05.10.2016, 14:51 Uhr

Ausstellung der Künstler Jorinde Voigt und Christian Marclay

Wann? 17.09.2016 bis 12.11.2016

Wo? Kunstraum Innsbruck, Maria Theresien Straße 34, Arkadenhof, 6020 Innsbruck AT
Ausstellungsdauer: 17.09. - 12.11. im Kunstraum Innsbruck
Innsbruck: Kunstraum Innsbruck | Die Künstler Jorinde Voigt und Christian Marclay verbinden Bildende Kunst mit Musik, indem sie eigens dafür geschaffene Werkserien von den Ensembles zeitkratzer und ensemBle baBel musikalisch interpretieren lassen. Die interdisziplinäre Präsentation ist eine Premiere für KLANGSPUREN SCHWAZ und KUNSTRAUM INNSBRUCK, die in Kooperation mit Freunde Guter Musik Berlin e. V. und Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof in Berlin die Werke zur Ausstellung und Uraufführung bringen.

Die Partitur mit ihrem Liniensystem, den Noten, Taktstrichen und Vortragsbezeichnungen trägt die direkte Handschrift des Komponisten. Die lineare Aufzeichnung von Tempo, Taktart, Dynamik und Instrumentation wird vom Sänger oder Musiker in Klang und Musik übersetzt. Avantgarde-Komponisten wie John Cage, György Ligeti oder Iannis Xenakis begannen früh, mit der traditionellen Schreibweise zu experimentieren; sie öffneten Partituren hin zu expressiven und freien Bildkompositionen. Bei Jorinde Voigt und Christian Marclay steht die künstlerische Position in direkter Partnerschaft zu den musikalischen Interpreten. Kein Komponist, keine Partitur im konventionellen Sinne agiert als Schnittstelle. Trotz ihrer unterschiedlichen ästhetischen Zugänge eint beide Künstler die Idee, in grafischen wie in musikalischen Transkriptionen akribisch die Welt abzubilden.

Die sehr feinen, oft mit Blattgold veredelten Zeichnungen von Jorinde Voigt ziehen den Betrachter trotz ihres Großformats in die Nahansicht. Rotierende Pfeile, ausladende Linien und Farbkleckse kulminieren in einem repetitiven Kompositionsaufbau. Die Künstlerin, die auch als Cellistin ausgebildet ist, folgt hierbei einem festgelegten Bildkonzept, das nichts dem Zufall überlässt. „Vom Prinzip ähnlich zur Notation einer Komposition in der Musik, werden visuelle und akustische Elemente rhythmisch angeordnet, zusätzlich mit Längen- und Breitengrad-Angaben geografisch festgestellt und in Bezug gesetzt zu Dauer und Geschwindigkeit“, beschreibt sie 2003 ihre Arbeit. Ihren Werkserien legt sie Themen zugrunde, wie z. B. Niklas Luhmanns Abhandlung „Liebe als Passion“ oder die 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven, die sie sprichwörtlich in eine zeitliche und geografische Achse zerlegt und deren affektive Bezeichnungen sie akribisch protokolliert. Jede Zeichnung benennt die Rotationsrichtung in Umdrehungen pro Tag, gliedert Zeiteinheiten in vorgestern, gestern, heute, morgen, übermorgen; hält die Himmelsrichtung und Ausrichtung zum Erdmittelpunkt fest und schließt jedes Werk mit einer „Now“-Linie ab, die nochmals den Entstehungsprozess gleich einer Erinnerung verdichtet. Assoziativer Ausgangspunkt ihrer neuen Serie ist „Das Lied von der Erde“ von Gustav Mahler, das sie nicht in einer wörtlichen Weise übersetzt, sondern indem sie sich der Verfahrensweise Mahlers, auch zeitaktuelle Themen in Kompositionen einfließen zu lassen, annimmt. Den einzelnen Liedteilen Mahlers vergleichbar, ergänzt Voigt thematische Blöcke, wie etwa ihre Auseinandersetzung mit Rousseaus Freiheitsgedanken oder mit Peter Sloterdijks Essay „Streß und Freiheit“. Das besondere beider Kooperationen ist neben dem interdisziplinären Dialog zwischen Künstlern und Musikern die Erweiterung der künstlerischen Praxis in die freie musikalische Interpretation, die damit jede Aufführung einzigartig macht.

Spielerisch sampelt Christian Marclay Comic- und Manga-Motive zu raumgreifenden Partituren, die von Sängern und Musikern als performative Handlungsanweisungen lautmalerisch wiedergeben werden. Marclay folgt hierbei unter anderem dem Prinzip der Onomatopoesie, einer Technik der Lautmalerei, bei der der Klang eines Wortes dessen Bedeutung darstellt. Auch der Betrachter solcher Werke ist verführt, vor seinem geistigen Auge mitzusingen, um diesen pulsierend tanzenden Wortketten Rhythmus und Sound zu geben. Mit einer in der Populärkultur üblichen Cut-and-Paste-Technik remixt Marclay unsere Gegenwart, etwa mit gefundenen Bild- und Filmausschnitten, Comics oder Graffitis. In seiner Arbeit Zoom Zoom fotografierte er über Jahre hinweg Alltagssituationen, die klangreiche und musikassoziierende Wortbilder in Schriftzügen bzw. Logos auf Verpackungen, Drucksorten oder anderen Gegenständen wiedergaben. In einer vom Künstler live geschnittenen, digitalen Dia- Projektion werden die Einzelbilder zum Takt gebenden Erlebnisraum, den die New Yorker Vokalkünstlerin Shelley Hirsch mit ihrer Stimme szenisch kommentiert. Das Prinzip der Zufälligkeit der gefundenen Versatzstücke, die in ihrer Reihung keinen Anfang und kein Ende erkennen lassen, nimmt auch die Manga Scroll auf, die als „altjapanisches“ Rollbild von 20 Meter Länge vor den Augen des Stimminterpreten ausschnittweise abrollt. Eine neue Arbeit lässt Marclay von dem Schweizer ensemBle baBel „vertonen“, bei der Comic-Fundstücke auditiven Gehalts zu einer Partitur-Collage in Gestalt eines üblichen Comic-Heftes kombiniert werden. Mit seinen klingenden Cartoons spiegelt Marclay einen thematischen Hauptakzent des diesjährigen Festivals wider.

KUNSTRAUM INNSBRUCK
Sarah Pfeifer, assistant
Maria-Theresien-Straße 34/ Arkadenhof
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