Eichhof/Pradl (Umfrage)
Der Widerstand geht weiter und die Stadt verzichtet auf Millionen

Am 30.9. einen Blick auf das Leben im Eichhof werfen: Interessierte, Politiker, Experten und Wohnungssuchende sind eingeladen.
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INNSBRUCK. Der Eichhof in Pradl ist Geschichte, Tradition, Leben und erinnert bisweilen ein wenig an Asterix. Das "kleine Dorf" leistet Widerstand, seit Jahren. Am 30.9. ab 18 Uhr bieten die Bewohner interessierten Innsbruckern, Politikern, Experten und Wohnungssuchenden die Möglichkeit, einen Blick auf das Leben im Eichhof zu werfen. Der Stadtblatt-Blick auf die Eichhof-Geschichte und den Verzicht der Stadt auf Mieteinnahmen und Kostenersparnissen in Millionenhöhe.

Der Eichhof

Der Eichhof mit rund 400 Wohnungen wurde in der 1940er Jahren errichtet. 2001 wurde der Komplex generalsaniert. Die Gebäude wurden wärmeisoliert, Leitungen, Außenfassade, Fenster und die Balkone renoviert. Im Innenbereich wurden kaum Neuerungen umgesetzt und auch das Dach wurde nicht saniert. Energie Tirol schrieb in einer Infobroschüre im Jahr 2009: "Der Eichhof im Innsbrucker Stadtteil Pradl ist mit 400 Wohnungen die bisher größte Wohnanlage in Tirol, die energietechnisch vorbildlich saniert wurde. Die Dämmung der Fassaden der 1938 mit großzügigen Innenhöfen errichteten Anlage erfolgte von 2002 bis 2005. Der Großteil der alten Etagenheizungen wurde durch neue Gasthermen ersetzt. In den nächsten Jahren sollen sowohl die Dächer als auch die Kellerdecken thermisch saniert werden. Zum Vorteil für die Bewohner, die bereits jetzt von großen Komfortsteigerungen und halbierten Heizkosten sprechen."

Mesut Onay, Markus Trafoier und Bertold Schwan informieren über den Eichhof, den städtischen Verzicht auf Millionen und die "Austauschveranstaltung" am 30.9. ab 18 Uhr.
  • Mesut Onay, Markus Trafoier und Bertold Schwan informieren über den Eichhof, den städtischen Verzicht auf Millionen und die "Austauschveranstaltung" am 30.9. ab 18 Uhr.
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Widerstand

"Nein zum Abriss, ja zur Sanierung, ja zu einer Erhöhung", so lautet die klare Position der verbliebenen Mieter im Eichhof und "Wir bleiben". Markus Trafoier als Vertreter der "Eichhofler": "Wir wollen, dass die Versprechen von damals eingehalten werden. Sanieren statt Neubau. Wir haben hier im Eichhof leistbares Wohnen. Vollwärmeschutz und Parkanlagen haben wir Mieter von unseren Rücklagen bezahlt. Vor 8 Jahren sind die ersten Mieter ausgezogen. Diese Wohnungen wurden nie nachbesetzt. Mittlerweile sind über 100 Wohnungen leer. Wohnungen die der Öffentlichkeit gehören, nicht der Politik und nicht der Bau Lobby. Derzeit sind wir noch 50 Parteien die nicht ausziehen werden. Also werden diese Wohnungen noch weitere 10 bis 15 Jahre leer stehen. Und niemand ist anscheinend dafür verantwortlich. Mein Appell an junge Familien die dringend eine leistbare Wohnung suchen. Kommt in den Eichhof zu unserer Veranstaltung und übt mit uns gemeinsam Druck auf die Verantwortlichen aus. Denn diese Wohnungen gehören euch und nicht der Stadtregierung."

Soll der Eichhof abgerissen werden?

Millionenverzicht

Bei der weiteren Vorgangsweise rund um den Eichhof geht es natürlich auch ums Geld, um viel Geld. Aktuell verzichtet die Stadt Innsbruck auf beträchtliche Mieteinnahmen. 100 Wohnungen stehen im Eichhof leer, zum Teil schon seit acht Jahren. Neben den Verzicht auf die Mieteinnahmen wird auch durch den Leerstand auch die Bausubstanz geschädigt und der Wert wissentliche weiter gesenkt. Der dritte finanzielle Faktor: Eine Sanierung der Wohnung würde sich in etwa auf 50.000,- Euro belaufen. Der Neubau einer Wohnung bei rund 200.000,- Euro. Dem Masterplan entsprechend sollen 390 Neubauwohnungen errichtet werden, Investitionsvolumen 78 Millionen Euro, die Sanierung von 241 Wohnungen würde eine Investition von 12,05 Millionen Euro bedeuten. Bertold Schwan (Bürgerinitiativen Innsbruck): "Dieser Leerstand kostet die Besitzer (Innsbrucker Bevölkerung) viel Geld: Mieteinnahmen in Millionenhöhe gingen und gehen verloren, die Bausubstanz wird durch den Leerstand geschädigt und das schlimmste dabei ist, dass es leistbaren Wohnraum gäbe, aber dieser nicht genützt wird!" Schwan präsentiert gemeinsam mit Markus Trafoier und Mesut Onay (Alternative Liste Innsbruck) einen Lösungsansatz: "Lösungsvorschläge: die leerstehenden öffentlichen Wohnungen sanieren und dadurch leistbares Wohnen fördern – kann sehr zeitnahe umgesetzt werden, ist nachhaltig und kostet weniger als abreißen und neu bauen. 30 Millionen Euros könnten hier eingespart werden. Niedrige Kosten ermöglichen niedrige Mieten."

Hinterfragen

Für Mesut Onay ist nicht nur der Schritt in die Öffentlichkeit wichtig, er will auch die Politik und den Gemeinderat zum Handeln bringen: "Der vor Jahren beschlossene Masterplan für Abriss und Neubau des Eichhofs gehört nochmal hinterfragt und aufgemacht. Sowohl aufgrund der explodierenden Baustoffpreise als auch aus ökologischen Gründen ist die Entscheidungsbasis nicht mehr gegeben. Wir müssen umdenken. Erhalt von guter Bausubstanz und Renovierung statt Abriss und Neubau sind die Zeichen der Zeit."

Soll der Masterplan Eichhof im Gemeinderat nochmals diskutiert werden?

Der Masterplan

Aus dem Wettbewerb im Oktober 2016 ging eine städtebauliche Studie für den gesamten Eichhof hervor. Dieser Masterplan sieht im Endausbau 530 Wohnungen vor, ca. 390 Neubauwohnungen im Passivhausstandard und 140 Bestandswohnungen. Die Bebauung des Gebietes im Stadtteil Pradl erfolgt in mehreren Bauphasen. Das Siegerprojekt sieht neben den fertiggestellten Wohnungen in der Kranewitterstraße 11 noch weitere Neubauten im Bereich der Kranewitter- und Lindenstraße sowie im inneren Bereich des Eichhofs vor. Im Endausbau stehen am Gesamtareal 530 neue Wohnungen bereit, wovon 140 Wohnungen und sieben Geschäftslokale im Bestand verbleiben und 390 Wohnungen neu gebaut werden. Die Gebäude entlang der Gumpp- und Langstraße bleiben erhalten. Dadurch können abgesiedelten Personen auch sanierte Bestandswohnungen im Eichhof angeboten werden. 

Durch leerstehende Wohnungen verzichtet die Stadt auf Mieteinnahmen in Millionenhöhe.
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Dauerkonflikte

Mit dem Masterplan scheint das Thema Sanierung ad acta gelegt wurden zu sein. So hält die Stadtblatt-Redaktion 2017 fest: "Die Eckgebäude Langstraße bzw. Lindenstraße werden schon seit längerem nicht nachbesiedelt, 55 Wohnungen stehen leer."  Franz Danler, IIG, damals zur Stadtblatt-Redaktion: "Es ist keine Barrierefreiheit gegeben. Aber auch Lifte, Balkone, Tiefgaragen oder Kinderwagenräume sind nicht vorhanden." Die Pläne – eine Mischung aus Erhaltung der alten Standgebäude, Abriss und Neubau – sehe er als "gelungene Lösung". Im April 2019 berichtete das Stadtblatt: "Der Architekt Zenz informiert bezüglich des Eichhofs, dass hier 30 von insgesamt 49 Achtfamilienhäusern mit 241 Wohnungen entsiedelt, abgerissen und in verdichteter Form neu errichtet werden sollen. Laut der IIG sollen ca. 390 Wohnungen neu gebaut werden. Ähnlich ist das in Pradl-Ost und im Pradler Saggen der Fall. Laut Zenz stehen mittlerweile 320 Wohnungen leer, viele davon seit mehreren Jahren. Würde man die Dachgeschosse ausbauen, kämen laut dem Architekten noch ca. 98 Wohnungen dazu. Laut der IIG ist das Ziel das Schaffen von geförderten, kostengünstigen Mietwohnungen.

Erzählungen aus dem Eichhof

Unter dem Titel Operation Abriss berichtet in einem großen Artikel mit Lokalaugenschein die "FF - Südtiroler Wochenmagazin" im Oktober 2018 über den Eichhof: "Markus Trafoier sieht ein wenig aus wie Elvis Presley in seinen späten Tagen: schwarzes Haar, rundes Gesicht, lässiger Blick. Der Eindruck täuscht nicht. In seiner Freizeit gibt Trafoier den Alleinunterhalter und macht einen auf Elvis. Mit Gitarre und so. Heute ist ihm nicht danach. Heute ist er nur der Mieter einer Wohnung im Eichhof, einer Wohneinheit innerhalb der Südtirolersiedlungen, die einst für die Auswanderer aus Südtirol errichtet worden sind. Markus Trafoier ist ein Nachfahre dieser sogenannten Optanten, seine Großmutter stammte aus Partschins. Der Eichhof ist eine großzügige Wohnanlage mit etwa 390 Wohnungen. Zwischen den Häusern wachsen stattliche Eichen, es gibt viel Grün und die für Südtirolersiedlungen klassischen Wäscheleinen im Innenhof. Nach dem Willen der Stadtverwaltung soll hier bald alles anders werden. Sie plant, den Eichhof abzureißen und neue Wohnblocks hochzuziehen. Dadurch würden 150 zusätzliche Wohnungen geschaffen. Allerdings auf Kosten der Eichen und der Grünflächen.
Das Zauberwort des Grünen-Bürgermeisters

Georg Willi nennt es „Binnenverdichtung“. Das bedeutet: Wenn man innerhalb der Stadt ein wenig zusammenrückt, kann man verhindern, dass Neubauten „krebsartig ins Umland hineinwachsen“. Das klingt erst einmal nicht schlecht. Doch die Operation Verdichten kommt bei vielen Bewohnern der Südtirolersiedlungen nicht gut an. Sie wollen lieber in ihren schnuckeligen Häusern wohnen bleiben – und nicht in gesichtslose Wohnblocks umziehen. Die Südtirolersiedlungen in den Stadtvierteln Pradl und Saggen eignen sich besonders gut für diese Binnenverdichtung. Die zwei- bis dreistöckigen Häuser im Zeilenbau verfügen über ausgedehnte Flächen dazwischen, die mit Bäumen, Wiesen und Gemeinschaftsgärtenbestückt sind. Da hätten locker noch ein paar zusätzliche Gebäude Platz. Markus Trafoier kann das nicht nachvollziehen. Der Eichhof wurde in den vergangenen Jahren saniert. Die IIG ließ die Außenwände dämmen, die Fenster austauschen, die Heizanlagen ersetzen. Und nun soll das alles abgerissen werden? ... Die Mieten liegen netto rund um die Marke von 4 Euro pro Quadratmeter. In den Neubauten, befürchten Markus Trafoier und seine Mitstreiter, werden die Mieten in den kommenden Jahren rasant nach oben klettern. Bürgermeister Georg Willi bestätigt, dass die Neubaumieten „bei 8 Euro pro Quadratmeter brutto warm liegen“. Also inklusive Mehrwertsteuer, Raumwärme und Warmwasser. Dies sei immer noch weit unterhalb der Preise auf dem freien Markt, wo in Innsbruck netto 12 bis 16 Euro pro Quadratmeter fällig werden. Eine Nachbarin von Trafoier führt durch ihre Wohnung. Sie hat sie auf eigene Kosten neu eingerichtet, die Küche, das Wohnzimmer, das Bad, alles tiptop. Die Mittvierzigerin kann nur den Kopf schütteln, wenn sie daran denkt, dass ihre Wohnung, ihr Zuhause schon bald weggebaggert werden soll. Sie hat hier ihr Geld investiert, daher lässt sie sich auch von den Lockangeboten der IIG nicht verführen. Bis zu 15.000 Euro werden den Mietern geboten, damit sie ausziehen und in eine andere Wohnung gehen. „Was bitteschön soll daran sozial sein?“, sagt sie. Man bekomme Geld, ziehe aus, gehe in eine andere Wohnung und könne sich die Miete möglicherweise schon bald nicht mehr leisten. Im Vorjahr hat eine Umfrage ergeben, dass zwei Drittel der Bewohner des Eichhofs so denken wie sie. Sie sind gegen eine Absiedlung und gegen einen Abriss."

Klare Ansage im Eichhof.
  • Klare Ansage im Eichhof.
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Den ganzen Artikel der FF Südtiroler Wochenmagazin können Sie hier nachlesen

Als Reaktion auf den Artikel erschien eine Woche später folgender Leserbrief in der FF: "Ich lebe seit 1968 in zweiter ­Generation im Eichhof in den Südtiroler Siedlungen. Beim Lesen Ihres Artikels sind mir folgende Fragen gekommen. Die Neue Heimat, die für die Verwaltung der Siedlungen gegründet wurde, ist nach wie vor zu 100 Prozent in öffentlichem Besitz. Ist es nicht Veruntreuung und Schädigung von öffentlichem Besitz, wenn seit Jahren Hunderte teils top renovierte Wohnungen nicht an Wohnungssuchende vergeben werden, dadurch, dass nicht gewartet wird, Bausubstanz angegriffen wird und der Bevölkerung als Eigentümer Mieteinnahmen in Zigmillionenhöhe entgehen?" FF - Südtiroler Wochenmagazin

Ein Masterplan aus dem Jahr 2016 sieht den Neubau vor, dieser Masterplan soll jetzt wieder im Gemeinderat diskutiert werden.
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Die Südtirol Siedlungen

Die Rahmenbedingungen für die Südtirol Siedlungen, die eine große Rolle im Rahmen der "Option" und dem Hitler-Mussolini-Abkommen vom Juni 1939 spielen, wurden bereits im Februar 1939 mit der Gründung der Baugesellschaft „Neue Heimat“ (heute: Neue Heimat Tirol) geschaffen. So entstanden ab dem November 1939 bis 1944 verschiedene Anlagen in Wilten-West (Speckbacherstraße), in Pradl (Ahornhof, Lindenhof, Eichhof sowie rund um die Straßenzüge Gumppstraße, Langstraße, Koflerstraße, Amthorstraße, Türingstraße, Am Rain, Am Roßsprung) und im Pradler Saggen (Scheelblock nördlich der Sill). Insgesamt 189 Häuser mit fast 2.000 Wohnungen wurden so errichtet. Den Beitrag aus der Reihe Zeitgeschichte des Stadtblatts zu den Südtirol Siedlungen in Innsbruck können Sie hier abrufen

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