06.11.2017, 15:45 Uhr

Schrecklich nette Vetternwirtschaft

Und zuletzt ist alles eitel Wonne in Künnekes Operette „Der Vetter aus Dingsda“. (Foto: TLT)

Bei Thomas Gassner wird sogar Operette wieder irgendwie hip – eine Theaterkritik von Christine FREI

INNSBRUCK. Dass sich Thomas Gassner als landauf landab bekanntes wie gefeiertes Mitglied des furiosen Comedian-Trios Feinripp-Ensemble auf Gags und perfekt gesetzte Pointen wie kaum ein anderer versteht, davon konnte man ausgehen. Dass ihn dabei weder Shakespeare noch Bibel noch Grimmsche Brüder schrecken, ist ebenfalls schon hinlänglich bekannt. Dass ihn genau das für Operette prädestinieren könnte, hätte man sich vielleicht denken können, erstaunlich ist es trotzdem. Denn so wie er Eduard Künnekes Operette „Der Vetter aus Dingsda“ anlegte, welche am Samstag ihre bejubelte Premiere in den Kammerspielen erlebte, hätte man meinen können, er habe sein Leben lang nichts anderes gemacht. Denn Gassner schafft es tatsächlich, uns dieses explizite Liebhabergenre, wo sich die Theatergeister nach wie vor gern und leidenschaftlich dran scheiden, als gewitztes Stück Retro zu servieren. Er nimmt es also ernst und macht sich trotzdem einen Spaß daraus. Natürlich kommt die gewählte Bamberger Viererkombofassung von Konrad Haas mit Hansjörg Sofka als Bandleader diesem Ansinnen sehr entgegen. Musikalisch changiert „Der Vetter aus Dingsda“ ohnedies charmant zwischen opernhafter Arie und dem Schlagerswing der Zwanziger. Und selbst wenn sich Hauptdarstellerin Julia ihre reichlich naive Schwärmerei für Vetter Roderich bis ins heiratsfähige Alter erhalten konnte, so repräsentiert sie wie auch ihre Freundin Hannchen doch schon eine neue Generation sehr selbstbewusster junger Frauen. Damit ist sogar das unvermeidliche Doppelhochzeits-Happy-End einigermaßen gut auszuhalten. Gassner holt sich mit Westbahntheater-Chef Konrad Hochgruber und Thomas Rizzoli zudem noch ein schwer kultverdächtiges Dienerpaar auf die Bühne, das insbesondere die Schmachtszenen mit Bierernst oder Baströckchen gekonnt zu konterkarieren versteht. Doch auch Dale Albright und Susanna van der Burg haben sichtlich Spaß an ihrer Rolle als berechnende Vormundverwandtschaft. Nicht minder spielfreudig und stimmlich wunderbar disponiert das junge Ensemble: Amelia Scicolone als Julia, Verena Barth-Jurca als Hannchen, Johannes Strauß als August, Florian Stern als Roderich und Unnsteinn Árnason als glückloser Antragsteller Egon von Wildenhagen.
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