16.11.2016, 08:52 Uhr

Erstmalig in Österreich: Römer werkten in Tirol

Römerzeitliche Scherbe mit Kratzspuren aus der Gefäßproduktion.

Der Archäologe Thomas Bachnetzer und sein Team haben bei neuerlichen Grabungen am Pfitscherjoch eine römerzeitliche Produktionsstätte von Lavez-Gefäßen entdeckt. Bearbeitungsspuren und eine genaue Datierung der anhaftenden Holzkohle auf den gefundenen Scherben aus Lavez lassen auf deren Produktion im 1. bis ins 3. Jahrhundert nach Christus schließen.

Abbaustellen, Rohlinge und gedrechselte Gefäßfragmente aus Speckstein, dem sogenannten Lavez haben Bachnetzer und seine Kolleginnen und Kollegen bereits gefunden und in Grabungen von 2011 bis 2014 am Pfitscherjoch untersucht. Aufbauend auf diesen Ergebnissen war eines ihrer wichtigsten Ziele für die Kampagne 2016, das Auffinden einer frühen Verarbeitungsstätte der Rohlinge zu Lavezgefäßen. „Nach der Generierung von digitalen 3D-Modellen von den bislang entdeckten Lavezbrüchen durch Projektmitarbeiter Daniel Brandner haben wir uns entschlossen, eine Sondagegrabung bei einer Almwüstung durchzuführen“, erklärt Bachnetzer der für diese Untersuchungen ein aufgegebenes frühes Almgebäude innerhalb dieser Almwüstung, wählte. „Solche Almwüstungen können oft bis in die Prähistorie zurückreichen. Von der verfallenen Hütte ist außer ein paar grasbewachsenen Steinen nicht mehr viel zu sehen und nur geschulte Augen erkennen die früheren Grundrisse und Viehpferche“, so der Archäologe. Diesen Ort erachteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als idealen Platz, um einen Schnitt anzulegen – und sie hatten gleich beim ersten Versuch Glück.

Gekratzt und nicht gedrechselt


Die zwischen zwei Lavez-Abbaugebieten liegende Almwüstung schien Bachnetzer und seinem Team als geeigneter Ort, um nach der lang vermuteten Produktionsstätte zu suchen. In einem Sondageschnitt wurden die Expertinnen und Experten sofort fündig. „Gleich unterhalb der Humusschicht verbarg sich ein bis zu 20 cm dickes Paket voller Lavez-Stücke, Gefäßfragmente und Stücke mit Bearbeitungsspuren, die zu 100 Prozent aus der Gefäßproduktion stammen müssen“, veranschaulicht Bachnetzer, der mit diesem Fund eines der größten Projektziele erreicht hat. Zum ersten Mal konnte in Österreich eine Verarbeitungsstelle von Lavez nachgewiesen werden und zudem ist dies ein wichtiger Hinweis auf eine römerzeitliche Abbaustelle im Nahbereich der Verarbeitungsstelle. Bislang konnte aufgrund noch nicht durchgeführter Grabungen nur eine Abbaustelle zeitlich eingeordnet werden – ins Frühmittelalter um 600 – 700 n. Chr. „Genau an der Stelle, wo die Almwüstung liegt, kommt eigentlich gar kein Lavez vor. Die Menschen von Früher müssen die Rohlinge also hingetragen haben, um sie dort weiter zu bearbeiten. Die Abbaugebiete liegen jeweils im Umkreis von bis zu einer Stunde Gehzeit“, so der Archäologe. Einem glücklichen Zufall verdanken die Archäologinnen und Archäologen, dass die Lavez-Fragmente direkt in einer Holzkohleschicht eingebettet waren, was die genaue zeitliche Bestimmung vereinfacht und eine relativ genaue Datierung möglich macht. Im Gegensatz zu den bereits am Pfitscherjoch gefundenen Gefäßfragmenten wurden diese hier entdeckten Stücke nicht gedrechselt, sondern die Gefäße wurden aus dem Steinrohling gekratzt, eine Produktionsart, die auf eine noch frühere Bearbeitung schließen lässt.
„Im bereits durchgeführten Interreg-Projekt konnten wir schon tolle Ergebnisse erzielen. Mit dem jetzt genehmigten TWF-Projekt gelang es neben der Produktionsstätte noch weitere fünf Lavezbrüche zu dokumentieren sowie weitere Rohlinge freizulegen. „Bislang ging man davon aus, dass Lavez-Gefäße seit der Römerzeit ausschließlich als Importware von der Schweiz nach Tirol kamen. Diese Annahmen konnten wir mit den neuesten Untersuchungsergebnissen eindeutig widerlegen. Jetzt haben wir auch den Beweis für eine römerzeitliche Bearbeitungsstätte aus dem 1. bis zum 3. Jahrhundert“, erläutert der Archäologe. Aussagen darüber, ob der begehrte Stein auch zum Handel abgebaut wurde und wie viele Menschen dabei beteiligt waren, ließen sich noch nicht treffen. In Österreich wurde zum ersten Mal eine derartige Produktionsstätte gefunden und auch europaweit sei die Zeitstellung äußerst selten. „Der Mangel an schriftlichen Quellen erschwert die genaue zeitliche Einordnung der Lavezbrüche am Pfitscherjoch. Einzig ein Nachweis aus dem 16. Jahrhundert zeugt von einer Schurfgenehmigung, die Erzherzog Ferdinand an Balthasar Tasser zum Abbau von Federweiß am Pfitscherjoch ausgestellt hat. Bei Federweiß handelt es sich um fein gemahlenen Talk, dem Hauptbestandteil von Lavez. Damit wurden früher beispielsweise Tanzböden rutschiger gemacht. Heutzutage werden damit Gummihandschuhe behandelt damit man sie leichter anziehen kann.. Mit der Gefäßproduktion hat dieser Hinweis nur leider nichts zu tun“, betont Bachnetzer, der weiter hervorhebt, dass die bisherigen Grabungen und Erkenntnisse immer noch an der Oberfläche der Materie kratzen. „Wir kennen zwar schon einige wichtige Mosaiksteinchen, aber das Gesamtbild beginnt erst jetzt, sich zusammenzusetzen. Das Gebiet ist topografisch und thematisch so weitläufig, dass noch einige Forschungen notwendig sein werden, um ein detailliertes Bild der Ereignisse am Pfitscherjoch erstellen zu können,“ so Bachnetzer. Mit den gefundenen, handgearbeiteten Lavez-Stücken ist ein weiterer Schritt zum Erstellen des Gesamtbildes gelungen.

Artikel im Newsroom der Uni Innsbruck.
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