Geistreiches Finish

Bleibt unentschieden: Susanna von der Burg als Gräfin mit Uwe Stickert als Flamand.
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So verspielt der Name des Werks und das zuweilen etwas kapriziös überempfindliche Geplänkel der Figuren anmuten mag, für Richard Strauss sollte dieses Konversationsstück für Musik, wie er seine letzte Oper „Capriccio“ bezeichnete, nichts weniger als sein theatrales Vermächtnis werden. Dabei hatte er zunächst durchaus verständliche Zweifel. Wer sollte sich 1942, mitten im Krieg, wirklich für so ein Stück interessieren. Immerhin streitet man sich in „Capriccio“ mit geschliffener Eloquenz darüber, ob nun dem Wort oder der Musik das Primat im Musiktheater zukomme, was den Theaterdirektor natürlich nur einen Lacher kostet. Ohne seine Inszenierung und leibhaftige Menschen auf der Bühne sei das Ganze ohnehin nur Makulatur. Die Gräfin, um deren Gunst Textdichter und Komponist da eigentlich buhlen, ahnt jedenfalls zurecht, „dass wir allzu oft glauben jene zu lieben, die uns bewundern“, und wird sich daher klugerweise nicht entscheiden. Vielleicht erschien dem zeitgenössischen Publikum ein derart distinguierter Disput wie ein Lichtblick in finsteren Zeiten. Die Uraufführung im Oktober 1942 am Münchner Nationaltheater, die man zeitlich so ansetzen musste, damit die Menschen noch rechtzeitig vor den nächtlichen Luftangriffen ihren Heimweg antreten konnten, hatte jedenfalls wider Erwarten großen Erfolg. Tatsächlich ist Capriccio durchzogen von feinsinnigem Humor, abgeklärter Melancholie und sehr viel augenzwinkernder Selbstironie. Wie elegant sich etwa Strauss und sein Librettist Clemens Krauss über den zuweilen erschreckend banalen Opernbühnensprech oder über die großen übertriebenen Gesten der italienischen Oper auslassen, ist allein schon ein Vergnügen. Die Resilienz dieses Werkes erschließt sich einem vermutlich nur dann, wenn man immer wieder auch die Rahmenbedingungen seiner Entstehung reflektiert. Regisseur Anthony Pilavachi zeigt uns etwa gleich zu Beginn eine Probensituation, die jäh von einem Fliegeralarm unterbrochen wird. In die nachfolgende nicht minder bedrohliche Stille lässt Pilavachi dann einfach die Figuren aus einem übergroßen Barockgemälde (Bühne, Kostüme: Tatjana Ivschina) in den Salon herabsteigen. Das Spiel kann beginnen. Susanna von der Burg begeistert dabei einmal mehr als hin- und hergerissene Gräfin, doch auch die sie umschwärmenden Männer sind ebenso wie Schauspielerin Clairon wunderbar disponiert. Francesco Angelico dirigiert mit souveräner Leichtigkeit. Trotzdem erschließt sich einem „Capriccio“ nicht einfach so, man muss sich schon darauf einlassen.

Von Christine Frei

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