Steuerzahler statt Sozialfall
Der Kampf einer Mutter für ihren Sohn

Bianca R. und ihr Sohn haben das Schlimmste hinter sich gelassen. Nur einfach war der Weg nicht.
  • Bianca R. und ihr Sohn haben das Schlimmste hinter sich gelassen. Nur einfach war der Weg nicht.
  • hochgeladen von Laura Sternagel

Bianca R. ist Mutter eines Asperger-Autisten im jugendlichen Alter, für den sie sich gegen das System gestellt hat. Im Gespräch mit dem STADTBLATT erzählt sie vor allem über eins – die Intoleranz der Gesellschaft gegenüber Normabweichungen.

Romanwürdiger Kampf

Bianca R. schreibt derzeit an einem Buch, das autobiografisch von ihrem Kampf erzählt, ihren Sohn Stefan (Name von der Redaktion abgeändert) nicht zu einem Sozialfall werden zu lassen. „Seit er auf der Welt ist, versuche ich, aus ihm einen Steuerzahler zu machen. Nur leider habe ich das Gefühl, dass alle anderen um mich herum ihn lieber als Sozialfall sehen wollten.“ Das kam und kommt für Bianca aber nicht in Frage. Sie will ihren Sohn als eigenständig denkenden und handelnden Menschen wissen, der über sich selbst bestimmen kann.

Zornausbrüche als Kind

Die frühe Kindheit Stefans war von Zornausbrüchen geprägt. „Im Kindergarten schon hatte er regelmäßig Zornausbrüche, die alle überforderten. Das war in der Zeit, als ich mich von seinem Vater trennte. Wir waren bei der Familienberatung und haben ihn von einer Psychologin begutachten lassen. Sie meinte, er leide unter der Trennung vom Vater und die Wutausbrüche seien ein Kanal für seine unterdrückten Emotionen. Stefans Lieblingsfarbe ist Rot und er malte immer gern mit Rot. Das wurde auch als ein Symbol von unterdrückter Wut gesehen.“

Diagnose: 'Asperger-Autismus'

Als dann schlussendlich die Diagnose 'Asperger-Autismus' fiel, beschäftigte sich Bianca näher mit dem Phänomen und erkannte ihren Sohn in dieser Entwicklungsstörung wieder. Die Diagnose war auch die Fortsetzung ihrer beider Leidensgeschichte: Stefan wurde aus zahlreichen Volksschulen verwiesen. Bianca musste nicht nur mit den LehrerInnen und DirektorInnen streiten, sondern gegen das gesamte Schulsystem ankommen. „Wenn wir eine Schule gefunden hatten, die uns aufnahm, was schwer genug war, ging es nur 2 – 3 Monate gut. Mit der Diagnose 'Aspergers Autismus' konnten die meisten nichts anfangen. Wir trafen nur auf Fronten, nur auf Desinteresse, Verurteilungen und Ablehnung. Insbesondere die anderen Eltern waren sehr intolerant gegenüber mir und meinem Sohn.“ Ein Schulpsychologe meinte sogar, man solle Stefan doch in die Sonderschule für Gehörlose in Mils einschreiben. „Ich musste mich mit Händen und Füßen gegen das System wehren, das meinem Sohn eine Minderintelligenz ankreiden wollte. Dabei ist er mit einem IQ von 141 hochintelligent.“

Mobbing in der Mittelschule

In der Mittelschule wurde es nicht besser. Die Schulassistenz, die Stefan vom Land Tirol zur Verfügung gestellt wurde, wurde vom Lehrkörper gemobbt, genauso wie Stefan von seinen Mitschülern. Es wurde so schlimm, dass Stefan nicht mehr durch die Tür der Schule gehen wollte. „Stefan wechselte die Straßenseite, wenn er Gleichaltrige gesehen hat. All die Gemeinheiten haben ihn so tief berührt, dass ich von ihm beim besten Willen nicht erwarten konnte, wieder in die Schule zu gehen.“ Bianca weigerte sich, ihren Sohn dem System zu opfern. „Ich habe ihn von der Schule genommen, weil ich ihm das nicht länger antun wollte, und habe angefangen, ihn zu Hause zu unterrichten. Mit Hilfe des Lehrers natürlich, der sechs Wochenstunden zu uns kam und uns vom Land Tirol zur Verfügung gestellt wurde.“ Diese Art des Unterrichts war von Erfolg gekrönt, Stefan hat einen guten Gesamtabschluss hingelegt und will die Matura machen – gemeinsam mit seiner Mama. Stefan will Politikwissenschaften studieren, um sich dann in der Politik für Menschen in seiner Situation einzusetzen. Bianca will Germanistik studieren, damit sie ihr Buch bestmöglich verfassen kann.

Politik: nur eine Person half

In ihren dunkelsten Stunden gab es nur sehr wenige Menschen, die Bianca auf ihrer Seite hatte. Aus dem Bereich der Politik konnte ihr auch nur eine Person wirklich helfen: „Ich verdanke Landesrätin Beate Palfrader mein Leben. Wenn sie nicht gewesen wäre, weiß ich nicht, was aus uns geworden wäre. Als es nicht mehr weitergegangen ist für uns, war sie die einzige, die mir die Hand entgegengestreckt und mir einen Weg aufgezeigt hat. Immer noch erkundigt sie sich regelmäßig nach unserem Wohlergehen. Ich werde ihr dankbar sein bis ans Ende meiner Tage.“

Soziale Interaktion lernen

„Als Stefan vier Jahre alt war, erzählte er mir das erste Mal von der Odyssee. In einzelnen Bereichen war er seinen Altersgenossen um Meilen voraus, in anderen hinkte er ihnen aber langsam hinterher.“ Stefan tut sich in Gruppen äußerst schwer. Soziale Interaktionen gestalten sich für ihn etwas schwieriger als für den Durchschnittsmenschen. Auch kann er nicht im Gesicht eines Menschen lesen, kann wenig mit Intonation und Sprachmelodie anfangen, beispielsweise kann er Sarkasmus nicht verstehen. „Ich übe mit ihm regelmäßig soziale Interaktion und er wird besser. Wenn wir beim Einkaufen sind, 'übt' er mit den VerkäuferInnen ganz gern ‚Smalltalk‘. Manchmal klappt es gut, manchmal nicht so. Aber ich bin guter Dinge, dass er in kurzer Zeit den Dreh soweit draußen haben wird, dass er kaum auffällt, zumindest nicht negativ.“ Sonst hat Bianca R. dieselben Wünsche für ihren Sohn, wie jede andere Mutter auch: Ihn als einen ordentlichen Steuerzahler sehen, der in einem Feld arbeitet, das ihn interessiert, mit einer Partnerin an der Seite, die ihn versteht und so liebt, wie er ist.

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