16.09.2014, 14:39 Uhr

Erklärung der Plattform "Rettet die Kalkkögel"

(Foto: Rettet die Kalkkögel)
AXAMS. Bei einer Pressekonferenz auf der Adolf-Pichler-Hütte stellte sich die Plattform "Rettet die Kalkkögel" am Dienstag, dem 16. September vor. Hier die Erklärung im Wortlaut:


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Die Plattform – wer sind wir (Birgitta Schauer Naturschutzreferentin AV Innsbruck)

Der große Unmut der Bevölkerung im Großraum Innsbruck, der sich auch mit der regen Beteiligung an der Unterschriftenaktion gegen die Erschließung des Ruhegebietes Kalkkögel bestätigte, veranlasste den Alpenverein Innsbruck zur Gründung der überparteilichen Plattform „Rettet die Kalkkögel“. Alpine Vereine, Hochgebirgsgruppen, Bürgerinitiativen und engagierte Privatpersonen schlossen sich zusammen, um gegen die geplante schitechnische Erschließung durch das Ruhegebiet Kalkkögel und die geplante Großraumerschließung im Bereich Seejoch, Adolf Pichler Hütte und Kemater Alm gemeinsam aufzutreten. Mit der Homepage www.kalkkoegel-retten.at wollen die ehrenamtlich für die Plattform tätigen MitarbeiterInnen die Bevölkerung über geltende nationale und internationale Rechte, die Unwirtschaftlichkeit des Projektes, die weiteren Projektpläne informieren. Darüber hinaus ist es der Plattform sehr wichtig, mögliche touristische Zukunftsperspektiven für das Stubaital und das Westliche Mittelgebirge mit der Umsetzung des Naturparks Stubaier Alpen aufzuzeigen.
Die Politik wird aufgefordert die große Ablehnung des Projektes seitens der Bevölkerung ernst zu nehmen. Denn bis dato haben die online Petition als auch die Unterschriftslisten über 20.000 Menschen unterzeichnet und mit Postwurfsendungen der OeAV-Sektion Stubai, der Verteilung von Postkarten und Aufkleber zum Erschließungsprojekt, wird die breite Ablehnungsfront mit Sicherheit noch massiv zunehmen.

Der geltende Rechtsrahmen: (Wilfried Connert Vorsitzender AV Stubai)

Das Ruhegebiet Kalkkögel wurde 1983 mit Verordnung der Tiroler Landesregierung geschaffen. Alle betroffenen Gemeinden haben im Begutachtungsverfahren zugestimmt. Nach dem Tiroler Naturschutzgesetz sind im Ruhegebiet u.a. die Errichtung von Seilbahnen zur Personenbeförderung verboten. Das Tiroler Seilbahn- und Schigebietsprogramm in der Fassung 2011 verbietet Seilbahnen in Ruhe- und Schutzgebieten. Es ist eine Verordnung nach dem Tiroler Raumordnungsgesetz und auch nach einer breiten Abstimmung (inkl. Seilbahn- und TourismusvertreterInnen, Wirtschaftskammer, usw.) zustande gekommen.
Diese Regelungen entsprechen den Intentionen der Alpenkonvention, die seit 2002 in Österreich geltendes Recht ist. Dazu wird festgehalten, dass die Durchführungsprotokolle "Naturschutz und Landschaftspflege", „Tourismus“, „Raumplanung- und Nachhaltige Entwicklung“ und „Bodenschutz“ eine Erschließung durch das Ruhegebiet „Kalkkögel“ gesetzlich verbietet. Verletzungen durch ein Aufheben eines Schutzgebietes können vor dem Verfassungsgerichtshof angefochten werden. Die laufenden Diskussionen um Mehrheiten im Tiroler Landtag sind daher entbehrlich.

Fehlende Wirtschaftlichkeit: (Wilfried Connert)

Laut grischconsulta-Studie sind die Rahmenbedingungen mehr als ungünstig: Der Markt für Wintersport ist gesättigt, große Unsicherheiten durch den Klimwandel, Rückgang der Schifahrerzahlen, demographischer Wandel, sanierungsbedürftige Anlagen, vor allem in der Axamer Lizum, Westliches Mittelgebirge reine Wohn- und Schlafgemeinden – wenig Tourismus. Neustift i. Stubaital will unbedingt eine Seilbahn direkt vom Dorf in die Schlick und eine Talabfahrt. Beides wurde schon 1985 behördlich abgelehnt. Für die Seilbahn Neustift i. Stubai – Schlick 2000 und den Anteil Schlick – Axamer Lizum werden 33,5 Mio Euro veranschlagt. Beteiligungszusagen gibt es vom TVB Stubai mit 1,5 Mio. Euro, den Stubaier Gemeinden mit 1,0 Mio. Euro und dem Seilbahnunternehmen Schlick 2000 AG mit 6 Mio. Euro. Der TVB Stubai will zinsenlose Darlehen von insgesamt 15 Mio. Euro gewähren (Laufzeit?). Dann fehlen immer noch 10 Mio. Euro. Ein Investor wird gesucht. Wie sollen die Bahnen neben dem laufenden Betrieb und der Pistenpflege auch noch die Kredite und Investitionskosten hereinspielen? Für die Axamer Lizum und die Mutterer Almbahn ergeben sich ähnliche Fragen: auch hier soll die Finanzierung überwiegend durch die öffentliche Hand erfolgen. Prognostizierter jährlicher Abgang laut grischconsulta 700.000 Euro für Erschließung Schlick 2000 – Axamer Lium und 800.000 Euro für die Mutterer Almbahn trotz Zusammenschluss mit der Axamer Lizum. Schließlich würde es wohl auch Verschiebungen bei den Gästen für Serleslifte, Elfer, Stubaier Gletscher, Patscherkofel, Glungezer, Bergeralm und Rangger Köpfl geben.

Der gesellschaftliche und soziale Aspekt bzw. Nutzen eines großen, zentralen Schigebietes für die Bevölkerung von Innsbruck Stadt und Innsbruck Land: (Günther Daxenbichler Vorsitzender Akademischer Alpenklub)

Dieser Aspekt wird in der ganzen Diskussion sehr stiefmütterlich behandelt.
Folgende Punkte:

► Schisport(„Lifteln“): Kinder und Einheimische sollten in einem Land wie Tirol die Möglichkeit haben, das Schifahren zu erlernen und auszuüben. Dazu soll ein Schigebiet in der Nähe und erschwinglich sein. Die Größe des Gebietes ist nicht wichtig, viel wichtiger ist die Erreichbarkeit. Schifahren ist ein schöner und gesunder Sport, er fördert die körperliche und geistige Gesundheit und gehört daher gefördert und unterstützt. Das geplante zentrale Schigebiet gefährdet die Existenz der kleinen, dezentralen Schigebiete rundum und führt zu einer Verteuerung der Liftkarten in den integrierten kleineren Schigebieten (z. B. der Mutterer Alm als klassischem Anfängerschigebiet). Es wirkt also dem oben genannten Anliegen der Bevölkerung entgegen. Öffentliche Gelder würden also verwendet, um die Möglichkeit des Schifahrens für die einheimische Bevölkerung, insbesondere für die Kinder und Jugendlichen zu verschlechtern.

► Wintersportentwicklung: Studien zeigen, dass die Zahl der klassischen Pistenschifahrer rückläufig ist und dafür andere Wintersportarten wie Tourengehen (insbesondere auf präpariertem Untergrund), Schneeschuhgehen, Rodeln etc. zunehmen. Die geplante, weitere Erschließung der Kalkkögel trägt diesen Trends nicht Rechnung.

► Arbeitsplätze: Die erwartete Zahl von 200 neuen Arbeitsstellen muss vorsichtig gesehen werden: Die Wintersaison in diesem Schigebiet dauert vier Monate. Es handelt sich daher kaum um Ganzjahresstellen, und kaum um attraktive Stellen für Einheimische. Auch wird ein guter Teil dieser Stellen nur mit ausländischen Beschäftigten zu besetzen sein. Da der erwartete Gästezuwachs in erster Linie durch einen Verdrängungswettbewerb zustande kommt, wird durch jeden hier eingestellten Beschäftigten eine Stelle in einem anderen Schigebiet gefährdet.

Insgesamt wäre ein eventueller Nutzen nur für wenige Touristiker, hauptsächlich im Stubai, gegeben, während der übrige Teil der einheimischen Bevölkerung keinen Nutzen oder sogar Schaden dadurch hätte.

Urban-alpiner Naturpark Innsbruck Stubai: (Laurin Lorenz – PEGNA)

Erholungs- und Gesundheitstourismus entwickeln, sanften Wintertourismus stärken:
Die Natur- und Kulturlandschaft zwischen Innsbruck und dem Stubaital ist prädestiniert für die Schaffung eines Naturparks. Das Zusammenwirken von drei ganz unterschiedlichen Landschaftstypen und Kulturräumen ist weltweit einzigartig:
► das urbane Umfeld einer Kulturstadt wie Innsbruck
► die geologisch und alpinhistorisch einzigartigen Kalkkögel, die „Nordtiroler Dolomiten“
► der alpine Lebensraum des Stubaitals mit seinem vergletscherten Hochgebirge

Was ist ein Naturpark?
Ein Prädikat, das von der Landesregierung für bestehende Schutzgebiete verordnet werden kann. Im Gegensatz zu Naturschutzgebieten oder Nationalparks liegen die Ziele nicht nur im Naturschutz, sondern vor allem auch
► in der Bewahrung der über Jahrhunderte vom Menschen gepflegten Kulturlandschaft
► in der Nutzung für den Erholungs- und Naturtourismus
► in Umweltbildung, Forschung und Regionalentwicklung

Was bringen Naturparke?
In Österreich bestehen derzeit 48 Naturparke (davon fünf in Tirol), die sehr erfolgreich vermarktet werden:
► jährlich 20 Mio. Gäste, 10 Mio. Übernachtungen und eine Wertschöpfung von 144 Mio. Euro
► die wichtigsten Gästepräferenzen der Naturparke: Ruhe und Erholung, intakte Natur, Entspannung und Erlebnis
► die größten Zielgruppen: Familien mit Kindern und die Generation 50plus – ein wachsendes Segment!

Die Tirol Werbung hat das Potential der Naturparke bereits erkannt: Seit 2007 läuft eine Kooperation unter der Marke „Wertvoller denn je“. Wohl auch unter dem Hintergrund, dass in Deutschland schon 104 Naturparke bestehen. Damit wird der Begriff „Naturpark“ zu einem wichtigen Auswahlkriterium für ausländische Gäste.

Gute Karten im touristischen Wandel
Nach Jahren des Booms ist der Wintertourismus im gesamten Alpenraum im Rückgang begriffen. Die Gründe dafür:
► immer weniger Alpinskifahrer durch die Überalterung der Gesellschaft
► immer kürzere Aufenthaltsdauer, immer höhere Preise, immer mehr Konkurrenz
► stagnierende Wirtschaft und Klimawandel
Höchste Zeit also, neue Angebote zu entwickeln und zu vermarkten:
► generell für die Stärkung des Sommertourismus
► speziell im Bereich Natur-, Erholungs- und Gesundheitstourismus
► mit alternativen Wintersportarten, die überall im Aufwind sind

Dafür hat der Raum zwischen Innsbruck und dem Stubaital sehr gute Voraussetzungen – nicht zuletzt durch die vier schon bestehenden Schutzgebiete im Bereich Stubai/Wipptal. Unter Einbindung der Kulturstadt Innsbruck ist die Schaffung eines urban-alpinen Naturparks eine innovative Zielsetzung. Sie entspricht allen Trends nachhaltiger Ganzjahres-Tourismusentwicklung, aber auch den touristischen Intentionen der Stadt Innsbruck und des Stubaitals:
► „Mit der Marke Innsbruck soll der Stadt ein ganz bestimmter ‚Ruf‘ vorauseilen: die weltweit einzigartige Verbindung von alpin und urban“. (zitiert aus www.innsbruckmarketing.at)
► „Wir wollen die Wanderdestination Nummer eins werden und im Winter auch das Winterwandern sowie Rodeln besser vermarkten.“ (Der Obmann des Tourismusverbands Stubai bei der Präsentation des Leitbildes „Stubai 2021“ in der Tiroler Tageszeitung vom 6.8.2013)"


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