Gastrozukunft
Innsbrucker Politik gegen 22 Uhr Sperrstundenregelung

Johannes Anzengruber ist mit den Gastrobnomen, wie hier mit dem Wirt vom Weissen Rössl, Hans Plank, immer wieder über die vielfältigen Probleme und möglichen Lösungen im Gespräch.
2Bilder
  • Johannes Anzengruber ist mit den Gastrobnomen, wie hier mit dem Wirt vom Weissen Rössl, Hans Plank, immer wieder über die vielfältigen Probleme und möglichen Lösungen im Gespräch.
  • Foto: Stadtblatt
  • hochgeladen von Georg Herrmann

INNSBRUCK. Nicht nur Gäste und Wirte sind mit der 22 Uhr Sperrstunden-Regelung unzufrieden. Auch von Seiten der Innsbrucker Politik kommt immer mehr Kritik.  Für Johannes Anzengruber (VP) ist es ein Experiment mit großen Schäden, auch die FPÖ, die Liste Fritz sowie die Alternative Liste Innsbruck sprechen sich so wie zahlreiche Wirte gegen die 22 Uhr Regelung aus.

Bestandsaufnahme

Seit fast etwas mehr als zwei Wochen ist die 22 Uhr Sperrstunde in der Gastronomie in Tirol verordnet. Nächsten Donnerstag ist die vorerst auf 3 Wochen ausgelegte Regelung zu Ende. Vizebürgermeister Johannes Anzengruber (VP) nutze die Möglichkeit, um mit zahlreichen Gastronomen in persönlichen Gesprächen eine Zwischenbilanz zu ziehen, Ergebnis: keine positiven Auswirkungen, Sperrstunde wieder normalisieren. Auch Tom Mayer (Gemeinderat der Liste Fritz) hat sich mit Gastronomen getroffen und seine Erfahrungen in einem Video dokumentiert und Markus Abwerzger wird im Landtag einen Antrag einbringen.

Keine Hilfe

Für Innsbrucks Vizebürgermeister Johannes Anzengruber ist dieses Experiment nicht hilfreich, die Infektionszahlen zu reduzieren, im Gegenteil. „Wir haben vermehrt private Covid-Cluster zu vermelden, was in gewisser Weise logisch ist. Wir können im privaten Bereich nicht kontrollieren und privat werden natürlich die Abstandsregeln eher nicht eingehalten oder ein Mund-Nasenschutz getragen. Die privaten Feiern haben zugenommen und damit die Verbreitung des Virus.“

Große Schäden

Außer großen wirtschaftlichen Schäden für die Gastronomie hat die Aktion also keine allzu positiven Auswirkungen auf die Eindämmung des Virus gebracht. Anzengruber plädiert dafür, die Sperrstunde wieder auf 1 Uhr zu verlegen und gleichzeitig die Abstandsregeln, das Tragen von Mund-Nasenschutz sowie die Konsumation von Essen und Getränken nur im Sitzen auf dem jeweiligen Sitzplatz zu kontrollieren. „Ich denke, dass wir so einerseits eine gewisse Normalität mit der nötigen Vorsicht ermöglichen. Wenn wir als Gesellschaft hier mit Bedacht und Rücksicht miteinander umgehen, werden wir die Anzahl der Ansteckungen reduzieren.“ Es geht für den Vizebürgermeister auch darum, einen vernünftigen Umgang im Alltag zu lernen, da das Virus nicht verschwinden wird. Der Schutz von Risikogruppen soll dabei natürlich nicht zu kurz kommen, so Anzengruber abschließend.

Enttäuschung

Die Wirte in der Landeshauptstadt beurteilen die Sperrstundenregelung entsprechend negativ. Bei der Besprechung mit Anzengruber waren unter anderem die Wirte vom Stiftskeller, Culinarium, Café Galerie, Plateau, Da Vincenzo, Orangerie, Magistrat, Innkeller, La Copa - La Cabana, Andreas Stubes, Casa Bianca, Lady O, Weisses Rössl, Schwarzer Adler, Adlers, Hard Rock sowie die Unternehmer Einwaller und Pipal mit dabei. Burkhard Pederiva, Wirt vom Stiftskeller, Bierstindl und Culinarium meint: "Wir testen wöchentlich unser Team und halten uns an die vorgegebenen Maßnahmen. Die 22 Uhr Sperrstunde hat außer Umsatzeinbußen in Sachen Virusbekämpfung gar nichts gebracht."

Tom Mayer im Gespräch mit Gastronomen, Auszug aus dem Video der Liste Fritz.
  • Tom Mayer im Gespräch mit Gastronomen, Auszug aus dem Video der Liste Fritz.
  • Foto: FB/Liste Fritz
  • hochgeladen von Georg Herrmann

Videobotschaft

Auch Gemeinderat Tom Mayer von der Liste Fritz hat sich mit Gastronomen getroffen und das Ergebnis in einem Facebook-Video festgehalten. "Die neue Sperrstundenregelung um 22 Uhr bringt die Gastronomen in Innsbruck an den Rand ihrer Existenz, sie entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage und bringt auch den Hausverstand zum Verzweifeln. Die Gastronomen haben uns geschildert, dass sie Personal entlassen, Lieferungen stornieren und Putzfirmen kündigen mussten. Geht es den Gastronomen schlecht, geht es vielen Menschen schlecht, die von der Gastronomie leben und eine Familie ernähren müssen. Wenn man Menschen zutraut sich um 20 Uhr an Hygienevorschriften zu halten, wird man es ihnen auch nach 22 Uhr zutrauen müssen. Das Coronavirus hält sich schließlich nicht an Uhrzeiten“, ist Liste Fritz Innsbruck-Gemeinderat Thomas Mayer überzeugt. „Die Sperrstundenregelung muss umgehend wieder gelockert werden, um den Innsbrucker Gastronomen etwas von jenem Druck zu nehmen, der durch das Corona-Chaos entstanden ist. Darüber hinaus brauchen die Gastronomen aber weitere Unterstützung durch die Stadt Innsbruck. Mit einem Besuch von Bürgermeister Willi und Vizebürgermeister Anzengruber ist noch keinem Wirten, Barbetreiber oder Nachgastronomen in Innsbruck geholfen“, hält Liste Fritz Innsbruck-Gemeinderat Thomas Mayer fest. Im Gemeinderat bringt Mayer einen Antrag zum Thema Heizstrahler ein: "„Der Innsbrucker Gemeinderat spricht sich dafür aus, den Innsbrucker Gastronomen zeitlich befristet die Verwendung von Heizstrahlern in ihren Gastgärten wieder zu erlauben. Für die Dauer der kommenden drei Jahre soll den Wirten dadurch ermöglicht werden, ihre Gastgärten auch während der kalten Wintermonate einladend für ihre Gäste zu gestalten. Da die Infektionsgefahr mit dem Coronavirus im Freien bedeutend geringer sein soll, wäre diese unbürokratische Hilfestellung durch die Politik ein Schritt, die von der Pandemie stark betroffene Gastronomie zu unterstützen. Aus diesem Grunde werden der Bürgermeister und die Stadtregierung beauftragt, hier die entsprechenden Schritte zu treffen.“

Ablehnung

Strikt abgelehnt wird die 22 Uhr Sperrstunden Regelung von der FPÖ. „Immer mehr Kritiker an der Sperrstundenverordnung von Landeshauptmann Günther Platter melden sich zu Wort, doch der ÖVP-Landeschef ignoriert alle warnenden Stimmen“, führt der Tiroler FPÖ-Landesparteiobmann Markus Abwerzger in einer Aussendung aus. Abwerzger zitiert dabei auch den Tiroler Ärztekammerpräsident Arthur Wechselberger, der meint: „Eine Sperrstunde um 22 Uhr einzuziehen, ist ‚nicht evidenzbasiert‘, sondern‚ spekulativ und willkürlich‘.“ Er erinnert auch an Aussagen von Gerald Gartlehner und den Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin, Günther Weiss, die sowohl die Sperrstundenregelung, die Reisewarnungen und den Testungswahn an gesunden Personen scharf kritisieren. „Wenn Dr. Gratlehner davon spricht, dass die Sperrstundenregelung wenig bis gar nichts bringt, dann sollten die Alarmlocken läuten“, so der Tiroler FPÖ-Obmann weiters. Abwerzger kündigt einen Dringlichkeitsantrag im Landtag an.

Erweiteruntg

Die Alternative Liste Innsbruck spricht sich für eine Erweiterung der Sperrstunde aus. Die jetzige Regelung sei besonders problematisch für Veranstalterinnen und Veranstalter sowie Restaurants, gleichzeitig funktioniere sie nicht, weil sich das Problem unkontrollierbar verlagert. Die Menschen würden ja dennoch ohne Sicherheitskonzept weiterfeiern; Cluster seien so nicht mehr nachverfolgbar. „Die jetzige Regelung wirkt nicht, denn die Leute werden um 22 Uhr vor der Tür gesetzt, doch sie stehen dann noch vor den Lokalitäten und werden dort noch länger konsumieren und die Betreiber tragen die Schuld“, stößt die derzeitige Verordnung bei Gemeinderat Mesut Onay auf Unverständnis. Die Regelung müsse überdacht werden. „Beschäftigte aus einem ganzen Sektor sind hier in Gefahr, wo sich gleichzeitig eine unkontrollierbare Verlagerung der Nachtaktivitäten abzeichnet”, warnt Onay vor der vermeidbaren, drohenden Arbeitslosigkeit. Die Regelung sei von Anfang an ein Fehlschlag gewesen, weil hier das Gesellschaftsleben nicht mitbedacht wurde. Onay findet: “Ein Theaterstück oder eine Veranstaltung kann wohl kaum vorverlegt werden, wenn die meisten Menschen noch arbeiten.”

Kommentar

Kommentar von Georg Herrmann, Red.-Leiter Stadtblatt: "Die 22 Uhr Sperrstunde ist und war ein Fehlgriff. Bei der Einführung wurde das gesellschaftliche und öffentliche Leben vollkommen außer Acht gelassen. Beispiele dafür gibt es viele, Sport- oder Kulturveranstaltungen, oft lange geplant und fixiert, enden eben nicht immer um 22 Uhr. Sie sind aber wichtiger Teil unseres gesellschaftlichen, öffentlichen Lebens. Eine Vorverlegung der Beginnzeiten auf den Zeitpunkt, wo die Menschen noch ihrer Arbeit nachgehen, kann wohl nicht die Lösung sein. Dieses gesellschaftliche Leben braucht es aber, dringend. Auch und gerade, wenn sich die Menschen an die AHA-Maßnahmen (Abstand, Hygiene, Atemschutz) halten. Für eine Stadt wie Innsbruck, die sich im touristischen Wettbewerb mit den großen Städten in Europa befindet, die Landeshauptstadt ist, die einen kulturellen, sportlichen, sozialen, gesellschaftlichen Anspruch stellt, ist die Verordnung eine kaum zu ertragende Belastung. Welches Ergebnis diese dreiwöchige Testphase auch bringt, eine Verlängerung der 22 Uhr Regelung kann nicht im Interesse aller Beteiligten liegen. Es gibt bei der Coronabekämpfung nicht nur schwarz und weiß, es gibt Graustufen und genau diese Graustufen muss die Politik mit den Experten ausloten und erklären, dann werden die Maßnahmen auch akzeptiert und mitgetragen. Die regionale und lokale Anpassung und Rücksichtnahme der Maßnahmen muss eine Selbstverständlichkeit der handelnden Personen werden. Respekt, Achtung und Vorsicht gegenüber Corona ist wichtig, Maßnahmen sind auch wichtig, und zwar dort, wo sie greifen und nützlich sind, nicht pauschal und kollektiv.

"Die Stimmungen unter den Wirten ist nicht gut", Bürgermeister Georg Willi im Gespräch mit Altstadtgastronomen, Stadtblatt Bericht

Weitere Nachrichten aus Innsbruck finden Sie hier

Johannes Anzengruber ist mit den Gastrobnomen, wie hier mit dem Wirt vom Weissen Rössl, Hans Plank, immer wieder über die vielfältigen Probleme und möglichen Lösungen im Gespräch.
Tom Mayer im Gespräch mit Gastronomen, Auszug aus dem Video der Liste Fritz.
Du möchtest regelmäßig Infos über das, was in deiner Region passiert?

Dann melde dich für den meinbezirk.at-Newsletter an

Gleich anmelden

Kommentare

?

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Folge uns auf:
Die Bezirksblätter immer mit dabei! Mit der praktischen ePaper-App.


Gleich downloaden!

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Du möchtest selbst beitragen?

Melde dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Foto des Tages einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen