29.06.2017, 19:24 Uhr

Schütteltrauma bei Säuglingen – Kurzschlussreaktion mit dramatischen Folgen

Einfühlsame Betreuung der Babys und Mütter bzw. Eltern ist dem Team (im Bild: Medizinischer Leiter Primar Gerhard Pöppl und Pflegeleitung Michaela Schweiger der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am LKH Kirchdorf) des Family-Centers am LKH Kirchdorf besonders wichtig.

Eltern Neugeborener kennen die Situation: Das Baby schreit – ohrenbetäubend, ohne Pause und häufig auch ohne erkennbaren Grund. Das Schütteln eines Babys kann allerdings ein gefährliches Schütteltrauma mit dramatische Folgen erzeugen.

KIRCHDORF. Während in den Monaten vor der Geburt unbändige Vorfreude vorherrschte, macht sich nun stetig ein wachsendes Gefühl von Hilflosigkeit und Überforderung breit. Schlaflosigkeit, Sorge und Frust nagen unentwegt an den Eltern. Auch wenn eine Kurzschlussreaktion in so einer Situation nachvollziehbar wäre, müssen betroffene Eltern alles daransetzen, um nicht die Nerven zu verlieren.

Das Schütteln eines Babys kann ein gefährliches Schütteltrauma – das dramatische Folgen für Gesundheit und Entwicklung nach sich zieht – erzeugen.

Besonders in den ersten Lebensmonaten laufen Kinder aufgrund der schwach ausgebildeten Nackenmuskulatur Gefahr, durch starke Schleuderbewegungen ein Schädel-Hirn-Trauma zu erleiden. Im Gehirn eines Säuglings befindet sich noch viel Flüssigkeit und so ist der Raum zwischen Hirn und Schädelknochen relativ weit. „Wird das Baby unkontrolliert geschüttelt, so fällt der Kopf heftig hin und her und das Gehirn prallt gegen das Schädelinnere“, erklärt Primar Gerhard Pöppl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im Landes-Krankenhaus Kirchdorf, „dadurch kann es zu Verschiebungen, Quetschungen und Prellungen kommen, Venen können reißen und Blutungen zwischen Hirnrinde und Gehirn entstehen.“
Diese Verletzungen bewirken irreparable Zerstörungen im Zellgewebe, die in weiterer Folge Entwicklungsverzögerungen, Sprach- oder Sehstörungen nach sich ziehen. Etwa ein Fünftel der betroffenen Kinder mit Gehirnverletzungen stirbt sogar an den Folgen. Damit zählt das Schütteltrauma zu einer der häufigsten Todesursachen bei Säuglingen im ersten Lebensjahr.

Was tun im Verdachtsfall?

Auch wenn betroffene Eltern oder Betreuungspersonen sich ihr Fehlverhalten nur eingestehen – ist es zu einem unkontrollierten Schütteln des Babys gekommen, so muss das Kind unbedingt unter ärztliche Beobachtung gestellt werden. Ein Schütteltrauma zeichnet sich in vielen Fällen nicht direkt nach dem Vorfall ab – äußere Verletzungen sind nicht erkennbar. Daher kommt es meist erst spät zu einer Diagnose“, weiß der Kinderarzt, „auch ungenaue Angaben zu den Gründen für eventuell auftretende Verhaltensauffälligkeiten führen zu Fehldiagnosen und erschweren die Behandlung.“ Dennoch ist bei einem möglichen Schütteltrauma die eigene Scham oder die Angst vor rechtlichen Konsequenzen außen vor zu
lassen. Nur wenn der Säugling umgehend in die Notaufnahme gebracht wird und
frühestmöglich Hilfe erhält, lassen sich weitere schwere Schäden vermeiden.

Auch wenn es Nerven kostet: Säuglinge kommunizieren schreiend

Wenn Babys ohne erkennbaren Grund über Stunden hinweg schreien, kann das Eltern verständlicherweise an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringen. Gerade sehr fürsorgliche Eltern haben Angst und sind enttäuscht, ihrem Kind und seinen Bedürfnissen scheinbar nicht gerecht zu werden. Liegen keine medizinischen Gründe vor, so gehört Schreien jedoch gerade in den ersten Lebensmonaten zum kindlichen Alltag. Eltern von ausdauernd schreienden Kindern sollten sich bei der Betreuung des Babys abwechseln oder Verwandte, Freunde und hilfsbereite Nachbarn um Hilfe bitten, wenn sie spüren, dass sie dringend eine Ruhepause
benötigen. „Versuchen Sie niemals, Ihr weinendes oder schreiendes Kind durch Schütteln zur Ruhe zu bewegen“, betont Primar Pöppl. Wenden sie sich an Ihren Kinderarzt, er kann sie an eine „Schreiambulanz“ überweisen. Wertvolle Tipps finden sie auch im Internet unter: www.bitte-nicht-schuetteln.de.

Fotos: gespag
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