Corona-Skurrilitäten
Dr. Mengele, Lügenpresse und der Missbrauch der "Weißen Rose"

Aufkleber in Innsbruck

INNSBRUCK. Klinik-Mitarbeiter wurden als Dr. Mengele tituliert, vor dem ORF-Landesstudio am Rennweg wird "Lügenpresse" skandiert,  der Namen von Widerstandsgruppen gegen die Nazi-Diktatur werden mißbraucht. Bei den Demos, Flashmobs und Streiks der Corona-Maßnahmengegner tauchen immer wieder fragwürdige Argumentationen auf.

"Freiheit" und "Lügenpresse"

Die Teilnehmerzahlen des Streiks und des Flashmobs am 1.12. in Innsbruck lagen im drei- bis vierstelligen Bereich. Vor dem Landhaus wurde einmal mehr "Freiheit" gerufen, diverse Plakate in die Höhe gehoben, viele Selfies gemacht. Masken und Abstand werden bewußt weggelassen. Bei der Feststellung der Identität eines Teilnehmers durch die Polizei kam es wieder zu einem kleinen Tumult. Am Abend skandierte eine kleine Gruppe vor dem ORF-Landesstudio am Rennweg "Lügenpresse". Im Vorbeigehen und unter Polizeischutz. In der Nähe der Klinik erklärt eine junge Frau einem Kind, dass es sich bei einem Klinikmitarbeiter, der eine kurze Pause machte, um Dr. Mengele handle. Im Stadtgebiet sind Aufkleber wie "Es geht nicht um einen Virus, es geht um Kontrolle" zu finden, verantwortlich dafür: eine Gruppe mit dem Namen "Weiße Rose."

Verharmlosung und Missbrauch

Vergleiche mit dem NS-Regime sind bei den diversen Veranstaltungen der Corona-Maßnahmengegner zur Selbstverständlichkeit geworden. Die missbräuchliche Verwendung des "Judensterns" ist eine Verharmlosung des Holocausts (Der Judenstern (Gelber Stern) war ein vom nationalsozialistischen Regime eingeführtes Zwangskennzeichen für Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen von 1935 rechtlich als Juden galten: soziale Ausgrenzung, Diskriminierung, Demütigung, Ermordung. Der Judenstern war eine öffentlich sichtbare Maßnahme zur Durchführung des Holocausts). Aber auch Plakate, Transparente und verschiedene Aussagen wollen einen Zusammenhang der Jetztzeit mit der damaligen Diktatur herstellen. 

Grundrecht

Eine der wichtigsten Grundlagen in einer Demokratie ist die Meinungs- und Versammlungsfreiheit. "Du darfst sagen, was du dir denkst, und dich auch mit anderen zusammentun, um deine Meinung vielen anderen Menschen mitzuteilen." In Österreich ist die Meinungsfreiheit in der Verfassung festgeschrieben und sie ist ein wichtiger Teil der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Meinungsfreiheit bedeutet aber mehr als nur das Recht auf eine eigene Meinung. Es bedeutet auch, nach den eigenen Ansichten leben und handeln zu dürfen. Jeder darf, kann und soll so sein, wie es am besten zu ihm oder ihr passt. Aber natürlich nur, solange dabei niemand anderem geschadet wird. Weitere Grundrechte sind die Pressefreiheit, die Religionsfreiheit und die künstlerische Freiheit. Soweit die Erklärung der demokratiewebstatt.at

Ängste und Unsicherheit

Die Sorge um die eigene Existenz, die Angst oder Unsicherheit vor möglichen Nebenwirkungen durch Impfung dürften viele Teilnehmer zur Teilnahme an den Kundgebungen bewegen. Neben diesen Personen, sind auch Welt-Verschwörungstheoretiker ("Die richtigen Fragen ans gekaufte System, das wohl weltweit dirigiert wird!", ein Tiroler Nationalrat auf Facebook), militante Gruppe und Politiker. Während ein Teil ihre berechtigten Interessen vertreten will, geht es dem anderen Teil vor allem um finanzielle Aspekte. Mit der Corona-Angst und Corona-Unsicherheit  lassen sich durchaus gute Geschäfte machen: Sie sammeln Spenden für dubiose Sammelklagen oder auch den eigenen Lebensunterhalt, verkaufen Kaffeetassen „für Freidenker“ und Jacken „für Frieden“, Seminartickets, Bücher oder Goldmünzen. Für politische Parteien geht es um die wirtschaftliche Zukunft. Mögliche Wählerstimmen der Corona-Skeptiker bedeuten nicht nur Mandate sondern dank Parteiförderung, Wahlkampfkostenrückerstattung oder die Förderung der parteizugehörigen Bildungsinstitute auch bares Geld.

Botschaft

Dementsprechend diffus ist auch die Vermittlung der Botschaft bei den Veranstaltungen. Währen die legendäre "Stoppt Zwentendorf"-Aktion, die "Fridays for Future"-Demonstrationen oder die "Black Lives Matter"-Bewegung klare Ziele definieren, sind die Aussagen bei den Corona-Protestkundgebungen widersprüchlich. Lange Zeit war "Kurz muß weg" die Parole, aktuell scheint "Freiheit" modern zu sein. Das Hauptproblem, Corona ist ein medizinisches Problem. Die Politik ist bei der Maßnahmensetzung gefordert.

Politschauspiel

Die aktuellen Corona-Maßnahmen der Regierung werden vor allem von der Oppositionspartei FPÖ kritisiert, wobei dem nicht immer so war: So plädierte die FPÖ beispielsweise im März 2020 einen Corona-Immunpass mit voller Ausgangserlaubnis und ebenfalls im März 2020 wurde ein Lockdown für Österreich gefordert. Im März 2020 war auf der FB-Seite eine FPÖ-tirol-Politikers zu lesen: "Eine Maskenpflicht für den öffentlichen Raum muss her. Sonst wird das nix. Zudem könnte man damit möglicherweise gewisse Einschränkungen wieder lockern. In Südtirol verwenden sie Stoffmasken. Alles besser als nichts!" Nachdem die FPÖ bei der Sonntagsfrage im April 2020 nur mehr auf auf 13 % Zustimmung gekommen ist, wurde die Parteilinie gewechselt. Im März 2021 stehen bei der Sonntagsfrage 17 %, aktuell hält die FPÖ bei 20 Prozent, hat jedoch mit der "MFG" einen politischen Mitbewerber bekommen. Der aus der FPÖ ausgetretene Innsbrucker Gemeinderat hat bei der Auftaktveranstaltung der Bewegung "Menschen Freiheit Grundrechte" eine Rede gehalten und möchte die Bewegung auch in Tirol aufbauen.

Weiße Rose

Innsbrucks Geschichte ist mit der Weißen Rose und vor allem mit Christoph Probst eng verbunden. Zum Gedenken an Christoph Probst wurde am Ehrenmal vor dem Universitäts-Hauptgebäude am Innrain eine Gedenktafel angebracht. Die Stadt Innsbruck benannte den Platz vor der Universität in „Christoph-Platz-Platz“. Jetzt taucht die "Weiße Rose" in Innsbruck wieder auf, in einem Zusammenhang, der nicht gewünscht ist. Die Gruppe bezeichnet sich selbst „als eine Fortsetzung der Weißen Rose“. Sie beschreiben „bemerkenswerte Parallelen“ zwischen sich selbst und der Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus. Denn sie meinen, dass derzeit ein “stiller Genozid“ stattfinde – durch Lockdowns und die Impfungen. Auf der Website ermutigt die Gruppe ihre Anhängerinnen und Anhänger, Flugblätter von der Website herunterzuladen, auszudrucken und zu verteilen, um damit dem Aktivismus der Weißen Rose zu folgen. 
 

International

„The White Rose“ besteht aus einer Reihe von internationalen Anti-Lockdown-Gruppen mit dem Zentrum in Großbritannien.  Aus einer Website ist zu lesen: Bill Gates ist für das Virus verantwortlich, die Grippe ist gefährlicher als COVID-19, der Lockdown ist der Beginn des „Great Reset“, 5G verursacht COVID-19-Symptome, und so weiter. Auf der irischen Website werden die Quarantäne-Hotels für Reisende als Konzentrationslager und die Sicherheitskräfte in den Hotels als Gestapo beschrieben. Laut der Website war es „NICHT Adolf Hitler, der Millionen von Männern, Frauen und Kindern ermordet hat“, sondern Ärzt*innen." Der angeblich unverbundene Telegram-Kanal, ebenfalls unter dem Namen „The White Rose“, ist mit Anleitungen zur Massenproduktion von Anti-Lockdown- und Anti-Vax-Aufklebern (also Anti-Impf-Aufklebern) gefüllt. Der Kanal gibt immer wieder Anleitungen zum Kauf eines Etikettendruckers und zum Drucken von Anti-Lockdown-Aufklebern. 

Christoph Probst

An der Universität in München begann Christoph Probst das Medizinstudium. Dort kam es auch zum Kontakt mit den Geschwistern Scholl und weiteren Gleichgesinnten wie etwa Willi Graf oder Alexander Schmorell. Mit Flugblättern, in denen diese Studentengruppe mit dem Namen „Weiße Rose“ das totalitäre Nazi-Regime verurteilte, und die, oft unter Lebensgefahr, im ganzen Deutschen Reich verteilt wurden, versuchten sie, zum Widerstand gegen die Diktatur aufzurufen. Im Herbst 1942 kam er zum Medizinstudium nach Innsbruck. Hier wurde der 23-Jährige – seine Frau hatte gerade das dritte Kind geboren - am 19. Februar 1943 als Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ verhaftet. Nach einem Schauprozess wurde er am 22. Februar in München zusammen mit Hans und Sophie Scholl hingerichtet. Zuvor hatte er sich noch in der Gefängniszelle katholisch taufen lassen. Von den Geschwistern Scholl verabschiedete er sich unmittelbar vor der Hinrichtung mit den Worten: „In wenigen Minuten sehen wir uns in der Ewigkeit wieder!“ Am späten Nachmittag des 22. Febr. 1943 wurde Christoph Probst um 17 Uhr enthauptet.

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