäude gemeinsam mit dem Bauernmarkt 9. Der Käufer, die Firma von Martin Lenikus, bezahlte umgerechnet 7,3 Millionen Euro für beide Häuser.
14 Parteien wohnten zum damaligen Zeitpunkt im Haus. Der Bauträger plant einen Umbau zu einem Bürogebäude sowie einen Dachgeschoßausbau. Laut Unternehmenssprecher Pius Strobl ist das "einfacher, wenn das Haus leer steht". Strobl bestreitet aber, dass dafür unrechtmäßige Mittel eingesetzt wurden: Sieben Mietverträge seien durch einvernehmliche Auflösung beendet, Abgeltungen gezahlt oder Ersatzwohnungen bereitgestellt worden. Mieter begannen, über Müll, Verwahrlosung und fehlende Instandhaltung zu klagen.
2009 wurde der Lift kaputt. Ältere, gebrechliche Mieter aus dem dritten Stock zogen aus – ebenfalls "einvernehmlich".
2013 wurde der Vermieter nach einem langen Gerichtsverfahren vom Obersten Gerichtshof mit der Liftsanierung oder einem Neubau beauftragt.
2014 gibt es nach wie vor keinen funktionierenden Aufzug. Zwei Mietparteien sind noch im Haus, beiden wurde allerdings schon gekündigt.



Das Haus Bauernmarkt 1 in einer Ansicht aus 1905. Das Haus ist auch als Oppenheimersches Haus bekannt, nach dem Besitzer Samuel Oppenheimer, einem jüdischen Geldgeber Kaiser Leopolds I. Dieser hatte 1670 die Juden aus Wien vertrieben, allein Oppenheimer durfte sich niederlassen.
Das barocke Erscheinungsbild ist in Fassade und Dachbereich erhalten. Im Innenhof finden sich Pawlatschengänge mit barocken Elementen sowie die älteste Wiener Statue des heiligen Johannes von Nepomuk.


Mieter Albin Zuccato im Gespräch: Einer der letzten Mieter am Bauernmarkt 1 schildert seine Situation

Wie lange wohnen Sie schon am Bauernmarkt 1?
Albin Zuccato: "Ich bin vor 40 Jahren eingezogen, damals gehörte das Haus der Stadt Wien. Die Wohnung, in die ich eingezogen bin, war unbewohnbar, ich habe alles selbst in jahrelanger Arbeit saniert und instand gesetzt."
Jetzt wohnen nur noch Sie samt Familie und Ihr Nachbar dort. Warum?
"Der neue Eigentümer vernachlässigt seine Erhaltungspflicht. Er hat das Haus mit einer Mischung aus finanziellen Anreizen und Druck geleert. Ein gutes Beispiel ist der Lift, der seit 2009 außer Betrieb ist."
Warum so lange?
"Ich musste die Reparatur einklagen, das Verfahren ging auf Betreiben des Eigentümers bis zum Obersten Gerichtshof. Das dauert. Manche Mieter konnten ihre Wohnung nur mühsam erreichen und zogen aus. Dazu kommt die psychische Belastung aller Betroffenen. Die Rückzahlung der laufend überhöhten Betriebskosten musste ich ebenfalls einklagen. Auch da bekam ich Recht."
Wie geht es weiter?
"Mein Vertrag wurde zweimal gekündigt, das bedeutet weitere Gerichtsverfahren. Angeblich hätte ich ein Bad, das aber schon vorhanden war, ohne Genehmigung eingebaut. Auch eine Logik. Das alles ist mühsam, aber ich bin hier glücklich und sehe nicht ein, warum ich mit der Familie meines Sohnes einem Bürohaus Platz machen soll."

Besitzer weist Vorwürfe zurück

(tba). Im Fall "Bauernmarkt 1" spricht derzeit PR-Experte Pius Strobl für die Lenikus & Co. Ges.m.b.H., nachdem Gemeinderat Christoph Chorherr (Grüne) vor einigen Wochen die öffentliche Aufmerksamkeit wieder auf die Vorgänge im Haus gelenkt hatte. Von Unternehmensseite werden Mieterschikanen bestritten. "Selbstverständlich respektieren wir die Rechte aller Mieter", erklärt Pius Strobl.
"Der Hauseigentümer will seit Jahren zügig, aber mit großer Rücksichtnahme auf die denkmalgeschützte Bausubstanz sanieren", heißt es weiter, allein Mietereinsprüche würden den Baubeginn verzögern.
Dass der Aufzug seit 2009 nicht saniert worden ist, begründet man mit den hohen Kosten: 80.000 Euro brutto würde die Renovierung kosten, während man eigentlich den Neubau zweier behindertengerechter Anlagen bis ins Dachgeschoß vorhabe.
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Lucia Zeiger aus Innere Stadt | 12.09.2014 | 13:40   Melden
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