Rafting auf der Ruetz
Das Regenprogramm Nr. 1

Frauenguides in der Überzahl: Anne Stephens und ihre KollegInnen Sandrina Hornhardt und Sebastian D'Cruz von Source to the sea.
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  • Frauenguides in der Überzahl: Anne Stephens und ihre KollegInnen Sandrina Hornhardt und Sebastian D'Cruz von Source to the sea.
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Ob man bei Regen raften kann, ist eine dumme Frage: Schließlich wird man ohnehin nass.

NEUSTIFT/INNSBRUCK. Das ist die erste Lektion, die ich als Laie schon am Telefon gelernt habe. Außer Sturm gibt es fürs Raften nämlich kein schlechtes Wetter. Es findet (fast) immer statt.
Seit fünf Jahren gibt es die Möglichkeit, auch auf der Ruetz im Stubaital zu raften. "Source to the Sea" (S2S) ist durch eine Gruppe engagierter Kajakfahrer entstanden. Sie gingen für die gute Sache nicht auf die Straße, sondern ins Wasser: Als Gegner des Tiwag-Kraftwerkes, das vorsieht, die Ruetz zur Energiegewinnung umzuleiten, habe man zu den Paddeln gegriffen. Anne Stephens, die die Raftingtouren auf der Ruetz in Neustift führt, erklärt: "Wir wollten vor fünf Jahren aufzeigen, dass der Fluss sehr wohl auch eine wirtschaftliche und touristische Bedeutung hat. Mit dem Kraftwerk verliert nicht nur die Ruetz an Kraft und Wassermenge, sondern auch die Sill, da die Ruetz der Hauptzulieferer ist." Trotz Widerstand des Tales ist die Umleitung fixe Sache. Bis zu dem Zeitpunkt, wo der Fluss nur noch plätschernd durch das Stubaital fließt, will man das wilde Wasser aber noch ausnutzen. 

Kommando, Kommando

An diesem Dienstag ist das Wetter alles andere als gemütlich. Es regnet in Strömen, vom Elfer-Parkplatz in Neustift bis zur Scheune muss man die Pfützen wie Minen umgehen. In der Scheune steht schon eine Gruppe von Personen: Teils in Badehosen und Flipflops, teils in Regenjacken und Bergschuhen. Touristen, die heute nicht berggehen werden. Die Scheune ist das Basecamp des Raftingunternehmens. Hier werden einem im Schnelldurchlauf die wichtigen Befehle erklärt: Ins Boot, rechts, links, vorwärts, rückwärts. Einfache Kommandos, die der Guide – der auch das Boot lenkt – der Mannschaft aus dem hinteren Teil zuschreit. Man möchte meinen, diese Kommandos sind einfach: In der Praxis zeigt sich allerdings das Gegenteil. Wenn Stephens "rechts vorwärts" ruft, paddeln die TeilnehmerInnen oft in die falsche Richtung. Und das ist auch die große Herausforderung, wie Stephens weiß: "Bei uns braucht keiner eine Spezialausbildung, es kann jeder mitmachen, der schwimmen kann." Manchmal kommt es vor, dass Leute – auch wenn sie fit sind – sich sehr ungeschickt anstellen.

Paddel und Füße

Mit unserer Gruppe lässt es sich – zum Glück – ganz gut arbeiten. Wir sind zu siebt im Boot, schlüpfen mit den Füßen in eine Halterung am Boden des Gummibootes und hüpfen so lange darin am steilen Ufer bei den Elferliften, bis wir ins Wasser rutschen. Schön gemütlich fließt es dahin. Wir üben die Kommandos, bis wir zu einem Punkt kommen, in dem wir unsere Schwimmkünste unter Beweis stellen müssen. Der Neoprenanzug, den uns die Guides in der Scheune gegeben haben, war ohnehin schon nass, aber der Gedanke, nun in die Ruetz zu springen und die ganzheitliche Abkühlung zu erleben, scheint ein böser Scherz zu sein. "Ich meine es ernst", sagt Stephens und kommandiert uns einzeln aus dem Boot. Wir müssen uns treiben lassen und ans Ufer schwimmen. Das kalte Wasser fließt dabei unter die dicke Rettungsweste, an den Fußgelenken und der Armen durch den Anzug hindurch. Es ist ungefähr so angenehm, wie wenn einem kaltes Wasser jemand in den Kragen schüttet. Als jeder die Prüfung absolviert hat, geht es wieder im Boot weiter, bis wir zur Schlüsselstelle kommen. Wir sind Soldaten, Stephens unser Kommandant. Wir denken nicht, wir tun nur, und so ist es dann auch, dass wir immer wieder mit voller Geschwindigkeit auf herausstehende Steine zusteuern, um in letzter Sekunde wild rüttelnd an ihnen vorbeizurauschen. Die Füße und das Paddel sind die besten Freunde eines Rafters: Mit ihnen schafft man es, den Halt nicht zu verlieren. Zirka eine Stunde sind wir am Fluss unterwegs, bis wir in Fulpmes andocken und das Gummiboot ans Ufer ziehen. Wer will, kann sich noch einmal in der Ruetz treiben lassen. Zum Schluss geht es in einem Spezialtaxi mit Sesselüberzügen zurück zum "Basecamp", wo die Anzüge von uns gewaschen werden, um sie ordentlich wieder an ihre Plätze zu hängen. Drei Touren gibt es täglich, erklärt Stephens, als die Gäste dann alle angezogen und abgetrocknet wieder in ihre Hotelzimmer zurückgehen und wir vor der Scheune die ersten Sonnenstrahlen des Tages erhaschen. Einheimische kommen so gut wie nie zum Raften. Oft sind es Junggesellenabschiede, die sich das Vergnügen auf der Ruetz gönnen. Dass man mit dem Unternehmen Erfolg hat, zeigt auch das stetige Wachstum: Vor fünf Jahren hat man mit zwei Guides und 12 Anzügen begonnen, heute sind es fünf Guides und 50 Anzüge. Weiter wird es aber nicht wachsen: "Noch immer hoffen wir, dass das Kraftwerk nicht gebaut wird. Wenn es so weit ist, müssen wir allerdings zusperren", gibt Stephens zum Schluss zu bedenken.

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