01.10.2014, 13:38 Uhr

„Defizite in Deutsch werden mitgeschleppt“

Ex-Direktorin und Autorin Heidi Schrodt: „Sinnvoll wäre eine gemeinsame Schule für alle Kinder von 5 bis 15 Jahren.“

Heidi Schrodt, ehemalige Direktorin des Gymnasiums Rahlgasse in Wien-Mariahilf im bz-Interivew über Sprachprobleme, eine gemeinsame Schule und über Ghettoschulen.

Sie schreiben „Das österreichische Schulsystem muss sich von Grund auf erneuern, um den neuen Herausforderungen auch nur ansatzweise gerecht werden zu können.“ Was wären die ersten Schritte?
HEIDI SCHRODT: "Man muss an mehreren Hebeln gleichzeitig ansetzen. Ein besonderer Schwerpunkt sollte auf die frühkindliche Förderung gelegt werden. Die Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen müssen, wie sonst überall in Europa, eine akademische Ausbildung erhalten, ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr für alle sollte möglichst schnell eingeführt werden. Ein zweiter Schwerpunkt wäre die Intensivierung der Sprachförderung in allen Altersstufen. Schulen, die hier besonders hohen Bedarf haben, sollten entsprechend mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden. Die Trennung mit zehn gehört abgeschafft."

Wäre die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen Ihrer Meinung nach ein Lösungsmodell?
HEIDI SCHRODT: "Es gibt gute und schlechte gemeinsame Schulen. Die Einführung einer gemeinsamen Schule würde gar nichts ändern, wenn sonst alles gleich bleibt. Es muss sich also auch der Unterricht ändern. Sinnvoll wäre eine gemeinsame Schule für alle Schulpflichtigen, also von 5 (letztes Kindergartenjahr) bis 15 Jahren, mit jehrgangsübergreifenden Klassenverbänden."

Der Ruf nach eigenen Klassen für Kinder, die erst in Deutsch geschult werden müssen, wird von manchen laut. Was halten Sie davon?
HEIDI SCHRODT: "Von eigenen Klassen halte ich gar nichts, aber Intensivkurse an Schulen für Deutschanfängern sind sinnvoll. Dort können Schüler durchaus auch einen größeren Teil ihrer Unterrichtszeit verbringen, wenn sie noch nicht Deutsch können. Wichtig ist dabei, dass sie von Anfang an einem Klassenverband angehören, auch wenn sie dort zunächst nur wenig Zeit verbringen."

Sie haben sich in Wien auf Spurensuche begeben, in denen das gemischte Klassenzimmer gelebte Normalität ist…
HEIDI SCHRODT: Mehr als die Hälfte der Kinder, rund 56 Prozent, in Wiener Volksschulen haben eine andere Muttersprache als Deutsch, da braucht man also nicht mehr lange suchen, um ein gemischtes Klassenzimmer zu finden. Diese prozentuelle Verteilung setzt sich in der 5. Schulstufe leider nicht fort. In vielen Hauptschulen und Neuen Mittelschulen in Wien befinden sich fast ausnahmslos Schülerinnen und Schüler mit nichtdeutscher Muttersprache, auch in sogenannten Nobelbezirken wie Währing. Ähnlich verhält es sich mit den Polytechnischen Schulen. Hier stimmt also die Durchmischung nicht mehr. Deutlicher könnte die Ungerechtiglkeit unseres Schulsystems nicht zum Ausdruck kommen."


Was viele nicht nachvollziehen können: Warum weisen Kinder nach neun Pflichtschuljahren Sprachdefizite auf? Versagen die Lehrer?
HEIDI SCHRODT: "Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern, in denen nicht Deutsch gesprochen wird, kommen bereits mit erheblichen Sprachdefiziten in die Volksschule. Da unser Schulsystem nicht auf individuelle Förderung ausgerichtet ist, werden diese Defizite häufig durch die ganze Schullaufbahn mitgeschleppt. Den Lehrern alleine die Schuld dafür zuzuschreiben, das greift zu kurz.

Welche Initiativen wären notwendig, um Ghettoschulen in Wien zu vermeiden?
HEIDI SCHRODT: "Von 'Gettoschulen' kann in Wien keine Rede sein – zum Glück. Wenn allerdings keine bessere Durchmischung gelingt als jetzt, könnte die Entwicklung in diese Richtung gehen. Die Trennung mit zehn abzuschaffen wäre in diesem Zusammenhang ebenso wichtig wie Schulen mit besonderen Herausforderungen mit mehr Ressourcen auszustatten."

Sie plädieren für mehr individuelle Förderung, die nur dann umgesetzt werden kann, wenn Schulen „dezentral organisiert ist und über ein hohes Ausmaß an Autonomie verfügen“. Ist das in Wien keine Utopie?
HEIDI SCHRODT: "Von Schulautonomie sind wir derzeit meilenweit entfernt. In Österreich ist der Hang, alles zentral zu regeln, so ausgeprägt wie sonst kaum irgendwo. Ohne große Freiräume für die einzelnen Schulen können individuelle Fördermodelle nicht umgesetzt werden. Ich bin aber pessimistisch, dass ich in Österreich noch eine echte Schulautonomie erleben werde."

Zur Person

Heidi Schrodt (64) geboren 1950, AHS-Lehrerin für Englisch und Deutsch, arbeitete in der Lehreraus- und -fortbildung. 1992 bis 2010 Direktorin am Gymnasium Rahlgasse in Wien 6. Mitarbeit an großen Schulentwicklungs- und Schulversuchsprojekten, zahlreiche Publikationen zu bildungspolitischen Fragen. Als Bildungsexpertin in den Medien präsent. Trägerin des Wiener Frauenpreises 2005. Mitarbeit am Projekt Wien.Welt.Offen 2013/2014.


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Bildungsexpertin Heidi Schrodt hat sich auf Spurensuche begeben und zeichnet einen Ausschnitt der vielfältigen Facetten der kulturellen Vielfalt
an unseren Schulen nach. Basierend auf persönlichen Gesprächen und Interviews präsentiert sie viele Fälle gut funktionierender, gelebter Praxis, legt aber auch den Finger in so manche offene Wunde.
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Poldi Lembcke aus Ottakring | 01.10.2014 | 13:48   Melden
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Reinhard Pleininger aus Gänserndorf | 07.10.2014 | 10:46   Melden
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Lucia Zeiger aus Innere Stadt | 09.10.2014 | 10:35   Melden
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Reinhard Pleininger aus Gänserndorf | 09.10.2014 | 14:08   Melden
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