Der entführte Bruder Hasans – Flüchtlinge erzählen

Hasan erzählte Anna Greissing seine Lebensgeschichte und warum er genötigt war, aus seiner Heimat zu flüchten.
  • Hasan erzählte Anna Greissing seine Lebensgeschichte und warum er genötigt war, aus seiner Heimat zu flüchten.
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Agnes Czingulszki (acz)

"Warum ich meinen Bruder verlassen und aus meinem Land flüchten musste...
Ich lebte mit meinen Eltern und meinem älteren Bruder Ali in unserem Haus in der Stadt Gaza in Palästina. Ich kann nicht sagen, dass wir im Luxus gelebt hätten, aber wir lebten so wie eine durchschnittliche Familie in unserem Viertel.
Mein Vater war ein einfacher LKW-Fahrer, wir Kinder sahen ihn nicht sehr oft. Die meiste Zeit verbrachte er unterwegs und in der Arbeit, weil er die ganze Familie erhalten musste. Meine Mutter kümmerte sich um uns und um das Haus, aber sie verdiente kein Geld.

Die Eltern verloren

Eines Tages wurde meine Mutter sehr krank. Sie kam ins Spital und wir mussten unseren Vater nach Hause holen. Der Arzt erklärte uns, dass meine Mutter Krebs hätte und nur mehr ein paar Monate leben würde. Kein Arzt und keine Medikamente der Welt konnten ihr helfen. Nach nur 2 Monaten starb sie...

Als wir unsere Mutter verloren, dachten wir, dass es das schlimmste wäre, was uns je passieren würde. Dann aber haben wir auch unseren Vater verloren. Er starb 2008 in einem Bombenangriff von Israel auf Gaza. Mein älterer Bruder Ali und ich blieben allein übrig, wir hatten nur mehr ein paar entfernte Verwandte, die alle wenig Geld waren.

Geld fürs tägliche Brot verdienen

Wir versuchten, eine Arbeit zu finden, um uns ab jetzt selbst zu erhalten. Aber es war nicht einfach Arbeit zu finden. Wir waren oft sehr verzweifelt, jeder Tag war einen neue Herausforderung, genug zum Essen zu verdienen. Schließlich mussten wir manchmal auch harte und gefährliche Jobs annehmen.

So kam es dazu, dass mein älterer Bruder auch halb-illegale Jobs akzeptieren musste, wie das Schmuggeln von Zigaretten oder anderen Waren über die Grenze zwischen Israel und Gaza. Es war eine gefährliche Arbeit, die mein Bruder nicht gerne tat, aber er hatte kaum eine andere Wahl, wir mussten irgendwie überleben. Ich konnte ihm manchmal helfen mit kleineren Aufträgen, zb. Waren irgendwo hinbringen oder wo verstauen; ich bekam aber nie einen der Männer des Schmugglernetzwerks, also die Auftraggeber meines Bruder, zu Gesicht.

Die Entführung

So kamen wir zwei oder drei Jahre über die Runden, bis etwas Schlimmes geschah: eines Tages Anfang 2011 wurde mein Bruder entführt. Als ich nach Hause kam und meinen Bruder nicht vorfand, sagten mir die Nachbarn, dass sie gesehen hätten, wie mehrere Männer meinen Bruder gewaltsam in ein Auto gezerrt hätten und davongefahren seien.

Ich wusste nicht, in was für Probleme mein Bruder wohl geraten war. Vielleicht hatte er manche Dinge verschwiegen, um mich nicht zu beunruhigen und um mich zu schützen. Ich habe meinen Bruder seit seinem Verschwinden nie mehr gesehen. Bis heute weiß ich nicht, was geschehen ist und wer die Männer waren, die ihn mitgenommen haben. Von einem Tag auf den anderen war er verschwunden, und ich war nach Tod meiner Eltern also als einziger meiner direkten Familie über geblieben.

Der Entschluss zur Flucht

Auch wenn ich nie direkt an den wirtschaftlichen Aktivitäten meines Bruders teilgenommen hatte, befürchtete ich doch, dass auch mich die Männer eines Tages holen kommen könnten. Es geschieht oft in unserer Gegend, so wie in vielen anderen armen und kriegsgeplagten Ländern: wenn jemand aus deiner Familie persönliche oder finanzielle Probleme hat, wirst auch du, als direkter Verwandter, dafür zur Rechenschaft gezogen. Mein Leben war jetzt also auch gefährdet.

Bald wurden meine Befürchtungen bestätigt: als ich eines Abends nach Hause kam, sagte mir ein Nachbar, dass eine Gruppe von Männern gekommen wären und gefragt hätten, ob ich noch hier wohnen würde. Es waren wohl die selben Männer, die meinen Bruder entführt hatten. Ich bekam solche Angst, dass ich in derselben Nacht beschloss, mein Haus und Gaza zu verlassen. Aber wo sollte ich hingehen? Der Gedanke an ein friedliches und sicheres Europa kam in mir auf...ein Wunschtraum. Denn wie sollte ich mir die Reise dorthin leisten können? Ich hatte gerade einmal genug Geld, um Tag für Tag zu überleben...

Ich hatte furchtbare Angst und konnte nachts nicht mehr schlafen. Ich musste weg. Nur zwei Tage später zog zu einem entfernten Cousin in eine kleine Stadt in der Nähe von Gaza. Mein Cousin arbeitete beim Bau- er verlegte Rohre- und mit viel Glück gelang es ihm, mir auch einen Job dort zu besorgen. Der Job war toll für mich, denn durch die Baustellen kam ich viel herum und wechselte laufend meinen Arbeitsplatz. Ich fühlte mich sicherer, denn ich dachte, dass mich meine "Verfolger" so nicht so leicht ausfindig machen könnten. Gott sei Dank sah und hörte ich nie wieder etwas von den Männern. Und ich hatte zum ersten Mal ein gutes Einkommen, von dem ich etwas auf die Seite legen konnte.

5000 Dollar für die Flucht

Ich arbeitete ca. 3 Jahre lang so am Bau. Alles, was mir am Ende des Monats übrig blieb, sparte ich. Auch wenn ich mich jetzt ein bisschen sicherer fühlte, der Gedanke an ein angstfreies Leben in einem anderen Land ließ mich nicht mehr los. Ich hatte mein Land immer geliebt. Aber jetzt, wo dieses Land mir durch den Krieg alles genommen hatte, was mir lieb war – meinen Vater und meinen Bruder – jetzt hasste ich dieses Land immer mehr und ich hatte immer noch große Angst. Ich wollte weit weg, wo ich ein neues Leben beginnen könnte. Von den Schmugglern erfuhr ich, dass der Preis der Freiheit – ein "Ticket" nach Europa – zirka 4000- 5000 Dollar kosten würde.

Der große Tag kam. Ich hatte fast 5000 Dollar zusammengespart. Meine Flucht begann am 3. Juli 2014. Da der Grenzübergang zwischen Gaza und Ägypten fast unmöglich zu passieren ist, nahmen wir die Route über Jordanien. Ein PKW brachte mich also direkt nach Amman. Am selben Tag nahm ich ein Flugzeug von Jordanien nach Ägypten. Das war möglich, da mir die Schmuggler einen falschen Pass besorgt hatten. Ich gab vor, ein jordanischer Geschäftsmann zu sein, der über Ägypten nach Libyen unterwegs war.

Mit dem Boot durch Italien

Ich erreichte den Flughafen Tripolis, Libyen, am 5.Juli. Nach einer Wartezeit von fast 2 Tagen ging es vom Hafen aus mit einem Boot nach Italien. An Bord waren andere ca. 700 Personen, die meisten Syrer wie ich.

Die Reise war kein Vergnügen, um es ironisch zu sagen, denn wir verbrachten 5 lange Tage in einem Boot, das zehnmal so viele Menschen am Board hatte, als maximal erlaubt gewesen wäre... wir saßen auf- und übereinander. Das Meer war unruhig, vielen wurde sehr schlecht, sie mussten sich übergeben.. .aber mit dem Segen Gottes schafften wir es heil bis nach Italien...

Statt Polizei eine nette Dame

Der Kapitän unseres Bootes war ein sehr cleverer Tunesier. Anstatt uns einfach irgendwo auf der Küste Italiens rauszuschmeißen, brachte er uns zunächst auf eine kleine Insel – wie sie heißt, weiß ich nicht mehr. Dort wartete keine Polizei auf uns, sondern eine nette ältere Dame, die dort eine kleine Pension betrieb. Es kam mir vor, wie in einem Märchen. Wir waren nicht ertrunken und auch nicht von der Polizei aufgegriffen worden.

Von der Insel brachten uns die Schmuggler dann nacheinander ein kleinen Gruppen mit Schlauchbooten zum Festland. Von Rom aus fuhren dann einige von uns mit PKWs in Richtung Norden. Wir erreichten Wien am 15. Juli 2014. Endlich war das Bangen und Verstecken zu Ende. Ich kam in einem Flüchtlingsheim unter, wo ich seitdem verzweifelt auf mein Erstgespräch beim BFA warte. In zwei Monaten werde ich seit 1 Jahr hier sein, ohne dass ich arbeiten oder studieren kann. Ich warte und hoffe immer noch auf eine Nachricht von meinem Bruder…"

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