30.09.2014, 15:25 Uhr

„Räuber“ ohne Gnade

Da kann niemandem mehr geholfen werden: Karl Moor (Falk Seifert) mit Amalia (M. Fuhs) und seinem Bruder Franz (B. Schardt). (Foto: Landestheater)

Tiroler Landestheater (TLT)-Intendant Johannes Reitmeier präsentiert sich mit seiner ersten Schauspiel-Regie. Von Christine Frei

Er hätte es sich ohne Zweifel einfacher machen können: Denn Schillers „Räuber“ ist ein Gewaltstück - in jeder Beziehung, sprachlich wie inhaltlich. Zudem gibt es unzählige Lesarten. Und TLT-Intendant Johannes Reitmeier wagt sich tatsächlich an eine neue heran. Mal abgesehen davon, dass er das Stück in der aufgelassenen Innsbrucker Rotunde ansiedelt, als Symbol für einen Freiheitskampf, der irgendwann immer seine eigene fatale Dynamik entwickelt. Seine Räuber sind zudem nicht einfach wilde, aber im Innersten vielleicht doch irgendwie nette Jungs. Ganz im Gegenteil: auch wenn er sie zu Beginn Schlager singend mit Bierkisten auftreten lässt, mit diesen Kerlen möchte man schon zu diesem Zeitpunkt lieber kein Bier trinken. Dies um so mehr, als ihr anfänglich noch vermeintliches hehres Freiheits- und Revoltengeschrei ziemlich schnell in blindwütige Gewaltbereitschaft umschlägt. Auch der sonst üblichen Dichotomie – guter versus böser Bruder – kann Reitmeier in seiner Inszenierung wenig abgewinnen. In letzter Konsequenz ist es ohnehin der reale wie vorgetäuschte Liebesentzug des Vaters (wie immer zum Niederknien: Andreas Wobig) und damit einhergehend der Identitätsverlust, der sowohl Franz (Benjamin Schardt) wie schließlich Karl (Falk Seifert) zu emotionalen Berserkern werden lässt. Selbst die einzige Frauenfigur des Stückes ist in gewisser Weise ein emotionaler Krüppel: Denn Amalia (Marion Fuhs) zieht gleichfalls die Illusion und das Phantombild einer realen Konfrontation mit den Schattenseiten des Geliebten vor. Dann also lieber sterben, kommt der junge Schiller für sich zum Schluss. Eine Erkenntnis, die möglicherweise auch jene jungen EuropäerInnen antreibt, die nun aufseiten der Dschihadisten kämpfen. Insofern sind die Räuber also nach wie vor ein hochaktuelles Stück. Und Kenneth Winklers großartiger Szenensound ist fast zu kraftvoll und zu schön für die finale Erkenntnis, dass es eben doch nichts Wahres und Gutes im Falschen geben kann.
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