Vom Entschwinden der Menschlichkeit

Beklemmend gut: Christoph Stoll und Petra Rohregger in „Dogville“.
  • Beklemmend gut: Christoph Stoll und Petra Rohregger in „Dogville“.
  • Foto: Christoph Tauber
  • hochgeladen von Agnes Czingulszki (acz)

INNSBRUCK. „Die Zeiten sind schlecht“, so hören wir gleich zu Beginn in „Dogville“, „bald kommt jemand, der noch weniger hat.“ Dieser Jemand ist Grace, eine junge Frau auf der Flucht, die auf Intervention des jungen verkappten Romanautors Tom, der sich selbst für die moralische Instanz seiner Community hält, eine Chance erhalten soll. Gegen viel Arbeit und wenig Lohn. Ein wenig rühmliches Tauschgeschäft, auf das sich Grace freilich mit einer geradezu überbordenden Herzlichkeit und Dankbarkeit für alles und jeden einlässt. Doch Lars von Triers Kultfilm aus dem Jahr 2003, den er bekanntlich wie eine theatrale Versuchsanordnung anlegte, ist vor allen Dingen eine Studie über die schleichende Entmenschlichung einer Zweckgemeinschaft, die mit zunehmend brutaleren Formen von Machtmissbrauch und Gewalt und einem immer dreisteren kollektiven Unrechtbewusstsein einhergeht. Der reine ungefilterte Verdacht und ein gewisser Druck von oben genügen dann bereits, um das eigene innere Ungeheuer von der Leine zu lassen. Was freilich wesentlich schwerer wiegt, ist die bittere Erkenntnis, dass auch das leidensfähigste Opfer irgendwann zurückschlagen kann und man diesen Wild-West-Showdown dann fast wie eine Katharsis erlebt. Westbahntheater-Leiter Konrad Hochgruber hat diesen gerade im gegenwärtigen Erinnerungsjahr beklemmend aktuellen Stoff, gemeinsam mit Luka Oberhammer als kongenialer Ausstatterin und in der Rolle einer vollkommen ernüchterten Erzählerin und seinem grandios zusammenspielenden Ensemble erschütternd eindrücklich umgesetzt. Und Petra Rohregger lässt einen in ihrer unfassbar leidensfähigen moralischen Integrität sogar auf die göttliche Nicole Kidman vergessen.

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