Ein Dorf im Hochhaus

Grandiose Aussicht auf die Bergwelt und den Stadtteil.
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INNSBRUCK. 66 Meter, 84 Parteien und eine neue Fassade: Das Voest-Hochhaus im O-Dorf in der Kajetan-Sweth-Straße ist ein "Ausreißer" in vielerlei Hinsicht. Zirka viermal so viele Einwohner wie im kleinsten Dorf Tirols (Gramais mit 51 Einwohnern) leben in diesem Haus. Das STADTBLATT hat sich vor Ort angeschaut, wie es sich in diesem außergewöhnlichen Haus leben lässt, was die BewohnerInnen bewegt und was sie sonst noch von ihrer Lebenssituation halten.

21 Stockwerke

Es ist ein sonniger Mittwochnachmittag, im Schatten der 21 Stockwerke steht ein eingezäunter Spielplatz mit Rutsche, Schaukeln und einer Holzbank. Kinder laufen im Gras herum, die Mütter und Nachbarn sitzen in der Sonne. Das Voest-Haus wurde zu den Olympischen Spielen 1976 errichtet: Vier 2- bis 3-Zimmerwohnungen befinden sich in den einzelnen Stockwerken. Vor fünf Jahren wurde das Haus – mit Ausnahme der Aufzüge – generalsaniert. Auf der Bank sitzen Frauen und erzählen von ihrem Leben: Einige von ihnen waren noch nie im obersten Stockwerk, leben aber seit der Errichtung in dem Haus. Die Jüngste, eine junge Mutter, ist wohl die einzige, die nie ans Wegziehen denkt. "Nicht mal, wenn ich die Möglichkeit und die finanziellen Mittel hätte", meint sie. Sie sei hier geboren und auch ihre eigenen Kinder sind in das Hochhaus hineingeboren. Die anderen Frauen können ihr nicht zustimmen und haben ambivalente Gefühle. Das Zusammenleben mit so vielen Leuten ist anstrengend: Müll und Lärm auf den Gängen, unterschiedliche Lebensrhythmen, kulturelle Differenzen, ungewöhnliche Kochgewohnheiten. Aber in den Etagen schaue man aufeinander. Die junge Mutter meint: "Wenn die Zeitung mittags noch draußen liegt, klingele ich bei der Nachbarin."


Uralte Aufzüge

Mit dem Hausmeister (das Haus gehört der Innsbrucker Immobiliengesellschaft) ist man sehr zufrieden: Jedes Anliegen wird rasch gelöst. Wenn man sich was wünschen könnte, wären das neue Aufzüge. Drei Lifte bedienen die 21 Stockwerke. Nicht immer funktionieren alle. Zu "Stoßzeiten" kann es vorkommen, dass man zehn Minuten auf den Lift warten muss. Übrigens: In knapp einer Minute ist man vom Erdgeschoss im obersten Stockwerk. Zu Fuß sind das fast fünf Minuten – die Reporterin wird bei diesem Test von einem jungen Mann in seinen Zwanzigern begleitet. Er sei in der Gegend aufgewachsen, "ein hartes Pflaster", schnell rutscht man in die Kriminalität ab, er kommt seine Großmutter besuchen. Außer Atem treten wir aufs Geländer: Die Belohnung ist eine grandiose Aussicht.
Der O-Bus fährt wie ein kleiner Wurm auf der Straße, in der Sonne sitzen alte Damen auf den Bänken, am Fussballplatz kickt ein Junge, von weit hört man Baustellenlärm. Von 66 Metern Höhe aus betrachtet scheint es eine außerordentlich friedliche Gegend zu sein.

Autor:

Agnes Czingulszki (acz) aus Innsbruck

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