09.08.2018, 17:38 Uhr

Segelfliegen: Achterbahn in der Luft (Reportage mit Video)

Segelfliegen: Einmalig!

Jeder kennt sie von unten, wenige von oben. Wir haben uns mit dem Segelflugzeug die Nordkette angesehen.


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INNSBRUCK. Sie gehören zu Innsbrucks Attraktionen, wie der Bergisel oder das Goldene Dachl. Die Segelflieger auf der Nordkette. Die wenigsten kennen diese einige hundert Kilo schweren Flieger – die ohne Motor, nur mit der Thermik, große Strecken fliegen – aus der Innenperspektive. Die STADTBLATT-Redakteurin wollte es wissen und nahm den Segelflug gleich zum Anlass, um ihre Flugangst zu bekämpfen.

21 Flugzeuge

Ossi Staud ist Ausbilder. Ein 72-jähriger, energischer Mann in weißem T-Shirt und beiger Hose. Auf dem Kopf eine dunkle Kappe mit der Aufschrift: Flugsportzentrum Tirol. Am Flughafen, südseitig, holt er mich ab. Auch hier – wie es sonst am Flughafen üblich ist – werden wir durchleuchtet, dann stehen wir auf dem Feld des Flughafens und gehen zu Fuß zu den großen Blechhangars. Ein komisches Gefühl. Hier stehen die Flugzeuge des Vereines. Insgesamt 21. Darunter befinden sich nicht nur Segelflieger, sondern auch Motorflugzeuge. "Wir haben ungefähr 300 Mitglieder, davon sind die meisten mit dem Motorflugzeug unterwegs", erklärt Staud, während wir eine kleine Vorstellungsrunde machen. Die Hitze ist groß, die Sonne gnadenlos. Das Flugzeug, mit welchem wir bald abheben, sieht erschreckend klein aus. Zwei Sitze hintereinander, ein Plexiglasdach und die langen, zarten Flügel. Bis wir auf der Flugbahn stehen vergeht eine halbe Stunde. Am Rücken tragen wir einen Fallschirm, er ist schwer, aber das merkt man nicht, wenn man dann halb liegend, halb sitzend im Segelflieger Platz nimmt. Plexiglasdach zu und los geht's. Mit einem Motorflugzeug werden wir in die Luft gezogen, auf den Anzeigen vor mir springen die Zeiger auf und ab, der Variometer piepst mal höher, mal tiefer, wir hören das Pfeifen des Windes und den Funk. Der Segelflieger wird ordentlich durchgeschüttelt, bis wir die richtige Höhe erreicht haben. Ein holpriger Weg zum Himmel. Dann klinken wir uns vom anderen Flugzeug ab. Jetzt kommt die Thermik. Mit drei Metern pro Sekunde steigen wir über die Berge, fliegen von Seefeld bis zum Halltal, winken den Touristen auf der Nordkette zu.

Wellblechfliegen

"Jetzt übernimmst du", sagt Staud und ich halte den riesigen Joystick fest und versuche das Flugzeug geradeaus zu fliegen und dabei keine Angst zu haben. Beides geht in die Hose. Wellblechfliegen, so nennt man das, was mit dem Segelflieger passiert. Mal ist die Nase hoch oben, um in der nächsten Sekunde wieder ganz unten zu sein. Dann muss ich Staud die Steuerung übergeben, weil mir schlecht wird. Zu viel Adrenalin und zu viel Überwindung für einen Tag. Wir landen, ich freue mich, gut angeschnallt zu sein, denn hier werden wir noch einmal ordentlich durchgeschüttelt. Weiche Knie: Nun ist das kein leerer Ausdruck mehr, ich bin nicht nur glücklich, sondern auch klatschnass. Der Spazierflug ist nach einer Stunde beendet. Wer Streckenflüge macht, kann bis zu zehn Stunden am Tag in der Luft bleiben. Ein Pinkelkondom für Männer oder Windeln für Frauen sind in dieser Sportart was ganz Normales.

16 neue Schüler

Zum Schluss gibt es im Vereinsgebäude noch Anekdoten aus der Vergangenheit und man plant den gemeinsamen Ausflug nach Tschechien. Eine Runde älterer Herren. Mit dem Nachwuchs gab es heuer keine Probleme. "Wir haben 16 neue Schüler", erklärt Staud bei einem Bierchen. Nur die Frauenquote bleibt recht überschaubar. "Wenn du dich anschließen würdest, steigt sie eklatant", lacht Staud. Zirka acht Frauen sind im Verein. Staud wehrt sich dagegen, dass Segelfliegen nur was für Reiche sei: "Andere Sportarten kosten ähnlich viel. Wer will, kann es finanziell stemmen." Er rechnet vor, dass ein Durchschnittspilot um die 3.000 Euro im Jahr ausgibt. Darin sind Flugzeugmiete, Starthilfe und Mitgliedsbeitrag inbegriffen. Zum Abschluss gibt es eine Umarmung. "Wir schicken dir schon mal das Anmeldeformular", meint Staud noch verschmitzt, bevor ich durch das Drehkreuz vom Flughafen auf die Kranebitter Allee trete. Ich nicke nur und eine halbe Stunde später liege ich schon vor Erschöpfung im Bett.

Weitere Infos: www.flugsportzentrum-tirol.at
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