23.09.2014, 15:00 Uhr

„Hernie oder Leistenbruch - nicht unterschätzen!"

Interview mit 
Prim. Priv.-Doz. Dr. Christoph Ausch vom LKH Kirchdorf/Krems

KIRCHDORF. Das LKH Kirchdorf und das Team an der Chirurgie beschäftigt sich in den letzten Jahren zunehmend mit der Behandlung Hernien. Rund 200 Operationen werden jährlich in Kirchdorf durchgeführt und in der darauf abgestimmten Ambulanz bzw. Tagesklinik versorgt.


BezirksRundschau: Was ist eine Hernie, ein Leistenbruch?

Christoph Ausch: Im Körper gibt es natürliche Schwachstellen, an denen das Bindegewebe dünn ist, weil dort beispielsweise Gefäße und Nerven hindurchtreten, oder Bereiche, wo sich in der Entwicklung des Ungeborenen vorhandene Verbindungen später nicht zurückgebildet haben. Dort kann sich das Bauchfell mitsamt der Darmschlingen hindurchdrücken – ein Leisten- oder Bauchwandbruch entsteht.

Wie kann ich einen Leistenbruch erkennen?

Die Symptome können sehr unterschiedlich sein. Viele Patienten erkennt eine weiche Vorwölbung einseitig oder beidseits in der Leistengegend, die gut sichtbar und wegdrückbar ist. Besonders ausgeprägt zeigen sich die Leistenbruch-Symptome beim Schreien, Husten, und Niesen oder beim Stuhlgang. Also immer dann, wenn sich der Druck im Bauchraum erhöht und die beweglichen Eingeweide herausgepresst werden. Eine Vorwölbung muss aber nicht zwingend sichtbar sein. Manche Patienten beobachten zwar eine Vorwölbung in der Leistenregion, haben aber keinerlei Beschwerden. Andere verspüren nur ein gewisses „Ziehen“ oder „ Drücken“ bei schwerer körperlicher Belastung. Andere haben bereits Schmerzen bei geringfügiger Belastung und fühlen sich erheblich in ihren körperlichen Aktivitäten behindert.

Wie entsteht ein Leistenbruch?
Eine angeborene Bindegewebsschwäche ist meistens mitverantwortlich für die Entstehung von Leisten- und Bauchwandbrüchen: Die Bausteine des Bindegewebes, sogenannte Kollagenfasern sind bei Leistenbruchpatienten oft schlechter vernetzt als bei Menschen, die nicht unter Brüchen leiden. 
Eine Hernie tritt bei einem Mißverhältnis zwischen Druckbelastung und Stabilität der Bauchwand auf, d.h. wenn der Bauchinnendruck im Verhältnis zur Bauchwandfestigkeit zu groß ist. Hernien entstehen immer an den schwächsten Stellen der Bauchwand. Diese kann entweder sofort (angeborener Bruch) oder im weiteren Lebensverlauf mit zunehmender Belastung im Bereich eines bei jedem Menschen vorhandenen Schwachpunktes in der Bauchdecke, dem Leistenkanal, zu einem Bruch führen

Das heißt, auch Kinder können schon einen Leistenbruch haben?
Ja, hier spricht man von einem angeborener Leistenbruch: Der Leistenbruch bei Kindern beruht in der Regel darauf, dass die während der kindlichen Entwicklung bestehenden Ausstülpungen sich nicht richtig verschließen. Diese angeborene Form tritt bei Jungen häufiger als bei Mädchen auf. Betroffen sind etwa 1–4 % der Kinder beziehungsweise 20 % der Frühgeborenen; oft besteht eine erbliche Veranlagung.

Wie entsteht der Leistenbruch bei Erwachsenen?
Bei Erwachsenen entsteht ein Leistenbruch durch ständige Druckerhöhung beispielsweise durch Spielen von Blasinstrumenten, chronischen Husten oder schwere körperliche Arbeit, aber auch infolge einer Schwangerschaft oder eines Tumors an anlagebedingten Schwachstellen der Bauchdecke. Hier spricht man von einem erworbenen Leistenbruch .


Gibt es Risikofaktoren?
Ja, wie schon gesagt:

• chronischer Husten/ chronische Lungenkrankheiten 

• chronische Verstopfung

• Ausgeprägtes Übergewicht 

• Maximal für die Bauchwand belastende Tätigkeiten: z.B.: Gewichtheben Schwerstarbeit, Spielen eines Blasinstruments 

• Kortisondauertherapie 

• Bindegewebsschwäche 

• Mangelernährung/ gestörter Eiweißhaushalt 

• Fortgeschrittenes Tumorleiden 

• Zytostatikatherapie

Wie lange kann ich mir Zeit lassen, wenn ich eine Vorwölbung bemerke? Wann muss ich zum Arzt?
Falls Sie bei Ihrem Kind oder bei sich eine Vorwölbung in der Leiste entdecken, suchen Sie beizeiten einen Arzt auf, um dies abzuklären. Auf jeden Fall sollte ein Arzt aufgesucht werden, wenn Schmerzen auftreten, weil die Gefahr einer Einklemmung besteht, die nicht ungefährlich ist. Bei einer Einklemmung muss möglichst schnell operiert werden, damit das eingeklemmte Gewebe nicht abstirbt. In den anderen Fällen kann die Leistenbruch-OP in Ruhe geplant werden.

Werden Leistenbrüche immer operiert?
Da die Gefahr der Einklemmung vor allem im ersten Lebensjahr relativ hoch ist, müssen Leistenbrüche bei einer Leistenbruch-OP verschlossen werden. Nur in Ausnahmefällen, beispielsweise wenn die Betroffenen ein enorm hohes Operationsrisiko haben, wird von einer Operation des Leistenbruchs abgesehen.

Das LKH Kirchdorf ist spezialisiert auf Leistenbruch-Operationen. 
Welche OP-Methoden gibt es?
Je nach Art und Ausdehnung des Leistenbruchs gibt es verschiedene Methoden einer Operation, um den Leistenbruch zu verschließen. Oftmals ist ein laparoskopischer Eingriff möglich, also der Zugang und Verschluss des Leistenbruchs über einen sehr kleinen Schnitt mittels Bauchspiegelung. In manchen Fällen ist eine offene ("Schnittverfahren") Operationsmethode nötig.
Weiters unterscheiden wir netzfreie und Netzverfahren. Laparoskopische Techniken sind zur Zeit immer an ein Netz gebunden. 
Welches Verfahren zur Anwendung kommt, hängt von der Bruchart, Größe des Bruches, ob es sich um ein Erstbruch oder Rezidiv (erneut aufgetretener Bruch nach Operation) handelt und vom Alter des Patienten ab. 


Muss ich bei einer Leistenbruch-Operation immer stationär bleiben?
Ist die Diagnose Leistenbruch gestellt, wird das weitere Vorgehen vorbereitet und besprochen. Bei einem Leistenbruch bei Kindern ist in der Regel Standard, den Leistenbruch ambulant zu operieren. Bei einem eingeklemmten Leistenbruch ist allerdings mit einem Spitalsaufenthalt zu rechnen. Bei Erwachsenen wird immer häufiger auch tagesklinisch operiert.

Worauf muss ich nach einer Leistenbruch-OP achten?
Die Dauer der Heilung nach einem Leistungsbruch hängt von Alter, Vorerkrankungen, Art des Leistenbruchs und Art des Eingriffs ab. Wichtig zu wissen ist, dass die Hautwunde viel schneller heilt als die innere Wunde. Deshalb bedarf es einer strikten Schonung nach der OP.
Leichten körperlichen Tätigkeiten wie Schwimmen können frühestens drei bis vier Wochen nach der Leistenbruch-Operation begonnen werden; Jogging und Fahrradfahren müssen sechs Wochen warten, schwere körperliche Tätigkeiten müssen sogar mehrere Monate ausgesetzt werden.

Fotos: gespag
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Robert Zinterhof aus Perg | 24.09.2014 | 23:28   Melden
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