Boden-Verbrauch
Alarmierende Zahlen zu Flächenverlust in Kärnten

Hoher Flächenverlust in Kärnten und Österreich. Experten fordern Maßnahmen ein
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Kärnten verliert täglich enorm viel an Boden - auf der anderen Seite sind auch die Leerstände ein Riesenproblem. Welche Lösungsansätze es in diesem Zusammenhang gibt, dazu will man nun verstärkt Diskussionen anregen.

KÄRNTEN. "Dieses Thema bewegt die Landwirtschaft extrem", sagt LWK-Präsident Johann Mößler zum Flächenverlust, der in Kärnten enorme Größenordnungen annimmt: In den letzten zehn Jahren gingen pro Tag durchschnittlich 3,3 Hektar oder fünf Fußballfelder an landwirtschaftlicher Nutzfläche durch Verbauung verloren. Aktuell beträgt der Drei-Jahres-Schnitt 2,2 Hektar Verlust pro Tag. 
Der Zielwert, formuliert von der Bundesregierung, sind 2,5 Hektar pro Tag - österreichweit. Das würde für Kärnten maximal 0,5 Hektar pro Tag bedeuten.

Und was steht auf der anderen Seite? Leerstand. In Österreich stehen über 40.000 Hektar Fläche leer. Das ist die Fläche der Stadt Wien. 

Durch Bodenverbrauch entstehen Probleme

Versiegelte Flächen bedeuten steigende Hochwasser-Gefahr, weil es weniger Möglichkeiten der Versickerung gibt. Eine Folge ist auch ein Verlust an Biodiversität und natürlich sinkende Ernährungssicherheit. Heute liegt der Selbstversorgungsgrad bei Getreide nur noch bei 90 Prozent, jener von Gemüse teilweise nur noch bei 40 Prozent (!).
Außerdem stellt ein gesunder, fruchtbarer Acker- oder Grünlandboden einen Beitrag zum Klimawandel dar, weil er im Humus große Mengen an Kohlenstoff speichern kann (pro Hektar rund 120 Tonnen CO2 oder die Emission von zwei Mittelklassewägen mit je 300.000 km Lebensleistung). Durch Leerstand und Zersiedelung leidet auch der Tourismus. Außerdem sollten Kinder in einer intakten Natur aufwachsen. 

"Kollektiver Selbstmord"

"Wir sind Europameister im negativen Sinn", sagt Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Hagelversicherung. Denn Österreich ist mit 1,67 m² Verkaufsfläche im Einzelhandel die Spitze von ganz Europa - Kärnten liegt sogar bei 1,99 m². Österreich besitzt auch eines der dichtesten Straßennetze.
Weinberger: "Ein Land mit immer weniger Boden ist wie der Mensch mit immer weniger Haut - nicht lebensfähig. Diese Zersiedelung hierzulande erinnert an kollektiven Selbstmord!"

Maßnahmen-Bündel vonnöten

Für Weinberger gibt es konkrete Lösungsansätze:

  1. Sensibilisierung der Bevölkerung und Politik
  2. monetäres Anreizsystem für die Revitalisierung von Leerständen (z. B. verkürzte AfA bei Sanierungen, Anstoßförderungen) - Revitalisierungsoffensive
  3. gesetzlicher Schutz von agrarischen Vorrangflächen (Bauverbot)
  4. Vorrang der Innen- vor der Außenantwicklung in der Raumordnung
  5. interkommunaler Finanzausgleich: Gemeinden mit hoher Verbauung verdienen durch die Kommunalsteuer mehr als jene, die weniger Boden verbrauchen.
  6. Mehr in die Höhe und Tiefe bauen.
  7. Klares Bekenntnis zum öffentlichen Verkehr.

"Wir brauchen ein Bündel an Maßnahmen", schließt Weinberger. 

Diskussion anregen

Ein solches fordert auch Bernhard Rebernig, Präsident des Ökosozialen Forums Kärnten. Um auf die Problematik aufmerksam zu machen, lud das Ökosoziale Forum gemeinsam mit Landwirtschaftskammer und Gemeindebund zur Diskussionsveranstaltung. Gerade jetzt, wo gerade das Kärntner Raumordnungsgesetz novelliert wird, sei der richtige Zeitpunkt, so Rebernig. Man müsse über die verfehlte Raumordnung der letzten Jahrzehnte in Kärnten sprechen - die Ergebnisse sehe man an den alarmierenden Zahlen. 

Vorschläge des Ökosozialen Forums

"Wir verlangen nichts Unrealistisches", so Rebernig zu den drei zentralen Vorschlägen des Ökosozialen Forums, welche die Politik im Rahmen der Raumordnungsgesetz-Novelle im Auge haben sollte:

  1. Begrenzung des Boden-Verbrauches in Kärnten auf 0,5 Hektar pro Tag als prioritäres Ziel im neuen Raumordnungsgesetz.
  2. Bei Einkaufszentren verpflichtende mehrgeschossige Ausführung (Parkplätze auf Dach oder als Tiefgarage).
  3. Einführung einer Flächenmanagement-Datenbank als Raumplanungs-Instrument, um Baulücken und Leerstände transparent zu erfassen.

Politik ist sich der Problematik bewusst

Der Diskussionsveranstaltung wohnten die zuständigen Landesräte Daniel Fellner (Raumordnung) und Martin Gruber (Landwirtschaft, Straßenbau) bei. Der Problematik sei man sich bewusst, weshalb im neuen Raumordnungsgesetz entsprechende Maßnahmen vorgesehen seien. Welche das konkret sind, blieb offen. Denn es laufen noch Verhandlungen innerhalb der Koalition.

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Fakten zum Bodenverbrauch in Kärnten

  • 3,3 Hektar (fünf Fußballfelder) an landwirtschaftlicher Nutzfläche gehen in Kärnten pro Tag verloren, werden also verbaut oder versiegelt. Das sind pro Jahr ca. 60 Bauernhöfe.
  • Jedem Einwohner in Kärnten stünde eine Agrarfläche von 1.100 Quadratmeter zur Verfügung - Tendenz sinkend. Das ist unter dem Schnitt vergleichbarer Bundesländer.
  • Zwischen 2005 und 2016 sank die landwirtschaftliche Fläche um 960 Quadratkilometer (von 3.063 auf 2.103). Davon entfallen 284 km² auf die Zunahme von Wald und 676 km² auf Verbauung (Bau- und Verkehrsflächen, Freizeit- und Abbauflächen).
  • Bau- und Verkehrsflächen, Freizeit- und Abbauflächen haben zwischen 2015 und 2017 um vier Prozent zugenommen, im österreichischen Durchschnitt nur um 1,6 Prozent.
  • Die versiegelte Fläche pro Person in Kärnten: 362 m² (Österreich-Schnitt: 266 m²).
  • Österreich ist mit einer Verkaufsfläche im Einzelhandel von 1,67 m² pro Person Spitzenreiter in Europa. In Kärnten sind es 1,99 m² - das ist die Spitze aller Bundesländer.
  • Versiegelte Fläche in Kärnten: 39 Prozent des gesamten in Anspruch genommenen Bodens.
  • Österreich besitzt eines der dichtesten Straßennetze: 15 Meter pro Kopf. Vergleich: Deutschland 7,9 Meter, Schweiz 8,1 Meter.
Hoher Flächenverlust in Kärnten und Österreich. Experten fordern Maßnahmen ein
Machten auf den enormen Bodenverbrauch aufmerksam: Georg Messner (Raiffeisen Landesbank), Bgm. Peter Stauber (Gemeindebund), Kurt Weinberger, Friederike Parz (LWK), Bernhard Rebernig (Ökosoziales Forum), LR Daniel Fellner, LR Martin Gruber und LWK-Präsident Johann Mößler

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