Österreichs "blauäugige Engel" in Korea

LH Günther Platter (re.) und Südtirols LH Arno Kompatscher (li.) zeichneten Marianne Stöger im Februar 2018 mit dem Ehrenzeichen des Landes Tirol aus.
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  • LH Günther Platter (re.) und Südtirols LH Arno Kompatscher (li.) zeichneten Marianne Stöger im Februar 2018 mit dem Ehrenzeichen des Landes Tirol aus.
  • Foto: Land Tirol/Frischauf
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(KAP) "Wir wollen das Leben von Marianne und Margaret, die so viel Liebe für die Armen in unserm Land gezeigt haben, bekannt machen und ihnen damit die Ehre erweisen." Mit dieser Botschaft tourt derzeit der ehemalige Südkoreanische Ministerpräsident Hwang-Sik Kim durch Europa. Er will die beiden Tiroler Christkönigsschwestern Marianne Stöger und Margit Pissarek für den Friedensnobelpreis 2019 nominieren. In Österreich kaum bekannt, haben die beiden inzwischen 84 und knapp 83 Jahre alten Mitglieder des Säkularinstituts "Ancillae Christi Regis" (Christkönigsschwestern) in Südkorea Kultstatus.

Die beiden Tirolerinnen waren nach ihrer Ausbildung zu Krankenschwestern 1962 im Alter von 27 bzw. 28 Jahren auf die südkoreanische Leprainsel Sorok gekommen - und trafen dort auf bitterste Not. Südkorea hatte von 1916 an Erkrankte auf die Insel verbannt. Die Kranken wurden eingesperrt oder mussten Zwangsarbeit verrichten. Selbst als sie geheilt waren, durften sie die Insel nicht mehr verlassen. Es kam zu vielen Selbstmorden.

An diesen Zuständen hatte sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der 35-jährigen japanischen Besatzungszeit nichts geändert. "Die Kranken hatten unterwürfig zu sein, Schläge standen an der Tagesordnung, auch Zwangsabtreibungen und Sterilisationen. Es brauchte Jahrzehnte, um das zu ändern", schilderte Stöger in einem Interview. Auch herrschte große Angst vor Ansteckungsgefahr - dabei gab es zu dieser Zeit schon Antibiotika gegen die von einem bestimmten Bakterium hervorgerufene Infektionskrankheit, die mit Deformationen der Gliedmaßen einhergehen kann und die in Wahrheit nur schwach übertragbar ist.

Als die beiden Christkönigsschwestern 1962 in Sorok eintrafen, fanden sie dort lediglich einen Arzt und zwei Krankenschwestern aus Belgien vor. Stöger und Pissarek kümmerten sich um die Patienten und starteten Medikamenten- und Geld-Sammelaktionen, um die medizinische Infrastruktur zu verbessern. Die "Lepra-Station" auf Sorok entwickelte sich schließlich zu einer weltweit renommierten Pflege- und Forschungseinrichtung.

Doch es ging den beiden "Christkönigsschwestern" um weit mehr als nur um professionelle medizinische Betreuung. Ein Patient sagte über sie: "Durch die beiden habe ich zum Glauben gefunden. Jeden Tag habe ich gesehen, wie sie den Dienst an den Mitmenschen tun. Nicht ihre Worte, sondern ihre Taten haben mich verändert. Ihr Leben an sich glich einem Gebet und war nach dem Willen Gottes ausgerichtet."

Ein anderer ergänzte: "Ich war noch sehr jung, aber sie waren wie eine Mutter für mich. Sie gingen mit den Menschen um wie eine liebevolle Mutter mit ihren Kindern. Es gab ein Mädchen, das am ganzen Körper mit Blasen bedeckt war, die ständig aufplatzten. Trotzdem waren sie immer freundlich zu ihr und behandelten sie ohne jegliche Abneigung. Sogar die richtig schlimmen Wunden haben sie im Kinderzimmer behandelt."

Die Koreaner nannten die beiden Krankenpflegerinnen "Parannun Chun-sa", auf Deutsche "blauäugige Engel". Margit wurde überdies in Korea stets "Margaritha" genannt.

Rückkehr nach Tirol

2005 verließen Stöger und Pissarek schließlich schweren Herzens Sorok und leben seither wieder in Tirol: Eine der beiden war an Krebs erkrankt. Außerdem wollten sie dort, wo sie geholfen hatten, im Alter niemandem zur Last fallen. Freilich: Sie kamen völlig verarmt zurück. Sie hatten über 40 Jahre unentgeltlich ehrenamtlich gearbeitet, hatten deshalb weder Einkommen noch Rente. Und als Angehörige eines Säkularinstituts auch keinen entsprechenden Rückhalt, wie dies in einer Ordensgemeinschaft der Fall gewesen wäre.

Marianne Stöger lebt heute bei Verwandten in Matrei, Margit Pissarek leidet an Demenz und lebt in einem städtischen Altenheim in Innsbruck. In der Öffentlichkeit sind sie nur mehr selten zu sehen. Zuletzt etwa 2016, als sie für ihre Verdienste von Land Tirol und der Diözese Innsbruck ausgezeichnet wurden.

In Korea wurden und werden die beiden aber wie Nationalheldinnen verehrt. 2016 bekamen sie auch die Ehrenstaatsbürgerschaft. Zuvor war diese Auszeichnung nur dem niederländischen Fußballtrainer Guus Hiddink zuteil geworden, der die koreanische Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 2002 bis ins Semifinale geführt hatte.

Die Zahl der jährlichen Lepra-Neuerkrankungen in Südkorea reicht inzwischen nahe an Null, das Durchschnittsalter der verbliebenen 539 Kranken auf Sorok beträgt derzeit 75 Jahre.

"Die Liebe zurückgeben"

Das Lebenswerk der beiden Frauen trug und trägt Früchte. Eine koreanische Pflegerin, die lange mit den beiden zusammenarbeitete, beschloss, ganz ihrem Beispiel zu folgen. Sie ging nach Bolivien, um dort für Kinder zu wirken. U.a hat sie eine Berufsschule gegründet. Die Spenden dafür kamen und kommen nun aus Südkorea, organisiert von der neu gegründeten "Marianne&Margaritha Gesellschaft". Vorsitzender der Gesellschaft ist P. Yeonjun Kim: "Wir haben 40 Jahre lang von Marianne und Margaritha nur bekommen. Endlich haben wir die Gelegenheit, ihren Großmut und ihre Güte zurückzugeben. Frau Choi ist in Bolivien, um armen Kindern zu helfen. Wir wollen ihr helfen. Das ist unser Weg, die Liebe zurückzugeben, die wir 40 Jahre lang erhalten haben."

Marianne Stöger sagte vor Kurzem im Rückblick auf ihr Leben: "Ich habe mich nie als Missionarin gefühlt, ich wollte immer nur Krankenschwester sein. Das Schönste war, dienen zu können. Und das ist gelungen."

LH Günther Platter (re.) und Südtirols LH Arno Kompatscher (li.) zeichneten Marianne Stöger im Februar 2018 mit dem Ehrenzeichen des Landes Tirol aus.
Pfarrer Kim Yeon-Jun (Korea), Marianne Stöger ACR, Margit Pissarek ACR und Diözesanadministrator Msgr. Jakob Bürgler

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