Corona-Virus
Beate Prettner zur Pflege: "90 Prozent aller Betroffenen zumindest für die nächsten drei Wochen versorgt"

Gesundheitsreferentin Beate Prettner erlebt derzeit sehr intensive und herausfordernde Tage und Wochen.
  • Gesundheitsreferentin Beate Prettner erlebt derzeit sehr intensive und herausfordernde Tage und Wochen.
  • Foto: LPD Kärnten
  • hochgeladen von Vanessa Pichler

Landeshauptmann-Stellvertreterin und Gesundheitsreferentin Beate Prettner im Interview über Engpässe bei Corona-Test-Kits, die Situation beim ärztlichen Bereitschaftsdienst und im Pflege-Bereich und welche Lehren man bereits aus der Krise ziehen kann.

WOCHE: Wie kann man sich derzeit in dieser Krisensituation den Arbeitstag einer Gesundheitsreferentin vorstellen?
BEATE PRETTNER:
Sehr intensiv und herausfordernd und durchgetaktet mit Videokonferenzen, Besprechungen, Abstimmungen. Es sind im Hintergrund viele Weichen zu stellen, damit die Maßnahmen und Vorkehrungen auch tatsächlich umgesetzt werden können. Ich bin auch sehr bemüht, gemeinsam mit meinem Team die hunderten Anfragen zu beantworten, die von besorgten Menschen direkt an mich gerichtet werden. Ich bin jeden Tag in der Regierung, in meinem Fall lässt sich nur wenig von zu Hause aus erledigen. 

Zu den Corona-Testungen: Es sollen nun rund 1.000 Testauswertungen täglich möglich sein. Doch wie verhält es sich mit den Tests selbst? Wie viele Tests können in Kärnten täglich gemacht werden – vom Roten Kreuz, in Krankenhäusern etc.? Gibt es da Kapazitäten, das aufzustocken?
Kärnten hat alle notwendigen Vorkehrungen getroffen, um künftig pro Tag rund 1.100 Tests auszuwerten. Im Klinikum sind es 100 Tests, die dank eines neuen Testgerätes auf 800 erhöht werden könnten; dazu kommen Testauswertungen im Privatlabor Walder und im ILV. Zusätzlich werden für Kärnten rund 100 Tests pro Tag in der AGES Wien erledigt. Unser Problem, und das Problem aller anderen Bundesländer ist, dass uns schön langsam die Testmaterialien, die so genannten Kits, ausgehen.

Landeshauptmann Kaiser forderte mehr Test-Kits. Wie genau stellt sich in diesem Bereich die Problematik dar?
Ja, Landeshauptmann Kaiser und ich haben schon in der Vorwoche einen dringenden Appell an die Bundesregierung gerichtet, den Bundesländern den benötigten Kits-Nachschub sicherzustellen. Der Bund ist im wahrsten Sinne des Worts aufgefordert zu liefern. Ohne Kits können keine Rachenabstriche gemacht werden. Was nützen uns dann die Testauswertungskapazitäten, wenn wir keine Tests durchführen können. Aber ich bin optimistisch und vertraue darauf, dass wir vom Bund die notwendigen Materialen rechtzeitig bekommen werden.

"Ich vertraue darauf, dass wir vom Bund die notwendigen Materialien rechtzeitig bekommen werden."

Ist der ärztliche Bereitschaftsdienst an Wochenenden im gewohnten Ausmaß garantiert? Angeblich gibt es Ängste der Ärzte, ihn zu machen, da es zu wenig Schutzkleidung gibt.
Kärnten ist als eines der ganz wenigen Bundesländer für die Österreichische Gesundheitskasse eingesprungen und hat den niedergelassenen Ärzten in Kärnten Schutzmasken zur Verfügung gestellt. In Summe 45.000 Stück. Dieser Tage hat nun die ÖGK versichert, dass sie künftig „ihre“ Ärzte mit der entsprechenden Schutzkleidung beliefern wird. Die ärztlichen Bereitschaftsdienste sind so abgesichert, dass – sollte ein Dienst tatsächlich unbesetzt sein – ein anderer Dienst aushelfen kann.

Abgesehen vom ärztlichen Bereitschaftsdienst: Gibt es derzeit beim medizinischen Personal Engpässe?
Derzeit Gott sei Dank nicht. Es gibt zwar einige niedergelassene Ärzte, die ihre Ordinationen geschlossen haben – die ÖGK Landesstelle Kärnten ist dabei, das zu überprüfen. Froh bin ich, dass sich viele Mediziner gemeldet haben, um als Epidemieärzte und Visitenärzte Dienst zu versehen. An dieser Stelle: Danke an alle im Gesundheits- und Pflegebereich für Ihr unglaubliches Engagement! Und danke auch an das Rote Kreuz, das mit mobilen Teams in ganz Kärnten unterwegs ist, um Testabstriche zu machen…

Zahnärzte behandeln, soweit dies momentan bekannt ist, nur Schmerz-Patienten. Ist das eine Vorgabe oder eine Empfehlung?
Die Zahnarztordinationen sind ebenso offen zu halten wie die Ordinationen der niedergelassenen Ärzte. Weil die ÖGK die Zahnärzte nicht mit Schutzmasken ausgestattet hat, ist auch hier das Land Kärnten eingesprungen. Wir haben die Zahnärzte mit 12.000 hochwertigen Masken versorgt. Dass Schmerzpatienten behandelt werden, hat de facto der Mindeststandard zu sein.

"Beim medizinischen Personal gibt es derzeit Gott sei Dank keine Engpässe."

Wie funktioniert momentan die Betreuung Drogenabhängiger?
Seit über zwei Wochen haben die Suchtberatungsstellen – soweit es möglich war – auf telefonische Beratung umgestellt. Das bedeutet, dass alle Klienten die Möglichkeit einer Beratung in Anspruch nehmen können, aber eben per Telefon oder via Skype. Therapeutische Sitzungen finden nach einem vorgegebenen System statt. In den Drogenambulatorien gibt es auch – wenn notwendig – Face-To-Face-Kontakte, aber nach telefonischer Vereinbarung und klaren Sicherheitsvorkehrungen. Die „Amtswege“ für substituierte Patienten wurden mittels Erlass vom Ministerium gelockert, d. h. Patienten müssen nicht mehr persönlich zum Amtsarzt und dann mit dem Rezept zur Apotheke. Das Rezept kann mittels Fax vom behandelnden Arzt an das Gesundheitsamt übermittelt und dann weiter an die Apotheke gefaxt werden. Insgesamt gibt es zwar einen eingeschränkten Betrieb, aber alle sind bemüht, den Betroffenen so gut es geht Unterstützung zu bieten und für sie da zu sein.

Es gibt ja die Corona-Hotline des Landes. Was beschäftigt die Anrufer am meisten?
Die Hotline ist jetzt gute 14 Tage in Betrieb und nimmt zusammen mit der Bürgerservice-Hotline täglich rund 300 Anrufe entgegen. In der ersten Woche wurden unsere Teams mit eher allgemeinen Fragen konfrontiert, in der zweiten Woche sind die Anfragen spezieller geworden. Die meisten Fragen gibt es zu den Themen Reisebewegungen, Quarantäneabläufe und 24-Stunden-Betreuung. Das Land kann seit einer Woche auch auf einen Pool von externen Experten zurückgreifen – Psychologen und Mediatoren, die sich unentgeltlich für konkrete Fragen zur Verfügung stellen. Das ist gelebte Solidarität. Genau diese Solidarität macht unsere Gesellschaft stark!

Stichwort Pflege: Es läuft ja die Bedarfserhebung in den Gemeinden. Kann man schon einschätzen, wie groß der zusätzliche Bedarf an Kräften nun tatsächlich ist? Welche Planungen laufen da konkret, auch in Bezug auf die Unterbringung (Hotels, Kuranstalten etc.)?
Kärnten hat in dieser Frage sehr früh reagiert. Ich habe schon vor zwei Wochen alle Bürgermeister kontaktiert mit der Bitte um Erhebungen vor Ort, also in ihrer jeweiligen Gemeinde. Wir kooperieren auch stark mit den 24-Stunden-Betreuungsagenturen. Nach derzeitigem Stand sind rund 90 Prozent aller betroffenen Familien zumindest für die nächsten drei Wochen versorgt. Unser Ziel ist es, die Betreuung in den eigenen vier Wänden aufrechtzuerhalten; wir wollen die Menschen ja nicht aus ihrem Zuhause reißen. Das kann mit Hilfe von Angehörigen, mit Hilfe von Ehrenamtlichen, mit Hilfe einer Aufstockung der mobilen Dienste funktionieren. Nur wenn das alles nicht möglich ist, werden die zu Pflegenden temporär in einem Pflegeheim oder einer anderen Einrichtung, wie etwa einem Reha-Zentrum, versorgt. Jedenfalls kann ich garantieren: Wir lassen niemanden im Stich!

"Zur 24-Stunden-Betreuung: Nach derzeitigem Stand sind rund 90 Prozent aller betroffenen Familien zumindest für die nächsten drei Wochen versorgt."

Hat die Corona-Krise bisher schon Lücken im Kärntner Gesundheitssystem gezeigt bzw. hat man schon Lehren daraus gezogen?
Die Corona-Krise hat gezeigt, dass Kärnten und Österreich in Summe im internationalen Vergleich über ein Top-Gesundheitssystem verfügen. Es hat sich mehr als bezahlt gemacht, dass ich alles daran gesetzt habe, alle Kärntner Krankenhausstandorte zu erhalten: Gelungen ist uns das bekanntlich mit dem RSG (Regionaler Strukturplan Gesundheit) – damit haben wir es geschafft, kein Spital zu schließen, sondern mit entsprechenden Schwerpunktsetzungen jeden einzelnen Standort zu erhalten. Wäre es nach diversen anderen Politikern gegangen, hätte Kärnten heute um einige Krankenhäuser und damit um hunderte Betten weniger…

Stichwort PHCs (Primary Health Care Centers) in Kärnten: Wie weit ist man da? Es sollen ja fünf Einheiten bis 2021 stehen?
Das erste PHC soll in Klagenfurt im Herbst eröffnen, dann sollen die nächsten vier Standorten recht zügig folgen. Inwieweit allerdings die Corona-Krise für Verzögerungen sorgen wird, Stichwort Bauphase, kann zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen. Fix ist aber: An den „Gesundheitszentren“ führt kein Weg vorbei: Mit den Öffnungszeiten von 7 bis 19 Uhr werden sie vor allem die Spitalsambulanzen massiv entlasten.

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