Als Frau im Bann der Geschichte

Wo: Tiroler Landestheater, Rennweg 2, 6020 Innsbruck auf Karte anzeigen

Das Kammerspiel ‚Maultasch’ des Pitztalers Martin Plattner, das Sonntag im neuen K2 in der Werkstatt seine Uraufführung erlebte, ist ein atemberaubendes Meisterwerk.

Letzte Woche galt für Premierengeher/innen mal wieder der alte Spruch: Entweder es passiert nix oder alles auf einmal. Ganze vier Theaterpremieren standen da am Programm, die in Summe so ziemlich jeden Geschmack abdecken dürften. Denn die Feinripp-Jungs lassen es mit ihrer ‚Rippenhof-Saga’ im Treibhaus wieder mal gehörig krachen, im Keller locken Julia Kronenberg und Johannes Gabl in Daniel Glattauers ‚Wunderübung’ als furios keppelndes Ehepaar, und im Freien Theater ist mit ‚Elektra und der Bär’ von Petra Maria Kraxner das eigenwillige Siegerstück des von Westbahntheater und theater praesent ausgeschriebenen Wettbewerbs ANTIKe.frauen.HEUTE zu sehen.

Die wahre Überraschung bot sich einem dann freilich Sonntagabend im neuen K2 in der Werkstatt des TLT bei der Uraufführung von Martin Plattners Kammerspiel ‚Maultasch’ (mal abgesehen davon, dass dem Landestheater mit diesem neuen lang gezogenen schwarzen Theaterraum wirklich eine geradezu perfekte Spielstätte für zeitgenössisches Theater gelungen ist.) Denn was Regisseur Philipp Jescheck und Ausstatterin Katharina Ganner mit den drei Ensemblemitgliedern Janine Wegener, Ulrike Lasta und Christoph Schlag erarbeitet haben, das ist geradezu atemberaubend grandios. Das liegt nicht zuletzt am Text. Ein Meisterstück, das der aus dem Pitztal stammende Martin Plattner da sprachlich, gedanklich, dramaturgisch komponiert hat. Virtuos, wie er etwa die historischen Figuren Margarete Maultasch, ihre Schwester Adelheid und die Adelige Weirat fast unmerklich und gerade deshalb so einprägsam als Pflegefälle und Pfleger/innen zwischen den Jahrhunderten hin und her verschiebt. Wie klug, hochreflexiv und feinsinnig verspielt er ihre Gedanken voran- und dann wieder gegeneinandertreibt.

An Maultasch habe ihn vor allem interessiert, so Plattner, dass dieser Stoff die patriarchalen Begrenzungen weiblicher Handlungsspielräume auf furios-fatale Weise begreifbar mache. Begrenzungen, die nach wie vor gelten: am Arbeitsmarkt, bei der häuslichen Pflege wie auch im Theater, wie Plattner unmissverständlich feststellt. Das ist wahr. Als Frau liefe man bei diesen Themen sofort Gefahr, schubladisiert und abgewertet zu werden. Wie einst schon die Maultasch, der man ihren hässlichen Beinamen nicht zuletzt deshalb verpasste, weil sie nicht mehr dem schönen minniglichen Frauenbild entsprach. Janine Wegener spielt bzw. reflektiert die Margarete jedenfalls mit geradezu eindringlicher Intensität, Ulrike Last ist ihr als ‚Schwesternvieh’ eine herrlich verquere Antipodin. Christoph Schlag ist als Weirat nicht nur renitentes (Pflege)-‚Dasda’, sondern überzeugt zudem bei ‚Men´s world’ mit einer echten Blues-Stimme. Die Bühne präsentiert sich dabei wie ein sprichwörtlicher und gleichzeitig kunstvoller Haufen Krempel, nur die pompösen Kostüme verweisen noch auf die einstige edle Herkunft.

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