07.09.2016, 15:04 Uhr

"Ich wollte nicht bereuen, es nie ausprobiert zu haben"

Judith W. Taschler präsentiert ihr neues Buch "bleiben" (Foto: Saringer)

Im Interview erzählt Judith W. Taschler über ihren Werdegang, über ihr neuestes Buch "bleiben" und ihren Wechsel zu einem großen Verlag.

Wer ist Judith W. Taschler?
Ursprünglich bin ich im Mühlviertel in einer kinderreichen Familie aufgewachsen. 1995 bin ich nach Innsbruck gezogen, um hier Germanistik und Geschichte auf Lehramt zu studieren. Das war eine meiner besten Entscheidungen. Hier habe ich im Studium auch meinen Mann kennengelernt.

Sind Sie als Schriftstellerin schon an Ihrem Ziel angekommen?
Schriftstellerin zu sein war schon immer mein Traumberuf. Ich habe schon als Jugendliche gespürt, dass ich vielleicht Talent habe, wurde aber mit der Zeit bodenständig, ich habe mir gedacht, es ist sowieso unrealistisch einen Verlag zu finden. Ich war 39 Jahre alt, als ich mein erstes Buch (Anm.: Sommer wie Winter) geschrieben habe. Ich wollte nicht bereuen es nie ausprobiert zu haben.

Ihr Roman "Sommer wie Winter" war auch ein "Innsbruck liest"-Buch: Hat ihnen das Projekt was gebracht?
In Innsbruck und Tirol hat es mir viel Aufmerksamkeit gebracht. Ich wurde wahrgenommen und auch eine fünfte Sonderauflage war das Ergebnis.

Bei welchem Verlag publizieren Sie?
Die ersten vier Bücher sind bei Picus – einem kleinen, aber renommierten Wiener Verlag – erschienen. Jetzt bin ich bei einem großen deutschen Verlag: Droemer. Dieser hat mehr Marketingmöglichkeiten. Der Umstieg war sehr, sehr wichtig – den absolut großen Durchbruch kann man nur mit einem großen Verlag schaffen. Ich wollte von Picus nicht gleich weglaufen, bin deshalb über mehrere Bücher loyal geblieben. Für Droemer habe ich mich entschieden, weil sie sich sehr bemüht haben, mich auch persönlich kennenzulernen. Da fühlte ich mich gleich wohl.

In einem Interview mit dem Kurier haben Sie gemeint, die ersten 60 Seiten eines neuen Buches fühlen sich für sie masochistisch an: Warum bleiben Sie trotzdem dran?
Da treibt mich die Motivation an die Stelle zu kommen, an der dann endlich der Schreibfluss kommt. Ich freue mich richtig auf diesen Punkt, bei einzelnen Büchern dauert es länger. Es gab zum Beispiel auch zwei Fassungen von „bleiben“. Mit der ersten war ich nicht zufrieden. Die zweite war dann stimmig für mich.

Wer darf Ihre Texte zuerst lesen? Und in welchem Moment?
Wenn es fertig ist, gebe ich das Buch beim Verlag ab. Mein Mann und eine Freundin, sie ist Germanistin, haben „bleiben“ in Manuskriptform gelesen. Beim Debütroman habe ich mehr Feedback gebraucht, mindestens zehn Leute haben es gelesen. Jetzt brauche ich das nicht mehr. Ich spüre selbst, ob ein Text für mich passt oder nicht.

Ihr neues Buch "bleiben" ist ein sehr emotionaler Roman. Wie gehen Sie mit den eigenen Gefühlen um, während Sie schreiben?
Spazieren gehen geht immer sehr gut. Das neue Buch war emotional sehr schwierig zu schreiben, denn die Anregung dazu kam aus dem Bekanntenkreis. Ein Freund ist an Krebs erkrankt. Die Ursache war sehr irritierend und tragisch. Es hat mich total bewegt und ich habe sein Schicksal einfach unfassbar gefunden. Er ist aber nicht in Selbstmitleid versunken, obwohl er noch „auf der Welt bleiben wollte“. So hat er es formuliert. Ich habe viel Zeit bei ihm in der Klinik und im Hospiz verbracht und war auch in der Sterbenacht dabei.

Die Protagonisten sind im Gespräch, tortzdem ist es eine Art Monolog. Von den Gesprächspartner erfährt man kaum etwas. Warum haben Sie diesen Erzählstil gewählt?
Ich wollte, dass alle vier Protagonisten gleichwertig sind. In der ersten Fassung war das ganz anders. Juliane erzählte in Ich-Form. Das war zu seicht und eindimensional für mich, es ging nur um sie, um eine Frau, die von ihrer Affäre erzählt. Auch die anderen sollten erzählen, was sie bewegt. Das ist für den Leser genau so interessant.

Sie sind eine sehr produktive Schriftstellerin: Woher kommen die Ideen für Ihre Bücher?
Ich habe das Gefühl nicht so schnell zu sein. Bei meinem ersten Buch hatten die Kinder noch Priorität, die Jüngste war sieben Jahre alt. Seitdem die Kinder schon größer sind, sind Familie und Arbeit ziemlich gleichwertig. Meine Familie ist sehr stolz auf meinen Beruf. Die Ideen fliegen mir einfach zu, in Form eines Satzes zum Beispiel. Ich brauche dann zirka ein halbes Jahr, bis ich den Satz ausgebaut habe, mache mir Notizen, erfinde die Charaktere. Die Themen haben auch viel mit mir zu tun. Ich kann über etwas schreiben, das mich fasziniert. Der Fall Fritzl und Kampusch haben mich zum Beispiel sehr beschäftigt und mitgenommen. Da ist mir die Idee zur "Deutschlehrerin“ gekommen. Mich hat es gereizt, den Spieß umzudrehen: Wie wäre es, wenn eine Frau das mit einem Jungen macht?

Dieser Roman wird ja bald verfilmt: Sind Sie stolz oder haben Sie Angst davor?
Ich habe natürlich Bedenken, denn ich habe ja eigene Bilder in meinem Kopf, aus denen jetzt völlig andere Bilder gemacht werden. Andererseits ist es total toll, dass ein Produzent auf mein Buch aufmerksam geworden ist. Ich vertraue dem Team, dass etwas Großartiges entsteht. Und eine Verfilmung bringt natürlich mehr Publicity und das hilft dem Buchverkauf.

Arbeiten Sie schon am nächsten Buch?
Ich arbeite schon am sechsten Buch, bin aber noch nicht sehr weit gekommen. Wenn ein Buch noch nicht erschienen ist, bin ich für das nächste im Kopf noch nicht frei. Jetzt muss ich richtig Gas geben: Ende Jänner ist Abgabetermin.

Von was handelt Ihr sechster Roman?
Es trägt den Titel „Der Davidsahorn" und es geht um das Leben einer Frau, die als junger Mensch vom Jugendamt quasi gezwungen wird, ihr Kind zur Adoption freizugeben und das prägt ihr ganzes Leben. Autobiografisch ist das Buch nicht. Die Anregung, der Impuls, kommt aber aus dem Leben, weil ich ja adoptiert wurde. Meine Umgebung eins zu eins wiederzugeben ist keine gute Idee: Man will die Menschen ja nicht verletzen. Was ich schreibe, ist immer fiktionalisiert.

Lesungstermin

Am 14. September liest Judith W. Taschler in der Wagnerschen Buchhandlung um 19:30 Uhr.; Museumstraße 4, Innsbruck

Zur Sache

Judith W. Taschler ist im Mühlviertel bei Adoptiveltern aufgewachsen. Seit '95 lebt sie in Innsbruck. Sie hat Deutsch und Geschichte studiert. Sie war "Innsbruck liest"-Autorin und landete mit ihrem Buch "Die Deutschlehrerin" einen Bestseller. Dieser wird bald verfilmt. Ihr nächstes Buch erscheint im Herbst 2017. Mehr über die Autorin erfahren Sie auf www.jwtaschler.at
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