31.08.2014, 09:54 Uhr

Bergsteiger aus Kremsmünster gelingt Erstbesteigung in Kirgistan

Kirchberger und Mulser

Am 11. August 2014 um 06:45 Ortszeit gelang es zwei Alpinsten aus Kremsmünster und Neukirchen/Vöckla im Rahmen einer Expedition der Naturfreunde Marchtrenk in Kirgistan (an der russisch/chinesischen Grenze) den 5.664 m hohen Berg Otkrytyj als erste Menschen zu besteigen.

KREMSMÜNSTER. Am 11. August 2014 um 06:45 Uhr konnten zwei Alpinisten der Naturfreunde Marchtrenk als erste Menschen ihre Füße auf den noch unbestiegenen Otkrytyj (5.664m) an der russisch/chinesischen Grenze im Tien Shan Gebirge setzen.

Daniel Kirchberger (39) aus Kremsmünster und Robert Mulser (50) aus Neukirchen an der Vöckla hatten sich rund ein Jahr auf diese nur dreiwöchige Expedition mit zahlreichen Touren in den Alpen vorbereitet. Nun ist den beiden gemeinsam mit fünf Bergkameraden aus Salzburg und Bayern die Erstbesteigung des 5664 Meter hohen Otkrytyj in Kirgistan, an der Grenze zu China, gelungen.

Über ein Basislager auf dem 70 km langen Inyltschekgletscher, ein vorgeschobenes Basislager auf 4450 m und ein Hochlager auf 4720 m wurde die Erstbesteigung im Alpinstil (ohne Sherpas und Sauerstoff) durchgeführt.
Die größte Herausforderung war das fehlende Kartenmaterial und letztlich die fehlenden Informationen über die Verhältnisse vor Ort. So mussten äußerst instabile Gletscherbruchzonen, reißende Gletscherbäche und bis zu 60° steile Eiswände gemeistert werden, bevor die beiden erfahrenen Bergsteiger am Gipfel traditionsgemäß die Expeditionsfahne vergraben konnten.
Begleitet von weiteren fünf Expeditionsteilnehmern aus Salzburg und Bayern wurde die Erstbesteigung mittlerweile vom kirgisischen Bergsteigerverband bestätigt.

Vortrag am 2. Oktober 2014

Am 02. Oktober findet in Marchtrenk ein Vortrag der beiden Bergsteiger statt, in dem sie das Erlebte in etlichen Bildern und ihren persönlichen Eindrücken wiedergeben. Weitere Infos finden sich zeitgerecht unter www.naturfreunde-marchtrenk.org.

Reisebericht - Im Reich des Schneeleoparden

Die Erstbesteigung eines Berges ist heutzutage ein selten gewordenes Abenteuer, das in Europa in dieser Form eigentlich nicht mehr möglich ist.
Aufgrund von Grenzstreitigkeiten aus den Zeiten der ehemaligen Sowjetunion mit China - die sich nach dem Fall des eisernen Vorhanges noch bis heute ziehen – ist inmitten von zahlreichen 6.000-er und zwei 7.000-er (Kan Tengri und Pik Pobeda) dieser „weisse Fleck“ auf der Karte geblieben.

Nach den Flügen von Wien nach Moskau und weiter nach Bishkek – der Hautstadt von Kirgistan – folgt eine 4-tägige Anreise mittels Kleinbus, Allrad-LKW und Militärhubschrauber ins Basecamp auf 4.150m.
Kirgistan, fast 3 x so groß wie Österreich (bei 5,5 Mio. Einwohner) besteht großteils nur aus Hochgebirge und Steppe, nur ein kleiner Teil wird landwirtschaftlich genutzt. Diese Flächen dienen der Beweidung durch Schaf-, Ziegen-, Rinder- und Pferdeherden und zum geringen Teil dem Getreideanbau.
Pferde, Kutschen und Eselkarren sind alltägliche Transportmittel, links- und rechtsgelenkte Autos aus der ganzen Welt und schlechte Straßen sind allgegenwärtig.

In den spärlich besiedelten Regionen am Land spielt sich das gesamte Tagesgeschehen und Dorfleben mit den kinderreichen Familien auf der Durchzugsstraße ab.

Berge von Wassermelonen, getrocknete Speisefische aus dem Issykkul See – mit über 6.000km² der größte See Kirgistans, Weintrauben und handgefertigte Textilien werden am Straßenrand feilgeboten.

Das Basecamp (BC) liegt auf einer Seitenmörane des südl. Inyltschekgletscher – mit ca. 70km Länge einer der größten Gletscher ausserhalb der Polarregionen.
Die Expedition erfolgt im sogenannten Alpinstil (d.h. ohne Träger, Sherpas u. Sauerstoff), sämtliche Ausrüstungsgegenstände (ca. 40kg / Person) wurden von zuhause mitgenommen und eigenständig getragen. Über unser Vorhaben gab es im Vorfeld nur Luftbilder und eine maßstabsgroße Karte. Eine genauere Planung war uns deshalb nicht möglich, da keine Details erkennbar waren und viele Faktoren von den tatsächlichen Verhältnissen und saisonalen bzw. makroklimatischen Bedingungen abhängig war. So konnten wir unser Vorhaben bezüglich Gipfelauswahl, Aufstiegsroute,… erst an Ort und Stelle planen.
Um in die Nähe des unbestiegenen Bergkammes zu gelangen, marschieren wir zuerst 10 km am flachen Gletscher in den oberen Gletscherboden, das durch zahlreiche Spalten, haushohe Eisbrüche und reissende Bäche erschwert wird. Auf 4450 m bauen wir unser vorgeschobenes Basecamp (ABC) an einem idyllischen Gletschersee auf.

Erst als wir den Bergkamm in den folgenden zwei Tagen von allen drei Seiten erkundet haben, legen wir die für uns sicherste und einfachste Aufstiegsroute fest.

Am 10. August ist es dann soweit. Wir starten zeitig in der Früh um noch relativ sicher über den gefährlichen oberen Teil des Gletschers zum Bergfuß zu gelangen. Zwischen riesigen Gletscherbrüchen bauen wir unser Hochlager (HC) auf 4.720m auf, ruhen uns noch ein paar Stunden aus und brechen nach Mitternacht zum Gipfel auf. Bei Vollmond und hervorragenden Schnee- und Eisverhältnissen steigen wir rasch höher. Nach sehr steilen und ausgesetzten 950 Höhenmetern erreichen wir am 11. August 2014 um 06:45 rechtzeitig zum Sonnenaufgang den als flache Schneekuppe ausgeprägten Gipfel mit seiner Höhe von 5.664m.

Wir stehen höher, als es am europäischen Kontinent möglich ist, um uns herum stehen jedoch noch Berge bis 7.500m Höhe. Ein gewaltiger Ausblick, der uns nur kurz gegönnt ist, denn es beginnt zu schneien…
2 Tage später sind wir wieder zurück im Basecamp auf 4.150m.
Der Erfolg wird nach russischer Tradition mit Wodka gefeiert.

Die Erstbesteigung wird vom kirgisischen Bergsteigerverband mit einer Urkunde bestätigt, eine Eintragung in den „Klassifikator“, eine Art Führerliteratur für die zentralasiatischen Gebirge ist uns sicher.
Nach insgesamt 12 Tagen im „ewigen“ Eis geniessen wir noch eine spannende Rückreise mit zahlreichen schönen Momenten im faszinierenden Kirgistan, in einer „anderen Welt“.

Fotos: Natufreunde Marchtrenk
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