Stadtpolitik
Zerstörtes Kunstprojekt führt zu Politstreit

Die Skulptur im Waltherpark wurde zerstört.
  • Die Skulptur im Waltherpark wurde zerstört.
  • Foto: G. Depaoli
  • hochgeladen von Georg Herrmann

"Kunst gefällt oder gefällt nicht". Dieser einfache Nenner ist derzeit in der Innsbrucker Stadtpolitik nicht zu finden. Anlass dafür ist eine Kunstinstallation von Chris Moser, einem bekannten Tiroler Künstler und Politaktivisten. Die "kapitalismuskritische Plastik", eine lebensgroße Figur aus Papiermaché, stellte eine bettelnde Person am Boden mit einem Strick um Hals dar und war im Waltherpark zu sehen.

Zerstörung und Zustimmung

Von unbekannten wurde das Werk in den Inn geworfen. Die Tat fand Zuspruch von Innsbrucker Gemeinderat Gerald Depaoli. Auf seiner Facebook-Seite meinte er: "Was ist das ???
Entwarnung : War nur eine geschmacklose Kulturinstallation im Waltherpark die ein Unbekannter im Inn entsorgt hat . Gut gemacht oder ???" und löste damit eine breite Welle an Kritik aus.

Reaktionen

Die Vorsitzende des gemeinderätlichen Kulturausschusses und stv. Klubobfrau der SPÖ, Irene Heisz, ist entsetzt: „Schlimm genug, wenn Kunstwerke im öffentlichen Raum von Vandalen beschädigt oder zerstört werden. Aber dass GR Depaoli das auch noch öffentlich via Social Media feiert, ist abscheulich.“ Heisz erinnert daran, dass Depaoli — im Übrigen auf einem Platz, den die Grünen ihm freiwillig abgetreten haben — sogar Mitglied des Kulturausschusses ist. „Ich bemühe mich seit eineinhalb Jahren hartnäckig darum, immer wieder zu erklären, was eine Selbstverständlichkeit sein muss: Bei Kunst bzw. der allfälligen öffentlichen Subventionierung von Kunst darf es niemals darum gehen, ob mir persönlich oder irgendeinem anderen Gemeinderat etwas gefällt und zusagt. Was man einfordern und allenfalls beurteilen kann — wenn man es kann! —, ist ein gewisses Maß an professioneller Ernsthaftigkeit im Umgang mit künstlerischen Ausdrucksmitteln. Mehr aber definitiv nicht.“ Denn, so Heisz, Geschmäcker seien glücklicherweise verschieden und diskutabel, aber „Kunstwerke zu zerstören und derlei Gewaltakte zu loben, ist inakzeptabel. Hier wird die Freiheit der Kunst, die ein absolut unverzichtbarer Bestandteil der Demokratie ist, mit Füßen getreten.“

Tirols FPÖ-Landesparteiobmann KO LAbg. Mag. Markus Abwerzger und der Innsbrucker Stadtparteiobmann und Stadtrat Rudi Federspiel üben scharfe Kritik an der der Zerstörung der Plastik von Chris Moser: „Jegliche Zerstörung oder Beschädigung fremden Eigentums wird von uns abgelehnt“, halten Mag. Abwerzger und Federspiel fest. Kritik üben beide Politiker allerdings wiederholt an den Aussagen der grünen Vizebürgermeisterin Mag. Uschi Schwarzl. „Es ist schon interessant, dass sich die Grünen bisher noch nie zu den Attacken und Sachbeschädigung der Fassade der FPÖ-Landesgeschäftsstelle in Wilten zu Wort gemeldet haben, und diese Taten verurteilt haben, dreimal wurde die Fassade nun innerhalb eines Jahres Zielscheibe von noch unbekannten Tätern“, konkretisieren Mag. Abwerzger und Federspiel.

„Jede Zerstörung und Beschädigung von Kunstwerken ist vollkommen inakzeptabel. Die widerrechtliche Entfernung der Plastik des Künstlers Chris Moser ist keinesfalls zu tolerieren, noch zu rechtfertigen, auch wenn manche dieser provokativen Installation ablehnend gegenüberstehen", sagt ÖVP-Stadtparteiobmann KO Christoph Appler. Wenn mit Gerald Depaoli ein gewählter Mandatar diesen Kulturvandalismus auch noch öffentlich begrüße, sei dies eine unhaltbare Grenzüberschreitung, stellt der Innsbrucker VP-Obmann fest. "Man darf in einer Demokratie Kunst kritisieren, sie ablehnen und sie auch deplatziert finden. Aber sie mutwillig zerstören, das geht gar nicht", sagt Appler, der Gemeinderat Depaoli auffordert, seine unangebrachten Aussagen im Facebook umgehend zurückzunehmen.

Die Alternative Liste Innsbruck verurteilt die Zerstörung sowie den Aufruf der Zerstörung der Kunstinstallation. GR Depaolis Hetze gegen Kunst im öffentlichen Raum verunsichert die Kulturschaffenden in der Stadt. Frei dazu: "Der Aufruf zu Selbstjustiz mag in Kinofilmen funktionieren, ist aber gesellschaftszersetzendes Gift und muss daher geächtet werden. Kunst ist frei und soll sich ausleben". Kulturfeindliche Hetze habe keinen Platz in der Stadt, so Ersatzgemeinderat Marco Frei abschließend.

Depaoli nicht mehr im Kulturausschuss

Gerald Depaoli war bisher auch im gemeinderätlichen Kulturausschuss vertreten. Zwar hat Depaoli keinen Anspruch auf einen Sitz, aber sowohl die Grünen als auch die Liste Für Innsbruck haben je einen Sitz den Kleinfraktionen überlassen. Depaoli war auf einen grünen Sitz, Julia Seidl von den Neos hat den Platz der Liste Für Innsbruck. Die grüne Gemeinderatsfraktion hat Gerald Depaoli nun abberufen und Mesut Onay von der Alternativen Liste nachnominiert. Die Ausschussvorsitzende Irene Heisz: "Ich kann mir wie alle anderen Vorsitzenden die Ausschussmitglieder aussuchen. Es tut mir aber leid, dass Gemeinderat Depaoli trotz aller Bemühungen der Kulturausschussmitglieder nicht verstanden hat, dass Kultur eine existentielle Säule in unserem gesellschaftlichen Leben darstellt und daher auch den nötigen Respekt verdient." Mesut Onay selbst ist in der Kulturszene durchaus bekannt und war selbst sechs Jahre Mitglied des Kulturausschusses. 2008 war er Hip Hop Solotanz Staatsmeister und WM-Teilnehmer. 2013 fungierte er als künstlerischer Leiter Kulturnetzwerker beim "Sommer am Sparkassenplatz" und erzielte dabei einen Besucherrekord von über 20.000. In der Kulturszene ist Onay bestens vernetzt und gilt als überzeugter Kulturförderer.

Julia Seidl, selbst stimmberechtigtes Mitglied im Kulturausschuss ist empört: "Dass ein Innsbrucker Gemeinderat die mutwillige Zerstörung von Kunstfiguren im öffentlichen Raum gut heißt und sie sogar noch lobt, schlägt für mich, dem Fass den Boden aus! Was kommt als nächstes, eine Aufforderung zur Zerstörung von Kunst, die einem nicht gefällt?" "Kunst und Kultur kann gefallen, muss sie aber nicht. Sie soll kritisch sein, hinterfragen, zum Nachdenken anzuregen oder auch nur amüsieren oder gefallen! Als Mitglied im Kulturausschuss bin ich erschüttert, in welcher Art & Weise hier Straftaten gutgeheißen werden! Es ist eine Schande und beschämend, wie hier vorgegangen wird. Die Abberufung ist ein richtiges Signal," so Seidl, GRin der NEOS ,"dass er nun, das Kunstwerk zusätzlich als provokanten Sperrmüll bezeichnet, lässt tief in eine Gedankenwelt blicken, die keine Stimme im Kulturausschuss haben sollte."

Für einen wertschätzenderen Umgang in der politischen Arbeit und für einen offenen Diskurs zur künstlerischen Freiheit begrüßt Für Innsbruck die Entscheidung der Grünen, GR Depaoli den Sitz im Kulturausschuss zu entziehen. Für Innsbruck hat bereits zu Beginn des Jahres die Konsequenzen gezogen und GR Depaoli von allen FI-Ausschusssitzen abberufen. Die Begründung von damals ist heute aktuell wie nie. „In den vergangenen Monaten wurde im Kulturausschuss mehr als einmal deutlich, dass Herr Depaoli Kulturangebote und Kunstobjekte ausschließlich nach seinem persönlichen Geschmack bewertet. Das ist ein Zugang, der für die Freiheit der Kunst mehr als bedenklich ist. Meiner Meinung nach gab es seinerseits keinen einzigen Versuch einen offenen Zugang zum kulturellen Angebot in unserer Stadt zu finden“, schließt FI Kultursprecherin und stellvertretende Kulturausschuss-Vorsitzende GRin Theresa Ringler.

Depaoli fordert Auszeichnungspflicht
„Um in Zukunft sicherstellen zu können, dass nicht Unbekannte vielleicht auch nur versehentlich Kunstwerke im öffentlichen Raum zerstören, da sie glauben es handle sich ohnehin nur um Sperrmüll bzw. um einen Lausbuben bzw. Lausmädchenstreich, fordert das Gerechte Innsbruck, dass in Zukunft Kunst im öffentlichen Raum auch dementsprechend als solche ausgewiesen, und dementsprechend auch beschrieben wird! Ebenso soll für jedermann ersichtlich sein, wer für die Aufstellung von Kunstobjekten im öffentlichen Raum verantwortlich ist bzw. wer die Aufstellung genehmigt hat!“ fordert Gemeinderat Gerald Depaoli. „Letztendlich ist es auch ein Gebot der Stunde, dass die Innsbrucker wissen, wieviel ihnen Kunst im öffentlichen Raum kostet, und wer davon auch finanziell profitiert. Aus diesem Grund wird das Gerechte Innsbruck bereits bei der kommenden Gemeinderatssitzung einen dementsprechenden Antrag einbringen, welcher alle unsere Forderungen beinhaltet!“, kündigt Depaoli an. „Ich bin davon überzeugt, dass besonders die von uns geforderte Transparenzdatenbank für Kunst- und Kulturförderung im Gemeinderat eine Mehrheit erhält, haben doch alle Parteien, besonders die Grünen vor der Gemeinderatswahl 2018, mehr Transparenz versprochen!“, zeigt sich Depaoli zuversichtlich.

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Autor:

Georg Herrmann aus Innsbruck

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