Rudolf Robin
"Müssen uns auf jährliches Extremereignis einstellen"

Rudolf Robin merkt: Die Kärntner Feuerwehren müssen sich auf jährliche Extremereignisse vorbereiten.
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Landesfeuerwehrkommandant Rudolf Robin über Erkenntnisse nach den jüngsten Unwetter-Ereignissen: In Kärnten müsste mehr mobiler Hochwasserschutz angeschafft werden und das passiert nun auch.

WOCHE: Wie sieht Ihre Bilanz der letzten Unwetter im November aus?
RUDOLF ROBIN:
Wie schon im Vorjahr wurde Kärnten auch heuer von heftigen Unwettern heimgesucht: So war unser Bundesland Anfang Februar vom Sturmtief "Pirmin" betroffen. Nach einer längeren Hitze-Periode mussten 27 Feuerwehren einen großflächigen Waldbrand im Bereich Zell-Freibach bekämpfen. Das Sturmtief "Detlef" sorgte zwischen 13. und 25. November erneut für massive Überflutungen, umgestürzte Bäume, Hangrutschungen, verlegte Verkehrswege und zahlreiche Stromausfälle. 
Insgesamt waren 70 Prozent des Bundeslandes betroffen. 260 Feuerwehren standen zeitgleich im Einsatz und konnten mit 1.552 Einsätzen und insgesamt rund 12.000 Kameraden die äußerste belastenden Einsätze abarbeiten. Besonders gefordert waren die Feuerwehren in den Bezirken Hermagor, Spittal, Villach-Land, Klagenfurt-Land, St. Veit und Wolfsberg.

Was sind eigentlich die schwierigsten Einsätze – Schneemassen, Vermurungen oder Hangrutsch oder Hochwasser?
Das kann man schwer beantworten, denn die Situation und die Umstände, die sich im Zuge des Ereignisses vor Ort darstellen, machen sämtliche Einsätze zu einer Herausforderung.

Haben die letzten Unwetter gezeigt, wo es bei den Kärntner Feuerwehren Mankos gibt, woran es fehlt?
Grundsätzlich sind wir sehr gut ausgerüstet und auf diverse Ereignisse vorbereitet, was wir tagtäglich unter Beweis stellen können und konnten. Dennoch lernen wir aus diversen Extremereignissen und bereiten uns darauf vor.  
Durch das letzte Ereignis "Detlef" zeigte sich, dass ein Nachbeschaffen von mobilen Hochwasserschutz-Elementen notwendig wäre. 200 Laufmeter halten wir in Kärnten vor, 600 Laufmeter wurden aus Niederösterreich besorgt. Also müssten wir ca. 500 Laufmeter für Kärnten nachbeschaffen. Aus der Politik wird diese Forderung wohlwollend unterstützt.
Anmerkung: Katastrophenschutz-Referent Landesrat Daniel Fellner sicherte mittlerweile zu, in weitere 500 Laufmeter für Kärnten zu investieren.

Wie sind die Kärntner Feuerwehren auf Extremsituationen vorbereitet?

Es gibt ein dichtes Netzwerk mit 399 Freiwilligen Feuerwehren und jede verfügt über eine Grundausstattung, auch für den Katastrophenschutz (Notstromaggregat, Schmutzwasserpumpen etc.)

Es gibt zwei zentrale Katastrophenlager in Villach und Klagenfurt mit zusätzlichen Geräten und Ausrüstungen.

Zusätzlich: dezentrale Katastrophenlager in den Bezirken mit zusätzlicher Ausrüstung

Fünf Katastrophenhilfszüge: aus Freiwilligen Feuerwehren, hier werden bezirksweise Feuerwehrleute zusammengezogen (fünf mal 200 Feuerwehrleute, die sich innerhalb von 24 Stunden bilden und maximal 48 Stunden im Einsatz stehen können). Diese Kräfte standen z. B. in Afritz, beim Waldbrand in Zell-Freibach, bei "Vaia" etc. im Einsatz.

Es gibt modulare und spezielle Ausbildung der KAT-Züge.

Diese Unwetter werden in Zukunft wohl nicht weniger… Was wäre für die Zukunft wichtig?
Wir müssen uns offensichtlich auf ein jährliches Extremereignis einstellen, aus den Ereignissen die Erkenntnisse erarbeiten und Maßnahmen setzen – im Bereich von Nachbeschaffungen und in der Ausbildung.

Wie beurteilen Sie den neuen Rechtsanspruch auf Entgeltfortzahlung bei Katastrophen-Einsätzen? 
Äußerst positiv. Mit dem Bonussystem für Arbeitgeber, die Mitglieder von Einsatzorganisationen zu einem Großeinsatz weglassen, ist im Jahr 2019 ein erster wichtiger Schritt in Richtung Absicherung der ehrenamtlichen Einsatzkräfte gelungen – auch wenn noch Nachbesserungen notwendig sind. So werden derzeit Landwirte und Selbständige noch nicht berücksichtigt.

Mit welchen Herausforderungen haben es die Wehren heutzutage zu tun?
Fast jährlich mit neuen – bedingt durch die Veränderungen des Klimas, aber auch durch die Einführung neuer Technologien. Wir müssen stets am neuesten Stand der Technik und der Ausbildung sein. Das kostet Zeit und Geld. Bei der Zeit kommen die vielen unentgeltlich tätigen Feuerwehrleute der Öffentlichkeit sehr entgegen, für die finanziellen Mittel müssen trotzdem seitens der öffentlichen Hand die Rahmenbedingungen aufgestellt werden.
Ich spreche hier von der Rückführung der Mehrwertsteuer bei der Anschaffung von Einsatzgeräten – in Form eines Zuschusses an die Gemeinden. Sowie eine Erhöhung der Katastrophenfonds-Mittel des Bundes, um die Beschaffung der notwendigen Ausrüstung für die Feuerwehren zu erleichtern.

Wir müssen Maßnahmen im Bereich von Nachbeschaffungen und der Ausbildung setzen. Rudolf Robin

 

Ist man bei der Ausstattung, was Rüsthäuser und Technik betrifft, auf dem modernsten Stand?
2015 wurde im Auftrag des Landes mit der Gefahrenabwehr- und Ausrüstungsplanung der Kärntner Feuerwehren begonnen. Es wurde eine Evaluierung sämtlicher Feuerwehren in den Gemeinden durchgeführt. Das Gefahrenpotential in den Gemeinden wurde dem Ausrüstungsstand der Feuerwehren gegenübergestellt. Das Ergebnis zeigt, dass mit den Maßstäben der Wirtschaftlichkeit, Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit evaluiert und bewertet wurde. Ziel ist, Synergien, Schwerpunkte in den einzelnen Gemeinden mit den Feuerwehren zu schaffen, nicht das teuerste und größte, sondern das effizienteste Gerät oder Fahrzeug einzusetzen bzw. anzuschaffen. 
Mittlerweile wurden ca. 80 Gemeinden begutachtet und man kann festhalten, dass die Kärntner Feuerwehren sehr gut ausgerüstet sind, nicht überausgerüstet. Die notwendigen Nachbeschaffungen sollen auf Basis dieser Planung angeschafft werden. 

Gibt es Nachwuchssorgen?
Die Jugend ist ein sehr wichtiges Thema. Die Zukunft unserer ehrenamtlichen Systems hängt vom Nachwuchs ab. In Kärnten bilden 145 Jugendgruppen – ca. 1.300 Jugendliche zwischen zehn und 15 Jahren – unsere Feuerwehrjugend. Acht Gruppen kamen 2019 hinzu, Tendenz steigend. Wir bieten den Jugendlichen eine Ausbildung, Spiel, Spaß und Leistungsbewerbe sowie eine Bewusstseinsbildung bei sozialen Kompetenzen.

Oft wurde die Zusammenlegung von Wehren thematisiert. Nach den jüngsten Ereignissen, bei denen man gesehen hat, wie wichtig die lokale Struktur ist, wohl kein Thema mehr?
Nein, kein Thema! Jedoch ist jede einzelne Feuerwehr selbst verantwortlich und gefordert, die Rahmenbedingungen einer Ortsfeuerwehr am Stand der Technik zu halten – Ausrüstung, Ausbildung und natürlich Motivation.

Sie sind seit drei Jahren Landesfeuerwehrkommandant. Ihre einschneidendsten Erlebnisse seither?
Die CTIF 2017, also die "Feuerwehr-Olympiade" in Villach, die bauliche und energetische Sanierung des Landesfeuerwehrverbandes, die Erneuerung der Landesalarm- und Warnzentrale, eben die Gefahrenabwehr- und Ausrüstungsplanung, das 150-Jahr-Jubiläum des Kärntner Landesfeuerwehrverbandes … Die Landesfeuerwehrschule wurde beim Staatspreis für Unternehmensqualität nach den Richtlinien der EFQM (European Foundation for Quality Management) zum "Exzellenten Unternehmen – 5 Sterne" gekürt. Dann gab es die Ausarbeitung des neuen Feuerwehrgesetzes und den Energiemasterplan beim Landesfeuerwehrverband.

Autor:

Vanessa Pichler aus Klagenfurt

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