Karl-Heinz Künzel ist mit dem Ötzi auf Du und Du!

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Karl-Heinz Künzel wird auch „Ötzi-Doc“ gerufen – aus gutem Grund! Seit die Gletschermumie entdeckt wurde, ist der Facharzt für Anatomie nonstop mit dem Sensationsfund befasst. Der 59-jährige Steinacher ist auch maßgeblich an den Pionierleistungen beteiligt, welche die Medizin-Uni Innsbruck hierzu bisher erbracht hat.

BEZIRKSBLATT: Herr Künzel, nach der Auffindung am Hauslabjoch, dem 19. September 1991, wurde Ötzi an das Institut für Anatomie überstellt. Warum?
Künzel: Ausschlaggebend dafür war, dass das Anatomenteam unter der Leitung von Univ. Prof. Dr. Werner Platzer die meisten fachlichen Erfahrungswerte in Hinblick auf diverse Konservierungstechniken hatte. Grundsätzliches Ziel war es nämlich, die Mumie vorerst wieder annähernd an die klimatischen Bedingungen im Gletschereis zu konservieren.

BEZIRKSBLATT: Die Gletscherleiche war ja über sieben Jahre lang in Innsbruck, trotzdem vernimmt man heute eigentlich nur Berichte aus Bozen, über das Ötzidorf, den Archäopark ...
Künzel: Richtig, es tut auch mir leid, dass die Pionierleistungen des Innsbrucker Teams mit Prof. Dr. Othmar Gaber, meiner Wenigkeit, Prof. Dr. Günther Klima und Univ.Prof. Dr. Friedrich Tiefenbrunner leider ein wenig ins Hintertreffen geraten ist.

BEZIRKSBLATT. Worin besteht diese Pionierleistung?
Künzel: Die besteht eben in der Entwicklung einer speziellen Kühltechnik, mit welcher die wertvolle Mumie wieder wie im Gletscher konserviert werden konnte. Keine einfache Aufgabe! Nach dem akuten Management haben wir beinahe rund um die Uhr am Aufbau eines diesbezüglichen Systems getüftelt. Aber es ist uns geglückt und so konnte Ötzi nicht nur vor dem Verfall bewahrt und die museale Präsentation gewährleistet werden, sondern es wurde auch das interdisziplinäre fachspezifische Puzzle mit den vielen hochinteressanten Ergebnissen damit ermöglicht. Nur deshalb kann heute, 20 Jahre später, noch mit neueren, aktuellen Untersuchungsmethoden an Ötzi weitergeforscht werden. Darauf dürfen wir stolz sein!

Innsbruck war über sieben Jahre lang Keimzelle der Forschung

BEZIRKSBLATT: Was ist bis zur Überstellung des Eismannes im Jahr 1998 noch passiert?
Künzel: Es gab viele Untersuchungen durch verschiedene Arbeitsgruppen. Erwähnenswert sind die Identifikation der Tätowierungen mit einer speziell entwickelten Infrarottechnik und die Lebensaltersbestimmung. Weiters wurden für die DNA-Analyse diverse Gewebsproben aus Organen entnommen und an internationale Experten zu Forschungszwecken weitergegeben. Dazu mussten sogar Spezialinstrumente aus Titan angefertigt werden, damit es nicht zu einer metallischen Verunreinigung der zu gewinnenden Proben kam! Ich möchte dazu hervorheben, dass uns trotz allen Medienrummels und wissenschaftlichen Konkurrenzdenkens die Achtung gegenüber dem Objekt immer ein ganz besonderes Anliegen war.

BEZIRKSBLATT: Und seit der Mann vom Hauslabjoch nicht mehr in Tirol weilt, widmen Sie sich wieder verstärkt anderen Feldern?
Künzel: Nein, neben Lehr- und sonstigen Forschungstätigkeiten bin ich nach wie vor intensivst mit ihm befasst und das wird gewiss auch noch einige Jahre so weitergehen. Aktuell bin ich mit Dr. Wolfgang Recheis von der Innsbrucker Radiologie und Südtiroler Experten dabei, das Todes-
szenario zu rekonstruieren. Wir interessieren uns besonders für die Pfeilspitzenverletzung in der linken Schulter bzw. Achselregion, einen Jochbeinbruch im Bereich der rechten Augenhöhle, kombiniert mit einer Augapfelverletzung sowie auf eine Hirnblutung im Bereich des Hinterhauptlappens des Großhirnes. Ergebnisse dazu werden sicherlich beim 2. Bozner Mumienkongress des EURAC-Mumien-Eismann-Institutes im Oktober präsentiert werden.

Zeitzeuge des Unternehmens Ötzi

BEZIRKSBLATT: Bleiben überhaupt noch Unbekannte?
Künzel: Freilich! Es bleiben viele Mythen. Auch wenn wir noch so viele Daten und Fakten zusammenbasteln, werden wir stets nur interpretieren und nie restlos klären können. Auf einige Fragen gibt es schlicht keine Antworten.

BEZIRKSBLATT: Der organisatorische und wohl auch der finanzielle Aufwand sind riesig. „Rentiert“ sich das?
Künzel: Ja, die Ötzi-Forschung macht Sinn – in vielerlei Hinsichten! Zum Beispiel hat man die DNA entschlüsselt und eine Dispo zu erhöhten Blutfetten und Gefäßverkalkungen festgestellt. So viel also zu Zivilisationskrankheiten. Wir hoffen auch, Bakterien und Keime zu entdecken, deren DNA man entschlüsseln kann. Das wäre bei der Entwicklung neuer Antibiotika hilfreich. Ein anderes Beispiel ist, dass das Verfahren der so genannten Stereolithografie im Zusammenhang mit dem Mann aus dem Eis erstmals zur Untersuchung eines Menschen genutzt wurde. Inzwischen wird es erfolgreich in der medizinischen Praxis eingesetzt: Bei komplizierten Schädelverletzungen kann das operative Vorgehen anhand von 3D-Modellen bereits im Vorfeld festgelegt werden.

Dem Ötzi-Forscher auf der Spur – Künzel will noch Buch verfassen

BEZIRKSBLATT: Wie ist Ihr persönliches „Verhältnis“ zu Ötzi?
Künzel: Für mich war er ein Glücksfall. Ich bin ja nicht nur gewissermaßen einer seiner Leibärzte, sondern auch Zeitzeuge dieses Teils der Geschichte. Und der Mann aus dem Eis wurde letztendlich so auch ein Teil meines persönlichen Lebens. Man kann sich nur klein, demütig und ehrfürchtig fühlen, wenn man in einer hochzivilisierten Welt so viel Einblick in die Rekonstruktion der prähistorischen Kulturgeschichte im alpinen Raum gewährt bekommt, wie es mir ermöglicht wurde. Eventuell werde ich, wenn ich dann in Pension gehe, noch einmal etwas darüber schreiben, um all das für die Nachwelt zu erhalten – und sei es nur für die Familie.

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