23.11.2016, 08:00 Uhr

Ein Meisterwerk in der Werkstatt

Der Menschenfeind und seine Bewunderer: Jan-Hinnerk Arnke als Atzbacher, Andreas Wobig als Reger, Michael Arnold als Irrsigler (Foto: TLT)

Von Christine Frei

Das TLT zeigt Thomas Bernhards furiose Prosakomödie „Alte Meister“.

Thomas Bernhard, das ist virtuoser Furor, das sind Tiraden, die sich in einer unglaublichen Musikalität unablässig nach oben schrauben, um dann wieder ebenso abrupt zusammenzufallen. Seine böswitzigen Beschimpfungen, die seine Figuren stets wie ein Dogma vertreten, provozierten schon zu seinen Lebzeiten bei den einen die Lachmuskeln und die Selbstreflexion, bei den anderen den reflexartigen Widerspruch und Wutausbruch. Auch in seiner bereits 1985 verfassten Prosakomödie „Alte Meister“ spart er, der sich nach seinem Tod jedes Aufführungsrecht in Österreich verbat, weil er mit dem österreichischen Staat nichts zu tun haben wollte, nicht mit Rundumschlägen und Pauschalurteilen. Gleichzeitig ist dieser Text so spürbar durchzogen vom eigenen Schmerz und der Verzweiflung über den Verlust seiner langjährigen Lebenspartnerin, dass man nicht umhin kann, als eine Form von Mitgefühl und fasziniertes Staunen für diesen seltsamen Kauz Reger zu entwickeln. Einen betagten lungenkranken Musikphilosophen, der seit dreißig Jahren jeden zweiten Tag mehrere Stunden auf einer Sitzbank im Bordone-Saal des Kunsthistorischen Museum zubringt. Da, wo er einst seine Frau kennen gelernt hat, über deren Tod er nun durch feste Tagesabläufe hinwegzukommen versucht. Für Reger ist dieser Saal, diese Sitzbank mit Blick auf Tintorettos „Weißbärtigen Mann“ seine Geistesproduktionsstätte, sein Denk- und Lesezimmer. Museumswärter Irrsigler, den er einen Staatstoten nennt und insgeheim auch nach dreißig Jahren Bekanntschaft noch für einen burgenländischen Dummkopf hält, scheint jedenfalls voll der Bewunderung für Reger, denn er pflegt den Saal einfach zu sperren, wenn Reger seine Ruhe haben möchte. Dann ist da noch Atzbacher, offenbar ein Freund, den Reger zu sich ins Museum bestellt hat, weil er – wie sich ganz zum Schluss herausstellen wird – mit ihm ins Burgtheater gehen möchte. Letztlich erscheinen einem die beiden freilich wie Spiegel, Mittler, Sprachrohre dieses irgendwie gewordenen Misanthropen, der in der Regie von Irmgard Lübke im K2 weniger wütend wie zerbrechlich wirkt. Lübke und ihre Ausstatterin Marlene Lübke-Ahrens zeigen uns dieses furiose Werk, das so viel von Bernhards eigener Fragilität erzählt, welche er ganz offenkundig mit diesem tobenden Furor bekämpfen musste, auf poetisch reduzierte Art und Weise. Nur leere von der Wand abgehängte Bildrahmen, eine Bank und zwei Stühle genügen, um in Regers Gedankenwelten einzutauchen. Andreas Wobig spielt den Reger gänzlich unaufgeregt und daher umso eindringlicher, Jan-Hinnerk Arnke und Michael Arnold sind ihm als Atzbacher und Irrsigler dabei wunderbar präsente Zuhörer, Bewunderer und Kommentatoren. Und was sie da zu dritt im K2 in der Werkstatt bieten, das ist Schauspielkunst ohne Netz und doppelten Boden.
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