Kultur
Ein Stück wie ein Selbstoffenbarungseid

Da sitzen die ‚richtigen‘ Masken und Rollen noch.
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  • Da sitzen die ‚richtigen‘ Masken und Rollen noch.
  • Foto: Rupert Larl
  • hochgeladen von Georg Herrmann

INNSBRUCK. Mit „Stück Plastik“ von Marius von Mayenburg zeigt sich das Schauspiel des Tiroler Landestheater einmal mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Man müsse dem Volk aufs Maul schauen, fand Luther. So hält es auch der 1972 in München geborene Autor, Übersetzer und Regisseur Marius von Mayenburg. Wie er seine Figuren in seinem Schauspiel „Stück Plastik“ aufeinander loslässt, das ist mindestens so drastisch wie Luthers Postulat. Die Dialoge sind derart virtuos gebaute Offenbarungseide einer durch und durch narzisstischen und unentwegt um sich selbst kreisenden Selbstverwirklichungsmittelschicht, dass einem zwischendrin nur noch die Lach-Flucht nach vorne bleibt. Dies umso mehr, als eine Flucht in die Depression, die einen angesichts der erbärmlichen Leere hinter all den Selbstoptimierungsfassaden schon befallen könnte, keine wirkliche gesellschaftliche Akzeptanz hat, wie uns Künstler Serge gleich zu Beginn wortgewaltig erläutern wird. Allenfalls ein Burn-out.

Zynismus statt Leben

Wie gut also, dass es eine Domestikin wie Jessica (Marion Fuhs) gibt, die nicht nur sauber macht, sondern auch der eigenen Selbstbespiegelung und Wahrheitsfindung dient. Weil sie zu all den Zumutungen so gut wie nichts sagt, und wenn sie was sagt, ohnehin nicht gehört oder verstanden wird. Was freilich für alle gleichermaßen gilt. Zwischen Ulrike (Sara Nunius), die eigentlich Künstlerin ist, es aber nur zur Assistentin von Kunstberserker Serge gebracht hat und ihrem Mann, dem Internisten Michael (Kristoffer Nowak), gibt es nur noch zynische Abwertungen am Fließband, für das gemeinsame Kind, den pubertierenden Vincent (Philipp Rosenthal), wenig verwunderlich genau so wenig Empathie.

Ein bitterböses Spiel

Und Kunstberserker Serge (Jan-Hinnerk Arnke) gefällt sich darin, den Finger in die Wunden zu legen und aus all den Lebenslügen und der geballten Wohlstandsverwahrlosung umgehend Kunstaktionen zu kreieren. Daraus entspinnt sich ein bitterböses und groteskes Spiel, bei dem man bis zuletzt gespannt ist, wie sich dieser Wahnsinn wohl auflösen wird. Stefan Maurers Inszenierung entwickelt hierfür ein perfektes Timing. Und Luis Graningers mustergültige Selbstoffenbarungsbühne benötigt nur eine überdimensionierte Fließenwand, an den Seiten Ballettstangen und ein ganz nach vorne gesetztes niederes Podest. Auch wenn das Ensemble einen bis zur letzten Sekunde in den Bann schlägt, ist man doch froh, dass endlich Ruhe ist nach all den Selbstbehauptungskriegen.

Da sitzen die ‚richtigen‘ Masken und Rollen noch.
Zum Schluss geht es für alle ans Eingemachte
Autor:

Georg Herrmann aus Innsbruck

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