Den Taliban ein Dorn im Auge

Sayed ist 24 Jahre alt und musste aus Afghanistan flüchten, weil er für eine amerikanische Firma gearbeitet hat.
  • Sayed ist 24 Jahre alt und musste aus Afghanistan flüchten, weil er für eine amerikanische Firma gearbeitet hat.
  • hochgeladen von Agnes Czingulszki (acz)

"Ich heiße Sayed. Ich bin in der Provinz Kabul in Afghanistan geboren und dort bei meinen Eltern aufgewachsen. Heute bin ich 24 Jahre alt. Ich habe auch zwei Geschwister: mein Bruder ist 16 und meine Schwester, sofern sie noch am Leben ist, ist 14 Jahre alt. warum ich das nicht genau sagen kann, werdet ihr hier gleich lesen.

Als ich 5 Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir von der Provinz in die Stadt Kabul. Dort bin ich in die Schule gegangen und habe auch angefangen, zu studieren (Bauingenieur). Ich spreche die Sprachen Dari und Paschtu (die zwei offiziellen Landessprachen Afghanistans), Urdu (eine der Amtssprachen Pakistans), Englisch, Arabisch und jetzt auch ein bisschen Deutsch.

Mein Vater hat zuerst als selbständiger Kohlen- und Ölhändler gearbeitet und später seine eigene Baufirma gegründet. Er arbeitete auch mit vielen ausländischen Firmen zusammen und hat sehr gut verdient; außerdem hatten wir Ländereien für Obst- und Gemüseanbau. Es ging uns also sehr gut, wir haben keine finanziellen Probleme gehabt. Meine Mutter war Hausfrau und hat sich um meine Geschwister gekümmert. Solange wir in Kabul wohnten, gingen mein Bruder und meine Schwester in die Schule. Dann aber zogen wir aufs Land zurück; ab dann waren sie zu Hause bei meiner Mutter.

Job in einer internationalen Firma

Nach dem College habe ich als Feldingenieur in einer privaten internationalen Baufirma gearbeitet. Diese Baufirma hatte ihren Sitz in der Provinz "Khost", zirka 200 km süd-westlich von Kabul an der pakistanischen Grenze. Doch schon nach ein paar Monaten meiner Aktivität dort habe ich Drohungen von den Taliban bekommen. Die Taliban sehen es nicht gerne, wenn Afghanen mit ausländischen Firmen zusammen arbeiten.

Als meine Eltern von den Drohungen der Taliban erfuhren, haben sie mir gesagt, dass ich die Arbeit aufgeben und nach Kabul zurückkehren solle. Was ich auch tat. In Kabul habe ich zunächst in der Firma meines Vaters gearbeitet und dort auch ein paar Fortbildungskurse gemacht. Das Leben in Kabul war schön. Ich hatte eine Arbeit, mein Elternhaus, und dann habe ich 2011 auch noch geheiratet.

Der Angriff

Dieses Glück nahm eines Abends im November 2011 ein jähes Ende. Ich war zu Hause, als es an der Tür klopfte. Da mein Vater in der Moschee war, bin ich zur Türe gegangen. Als ich aufmachte, standen zwei junge Männer vor mir. Im nächsten Moment spürte ich einen furchtbaren Schmerz im Unterleib. Einer der Männer hatte mir ein Messer in den Bauch gerammt. Ich ging zu Boden, die Männer fuhren mit ihrem Motorrad davon. Ich musste ins Spital gebracht werden, aber Gott sei Dank war die Wunde nicht lebensgefährlich. Nach ein paar Wochen konnte ich wieder nach Hause gehen.

Wieso ich angegriffen worden war, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht, weil wir wohlhabend waren und Ländereien hatten, um die uns viele beneideten. Vielleicht aber auch, weil mein Vater mit ausländischen Firmen zusammenarbeitete, was viele Fundamentalisten als "Packt mit dem Feind" sahen.

Als ich mich wieder von der Verletzung erholt hatte, machte ich mich auf die Suche nach einem neuen Job. Ich hatte Glück und fand relativ schnell eine Stelle bei "USAID", der Behörde der Vereinigten Staaten für internationale Entwicklung, die in der Provinz "Baglan" im Strassenbau tätig ist. Baglan liegt ca. 220 km nördlich von Kabul. Meine Arbeit bestand darin, ein Autobahn-Projekt im Umkreis von 50 km zu beaufsichtigen und die Arbeit zu koordinieren.

Öftere Drohungen der Taliban

Während meiner ersten Arbeitsmonate bei USAID wurde ich wieder und mehrmals von den Taliban bedroht. Sie forderten mich auf, meine Arbeit bei den "ungläubigen Amerikanern" zu beenden. Trotz dieser Einschüchterungen und Bedrohungen von Seiten der Taliban, habe ich meine Arbeit fortgesetzt. Ich hatte – wie alle Mitarbeiter von USAID – Personenschutz, das heißt, wir wurden von bewaffneten Männern an unserem Arbeitsplatz bewacht. Dennoch konnte ein Anschlag der Taliban nicht ausgeschlossen werden.

Wir lebten also in ständiger Unsicherheit und oft mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Dann, am 25.03.2012, passierte etwas schlimmes: Die Taliban verübten einen Anschlag auf eine amerikanische USAID-Delegation, die sich auf einer Dienstreise in Afghanistan befand und an einem Tag zu uns in die Firmenzentrale kam. In einem der Camps innerhalb des Firmengeländes gab es mittags eine Sitzung. Ich hatte an dem Tag Dienst. Nach der Sitzung kam einer von den Sicherheitsleuten, die an der Hauptstraße Wache standen, zu mir. Er war beunruhigt, denn er hatte gesehen, dass eben ein Fahrzeug vorbei gefahren sei. Darin glaubte er den berüchtigten Talibanführer Qari Meraj gesehen zu haben.

Ich bekam Angst, beschloss aber, ruhig zu bleiben und vorerst keine Panik zu machen. Denn dass Taliban in der Gegend waren und gerne mit großen Jeeps herumfuhren und auf sich Aufmerksam machten, war nichts Ungewöhnliches.
Doch als die USAID-Delegation ungefähr eine halbe Stunde nach der Sitzung wieder nach Kabul zurückfuhr, hörte man plötzlichden Donner einer großen Explosion...

Abwarten nach der Explosion

Es wäre zu gefährlich gewesen, zur Stelle zu fahren, an der die Explosion passiert war. Wir mussten uns damit begnügen, die Polizei bzw. das Militär anzurufen, und zu warten, bis diese zuerst am Schauplatz und dann bei uns eintreffen würden.
Als die Polizisten zu uns kamen, bestätigten sie unsere Befürchtung. Das Auto mit den USAID-Mitarbeitern war in die Luft gesprengt worden. Alle Insassen waren ums Leben gekommen.

Ich wurde von der Polizei zu dem Vorfall befragt. Eigentlich wollte ich keine Angaben machen, weil ich wenig Vertrauen in die afghanischen Behörden habe, und weil eine Aussage gegen die Taliban sehr gefährlich sein kann. Aber mein Gewissen sagte mir, dass ich richtige Angaben machen müsse. Also habe ich der Polizei von dem vorbeifahrenden Fahrzeug mit dem Talibanführer Qari Meraj erzählt und von der Sicherheitsperson namens Najeebullah, die mich darauf aufmerksam gemacht hatte. Die Polizei hat auch Najeebullah befragt. Dieser hat aber alle Angaben geleugnet, natürlich aus Angst vor den Taliban.

Festnahme des Talibanführers

Ungefähr einen Monat später wurde Qari Meraj, der Talibanführer, in Kabul von amerikanischen Sicherheitskräften festgenommen. Sie fanden bei ihm eine Speicherkarte, auf der ein Video des verübten Anschlags zu sehen war.
Dazu muss man wissen, dass sich die großen Chefs der Taliban-Gruppen zum Großteil in Pakistan befinden und von dort aus ihre Befehle erteilen. Um sicher zu sein, dass ihre Aufträge tatsächlich ausgeführt wurden, ist es deshalb seit einiger Zeit üblich, dass die Anschläge von jemandem gefilmt werden müssen. Die Speicherkarte wird dem Auftraggeber dann als Beweis der "mission completed" übergeben...

Am 06.05.2012, also ein paar Wochen nach dem Anschlag, war ich zu Hause, als nach dem Abendgebet ein paar Taliban zu uns nach Hause kamen und nach mir fragten. Mein Vater teilte ihnen mit, dass ich mich derzeit in Kabul aufhalten würde. Während mein Vater vor der Türe mit den Taliban sprach, wusste ich sofort, dass sie wegen mir gekommen waren, und rannte durch die Hintertür und den Garten weg.

Vermutlich hatte mich entweder einer der Polizisten oder der Sicherheitsmann Najeebullah selbst an die Taliban verraten. Die Taliban haben meinen Vater gefragt, wann ich zurückkomme. Er sagte ihnen, dass ich in zirka einer Woche zurückkommen würde. Daraufhin haben sie meinen Vater zusammengeschlagen, und ihm gedroht: In einer Woche würden sie wieder kommen. Dann müsse er mich ausliefern, ansonsten würde er und meine ganze Familie sterben ...

3 Stunden später (ich hatte mich weit weg in einem Maisfeld versteckt) hat mich mein Vater am Handy angerufen. Er sagte, dass ich wieder nach Hause zurückkommen könne. Zu Hause habe ich meinen Vater in einen sehr schlechten Zustand vorgefunden. Er war verletzt und traumatisiert.

Mit der ganzen Familie auf der Flucht

Noch in der gleichen Nacht hat mein Vater mit Hilfe eines Freundes die Ausreise für die ganze Familie organisiert. Am nächsten Tag zeitig in der Früh wurden wir von einem PKW abgeholt und nach Mazar e Sharif gebracht, der viertgrößten Stadt Afghanistans. Dort verbrachten wir 2 Tage. Ich dachte, dass wir in Mazar e Sharif bleiben würden, aber dem war nicht so. Denn am 3. Tag ging die Reise mit Schleppern weiter.

Wir waren ca. 3 Wochen mit verschiedenen PKWs und Lastwägen unterwegs. Untertags fuhren wir, und erst wenn es dunkel war, hielten wir für die Nacht an. Meistens schliefen wir in abgelegenen Plätzen, in einem verfallenen Haus, einer Scheune, oder überhaupt im Freien. Manchmal mussten wir weite Strecken zu Fuß gehen, durch einsame, oft unberührte Landschaft. Die Angst saß uns ständig im Nacken, entdeckt zu werden. Die ersten paar Tage waren wir ganz alleine mit den Schleppern gewesen, dann kamen aber fast jeden Tag neue Leute dazu. Am Schluss waren wir eine Gruppe von fast 30 Leuten.

Mit den Schleppern auf der Flucht

Nach 2 weiteren Wochen kamen wir zu einem großen Fluss. Zum überqueren mussten wir warten, bis es dunkel war. Dann packten die Schlepper ein großes Schlauchboot am Ufer aus und bliesen es auf. Als das Boot bereit war und wir begannen, die Sachen hineinzupacken und einzusteigen, tauchte plötzlich vom Ufer aus die Grenzpolizei auf. Dann ging alles sehr schnell. Meine Eltern, meine Schwester, meine Frau und noch ein paar andere Personen, die schon im Boot waren, fuhren mit einem Schlepper davon. Mein Bruder, ich, und die, die noch am Ufer gestanden waren, liefen auf Kommando der Schlepper davon. Bei diesem "Lauf ums Leben" verlor ich meinen Bruder aus den Augen; ich sollte ihn erst sehr viel später wiederfinden...

Ich konnte durch Glück das Haus finden, in das die Schlepper uns gebracht hatten und wo wir bis auf den Einfall der Nacht gewartet hatten. Auch ein paar andere der Gruppe schafften es hierher; andere aber sah ich nie mehr. In der gleichen Nacht wurden wir von einem Schlepper mit einem PKW zu einem anderen Haus gebracht. Wo dieses Haus war, weiß ich nicht. Wir blieben lange 4 Wochen dort. Es erschien mir eine Ewigkeit.

Der Schlepper sagte immer, wir müssten noch warten, es gäbe Schwierigkeiten wegen der starken Grenzkontrolle am Fluss. Was mit meinen Eltern, meinen Geschwistern und meiner Frau passiert war, wusste ich nicht. Wann und wo würde ich sie wiedersehen? Wie sollte ich sie je wieder treffen? Ich wusste nicht einmal, wohin mein Vater vorgehabt hatte, mit uns zu fliehen. Vielleicht hatte nicht einmal er selbst es genau gewusst...

Nach langem Warten und Bangen ging es endlich weiter. Wieder brachte mich ein PKW an einen mir unbekannten Ort zu einem Haus, wieder warteten wir 2 lange Wochen. Dann erreichten wir endlich einen Fluss - ob es derselbe war wie 6 Wochen zuvor konnte ich nicht sagen. In derselben Nacht überquerten wir zusammen mit ein paar anderen Leuten den Fluss. Auf der anderen Seite fuhren wir wieder mit einem PKW zu einem Haus. 10 Tage später wurde ich von dort mit einem Auto zu einem Wald gebracht, wo wir dann viele Stunden zu Fuß unterwegs waren. Nach diesem Fußmarsch kamen wir wieder zu einem Haus, wo wir zirka 1 Woche warten mussten.

Dieser Ablauf wiederholte sich noch einige Male: untertags fuhren wir in einem Auto mit abgedunkelten Scheiben oder in einem LKW ohne Fenster; abends, wenn es dunkel war, hielten wir an und verbrachten die Nacht irgendwo in oder bei einem Haus. Immer im Dunkeln, immer warten. Es erschien mir endlos. Manchmal kamen zu der Gruppe neue Personen dazu, manchmal wurden Personen an Stellen abgesetzt. Informationen bekam man von den Schleppern nie, es war sinnlos, sie zu fragen, wo wir waren oder wie es weitergehen würde.

Ankunft in Österreich

Endlich, im November 2012, kamen wir an einen Ort, wo mich die Schlepper absetzten. "Endstation, hier musst du aussteigen". Wie ich später herausfand, befanden wir uns irgendwo in der Nähe von Wien. Ich hatte den Namen Österreich bisher nur als kleinen Fleck auf der Weltkarte gesehen. Da ich nicht wusste, wo ich hingehen sollte, bin ich zur Polizei gegangen. Ich sagte ihnen, dass ich keine Dokumente hatte, und dass ich meine Familie bei der Flucht verloren hatte.

Endlich hatte meine lange Reise ein Ende. Doch was würde ich hier tun, alleine, ohne Deutschkenntnisse, ohne Arbeit, ohne Familie, ohne Geld? Ich hatte solche Angst um meine Eltern, meine Geschwister, meine Frau... Was war mit ihnen passiert?

Die ersten 2 Jahre in Österreich waren sehr schwer für mich. Nach einer kurzen Zeit in Wien wurde ich nach Innsbruck in das Flüchtlingsheim Reichenau überstellt. Dort blieb ich fast 2 Jahre. Mein erster Antrag auf Asyl wurde 2013 abgelehnt; aber der zweite, im November 2014, wurde genehmigt. So habe ich nun also seit 8 Monaten endlich eine Aufenthaltsgenehmigung in Österreich.

Sehnsucht nach der Familie

In den ersten Monaten hatte ich große Depressionen. Von meinen Eltern, meiner Schwester und meiner Frau gibt es bis heute kein Lebenszeichen. Ich hoffe immer noch, dass sie am Leben sind, aber manchmal ist es sehr schwer für mich. Ich habe meinem Vater unzählige Emails geschrieben... Wie kann es sein, dass er sich bis jetzt nie bei mir gemeldet hat?

Meine große Freude und mein großer Lichtblick war das Auftauchen meines Bruders in Wien vor zirka 1 Jahr. Mein Bruder war 10 Monate lang bei den Schleppern gewesen, hatte für sie kochen und putzen müssen. Dann hatten sie ihn irgendwann in Wien ausgespuckt.

Als ich ihn im Frühjahr 2014 in Wien in die Arme schließen durfte, machte das Leben für mich wieder Sinn. Ich hatte einen Teil meiner Familie wiedergefunden...
Seither sind wieder 1 1/2 Jahre vergangen. Ich habe Deutsch gelernt, mir eine eigene Wohnung gesucht. Mein Bruder lebt bei einer älteren Dame, die sich um ihn kümmert. Das ist besser für ihn als ständig bei mir zu sein, denn er braucht auch eine Mutter. Aber wir sehen uns sehr oft, unternehmen fast jeden Tag etwas gemeinsam.

Meine einzige Familie und meine Zukunft liegen jetzt in Österreich. Ob ich je nach Afghanistan zurückkehren kann und will, weiß ich nicht. Ob ich je wieder den Rest meiner Familie und meine Frau sehen werde, weiß ich nicht. Ich hoffe es so sehr. Aber bis dahin muss das Leben weitergehen. Deshalb stecke ich mir jeden Tag neue Ziele. Ich habe vor kurzem den Führerschein gemacht; ab Herbst möchte ich dann gerne studieren....

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