Rückholaktion
Lillys Weg zurück in die Heimat

Lilly auf dem Weg zurück nach Österreich
14Bilder
  • Lilly auf dem Weg zurück nach Österreich
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Nadine Isser

Lillys Reise war als Badeurlaub geplant – doch dann kam erst ein Sturm, dann die Pandemie. Was als Badeurlaub begann, sollte zum Abenteuer- und Katastrophenurlaub werden.

INNSBRUCK. Müde und ausgelaugt steht Lilly am Bahnhof Schwechat in Wien – sie will Heim nach Innsbruck. Wo es normalerweise nur so von Menschen auf dem Weg zur Arbeit, zu Freunden, zur Familie nur so wimmelt, ist es nun fast menschenseelenverlassen. Es sind Zeiten des Corona-Virus, kaum jemand ist unterwegs, die meisten sind Zuhause, der Bahnhof in Wien: leer.

Sturm Dragon

Lilly ist reise- und auch katastrophenerprobt und hat schon einiges erlebt: schwere Erdbeben, das große Tsunami 2004, etliche Taifuns – das alles hat Lilly schon am eigenen Leib er- und überlebt. Trotzdem hat sie sich ihren Urlaub in Ägypten anders vorgestellt. In Dahab ist es normalerweise für TouristInnen paradiesisch: Jeden Tag Sonnenschein, kilometerlanger Strand, sauberes Meer und gemütliche Beach Bars.
Es war auch gemütlich, bis Mitte März der Sturm „Dragon“ über den mittleren Osten hereinbrach. In Ägypten ist man auf so viel Regen nicht vorbereitet, es regnet ja so gut wie nie, und schon gar nicht in solchen Maßen. „Hier ist nichts mehr so, wie es gestern noch war. Es regnet unaufhörlich und für die nächsten 2-3 Tage gibt es eine Sturmwarnung. In Kairo hagelt und schneit es schon. Hier ist es nicht so schlimm mit dem Regen, aber die haben kein Abflusssystem, darum geht gleich alles über. Im Haus rinnt von der Decke Wasser rein, die Wand runter und in die ungesicherten Steckdosen! Blitzableiter gibt es auch nicht!“, schrieb Lilly einer Freundin, bevor tagelang der Kontakt abbrach. Kein Strom, kein W-LAN, kein Skype, kein Internet, keine Nachrichten – denn auch Überlandkabel und Sendemasten wurden zerstört, wie Lilly später erzählt. Es war kein Kontakt zur Außenwelt mehr möglich. Das Chaos bricht aus: Ohne Internet können keine Leute am Flughafen eingecheckt werden und Bankomaten funktionieren auch nicht. Lilly und alle anderen waren aber ohnehin erstmal tagelang damit beschäftigt aufzuräumen und alles wieder zu trocknen.

Zeitgleich kündigt man in Tirol an, die Schulen schließen zu wollen. In den nächsten Tagen sollten die ersten Maßnahmen umgesetzt werden. Langsam verändert sich das Leben in Österreich: Die Pandemie und die Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus halten Einzug im Land der Berge, im Land am Strome. Davon bekommt Lilly im Sturm „Dragon“ jedoch nicht viel mit – zumal ja auch das Internet abgedreht wurde – samt Strom. Als das Internet wieder geht, ist Corona auch in Ägypten angekommen.
Aber das Internet geht nur manchmal, warum es dauernd wieder abgeschaltet wird… es erinnert ein bisschen an den arabischen Frühling. Plötzlich geht jedoch alles Schlag auf Schlag, es werden Maßnahmen auch in Ägypten umgesetzt, und das, so erzählt Lilly, quasi über Nacht. Ägypten ist anders als Österreich, das Militär fährt auf, gepanzerte Fahrzeuge fahren durch die Straßen – Fotos darf Lilly davon nicht machen. Alles wird dicht gemacht: Hotels, Geschäfte und auch der Flughafen. „Es steht in den Sternen, ob mein Rückflug am Montag dem 23.3.2020 stattfinden wird oder ob ich vom Außenministerium geholt werde... vorgemerkt bin ich, aber ab morgen, Donnerstag Mittag sperren Flughäfen zu und niemand kann die Lage einschätzen... es bleibt spannend!“, schreibt Lilly in die Heimat.

Ums Leben Telefonieren

Lilly schreibt: „Bis das Internet wieder ging, da hattet ihr schon tagelang Ausgangssperre, wir noch nicht, aber die Ägyptische Regierung hatte beschlossen, die Flughäfen am 19. 3. zu sperren.“ Und dann begann die Telefoniererei: „Ich begann daraufhin fieberhaft mein Reisebüro, die Airline, die Botschaften in Kairo und Wien und das Österreichische Außenministerium (offiziell: Bundesministerium für Europäische und internationale Angelegenheiten (BMEIA)) zu kontaktieren, um herauszufinden, ob mein Flug am 23. noch stattfinden würde. Ich bin schon gespannt auf meine Telefonrechnung, aber es ging ja wirklich um meine Zukunft! Wenn ich nicht mehr weggekommen wäre, wäre ich echt am Sinai festgesessen… Landweg über Israel, Syrien und Türkei ist genauso keine Option, wie Landweg über Libyen, Algerien und Marokko....und niemand weiß, wie lange das alles andauern wird.“

Rückholaktion

Lilly telefoniert etliche Prepaid-Karten leer. Auch ihre Freund*innen in Tirol telefonieren für Lilly. Sie will keineswegs am Sinai festsitzen, sondern unbedingt nach Österreich zurück, also telefoniert sie weiter. Das Außenministerium ist ihre einzige Hoffnung – und nur durch die Hilfe ihrer Freund*innen in Österreich schafft es Lilly schlussendlich für einen Rückholflug registriert zu werden. Fixe Zusage hat sie zwar keine, doch sie setzt weiterhin alle Hoffnung auf „die Engel vom Außenministerium“, wie Lilly ihre Retter*innen nennt. Zum Glück findet sie einen weiteren Österreicher – er hat bereits eine fixe Zusage und weiß, wann und wo der Flug starten wird. So wusste Lilly, dass sie am Sonntag um fünf Uhr in der Früh mit dem Taxi nach Sharm el Sheikh fahren musste und von dort aus um 11:00 Uhr der Fluch nach Kairo gehen wird und dann, endlich, um 18:00 Uhr der Heimflug nach Wien.

Bizarre Leere

„Das Außenministerium gibt sich wirklich sehr viel Mühe und leistet unvorstellbares, um alle Österreicher heil nach Hause zu bringen! Ihnen gebührt der größte Respekt und herzlicher Dank!“, erzählt Lilly von ihrem Erlebnis. Lilly findet außerdem, dass ein besonderes Lob und Dank all den Freiwilligen gebührt, die diesen Repatriierungsflug (Rückholdienst) erst möglich machten, denn die gesamte Crew der Level Europe Airline haben sich freiwillig bereit erklärt den Flug zu begleiten und bekamen kein Gehalt dafür, so Lilly. Sie möchte sich auch ausdrücklich bei allen Hotline-Mitarbeiter*innen, sowie den Mitarbeiter*innen der Österreichischen Botschaft in Kairo bedanken.

Es war eine gespenstische Reise: Leere Hallen in den Flughäfen, leergeräumte Duty-Free-Shops, leere Bahnhöfe und schlussendlich ein leerer Nachtzug nach Innsbruck.

Leerer Bahnhof in Wien
  • Leerer Bahnhof in Wien
  • Foto: privat
  • hochgeladen von Nadine Isser

„Darf ich bitte ein Liegewagenabteil für mich alleine haben?“, fragt Lilly die Angestellte am Ticketschalter in Wien. Die Antwort: „Sie können den ganzen Zug für sich alleine haben.“ Das entlockt Lilly ein Lachen, denn, obwohl sie die Strapazen der letzten Tage an ihr Limit gebracht haben – ihren Humor hat sie nicht verloren.

Du möchtest regelmäßig Infos über das, was in deiner Region passiert?

Dann melde dich für den meinbezirk.at-Newsletter an

Gleich anmelden

Kommentare

?

Du möchtest kommentieren?

Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.

Folge uns auf:
Genau im richtigen Moment abgedrückt!
3 Aktion

Titelfoto-Challenge August
Stimme für dein Lieblingsbild zum Thema "Tierisch gute Momente" ab

TIROL. Neues Monat, neues Titelfoto! Wir suchen wieder ein Titelbild für unsere Facebookseite. Dieses mal wird's animalisch! Das Motto lautet "Tierisch gute Momente". Ab sofort suchen wir jedes Monat Fotos zu einem bestimmten Thema. Zwei Wochen lang habt ihr Zeit euer schönstes, außergewöhnlichstes oder lustigstes Bild einzusenden. Anschließend wird unter allen Einsendungen ein Sieger-Bild mittels Voting ausgewählt. Dieses ziert dann einen ganzen Monat unsere Facebook-Seite „Bezirksblätter...

Die Bezirksblätter immer mit dabei! Mit der praktischen ePaper-App.


Gleich downloaden!

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Du möchtest selbst beitragen?

Melde dich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Foto des Tages einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen