21.10.2014, 11:13 Uhr

„Suchtmittel Internet“: Zahl der Betroffenen steigt

(Foto: Shestakoff/Fotolia)

Mit der Verbreitung des World Wide Web nehmen auch Suchterkrankungen mit Online-Bezug zu. Grob geschätzt ist derzeit in Mitteleuropa jeder hundertste Erwachsene betroffen, bei 14- bis 19-Jährigen Jugendlichen sind es etwa 4 Prozent.

Im Mittelpunkt steht dabei die Abhängigkeit von Online-Rollenspielen, "Egoshootern" und sozialen Netzwerken. Zusätzlich gibt es Verhaltenssüchte, die ursprünglich nichts mit dem Internet zu tun hatten, jetzt dort aber zusätzlich und ohne Hemmschwelle ausgelebt werden können, etwa Glücksspiel- oder Kaufsucht.

Für eine Suchterkrankung braucht es nicht zwingend eine Substanz wie Alkohol oder Heroin. Auch ein Verhalten kann abhängig machen und die Kennzeichen dafür sind im Prinzip dieselben: der Zwang, das Verhalten auszuüben; Kontrollverlust über Ausmaß und Dauer; psychische Entzugserscheinungen bei Verminderung oder Beendigung des Verhaltens; Toleranzentwicklung: man braucht immer mehr, um zufrieden gestellt zu sein; Vernachlässigen anderer Verpflichtungen und Interessen (Familie, Beruf, Schule, Hobbys); Weitermachen trotz negativer Konsequenzen.

Da Internet-Anschlüsse immer weiter verbreitet sind, mittlerweile auch mobil, steigt auch die Zahl jener, die ihre Nutzung nicht mehr unter Kontrolle haben. Bei Burschen und jungen Männern bergen Online-Spiele das meiste Risiko – nicht zuletzt, weil man sich in ein immer höheres Niveau hocharbeiten kann. Bei Rollenspielen kann man außerdem eine andere Identität annehmen und online Abenteuer erleben und Anerkennung finden, die im wirklichen Leben oft fehlt.

„Abnorme Gewohnheiten“

Mädchen und Frauen geraten eher über soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Online-Foren in den Strudel der Abhängigkeit. Trotzdem gelten Online-Sucht und andere Verhaltenssüchte (z. B. Kaufsucht, Arbeitssucht) im Verzeichnis der psychischen Erkrankungen nach wie vor nicht als Suchterkrankungen, sondern fallen unter „abnorme Gewohnheiten“. Auch die eingangs erwähnten Zahlen sind nur an deutsche Daten angelehnte grobe Schätzungen. Online-Sucht sei wie auch andere Verhaltenssüchte im Gesundheitswesen derzeit noch ein Stiefkind, so Primar Kurosch Yazdi, Psychiater in der Landesnervenklinik Linz und Referent für Suchterkrankungen bei der Ärztekammer für OÖ: „Die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Wir brauchen dringend verlässliche Daten und vor allem eine Klärung der finanziellen Zuständigkeit innerhalb des Gesundheitssystems, mehr Spezialisierung bei den betreuenden Fachleuten und mehr Kooperation zwischen den vielen Einrichtungen, in denen Betroffene oft landen, wo sie aber oft nicht die passende oder nicht ausreichende Unterstützung bzw. Therapie erhalten.“

Mehr Online-Kompetenz bei Eltern nötig

Noch komplexer wird die Online-Sucht dadurch, dass es sich in manchen Fällen um eine Begleiterkrankung anderer psychiatrischer Krankheiten handelt, etwa Depressionen oder Angsterkrankungen. Das Problembewusstsein sei bei den Betroffenen oft kaum ausgeprägt: „Wer als Arzt gegenüber Online-Abhängigen die soziale Isolation anspricht, erhält nicht selten als Antwort: ‚Ich habe doch 500 Freunde auf Facebook‘ oder ‚Ich treffe meine Freunde online zum Spielen‘. Dabei findet in den meisten Fällen gar kein persönlicher Kontakt statt“, so Dr. Yazdi, der als Experte für Verhaltenssüchte auch ein Buch verfasst hat. Er wünscht sich eine breite Diskussion, wie die Gesellschaft mit Online-Abhängigkeit umgehen soll: „In China hat man etwa mit der Zwangsbegrenzung des Online-Rollenspiels World of Warcraft auf drei Stunden experimentiert. Das ist aus Sicht der Prävention ein durchaus sinnvoller Ansatz, allerdings auch ein problematischer Eingriff in die Privatsphäre.“

Mehr Online-Kompetenz

Eine Notwendigkeit sei auch mehr Online-Kompetenz, so Peter Niedermoser, Präsident der Ärztekammer für OÖ: „Eltern haben oft keine Ahnung, was ihre Kinder im Netz machen, warum es sie fasziniert und was ihnen das wirkliche Leben vielleicht nicht bieten kann. Verbote allein lösen das Problem nicht. Auch Entscheidungsträger im Gesundheitswesen gehören oft einer Generation an, die ohne Web aufgewachsen ist. Keiner muss alles im Internet mitmachen, aber man soll sich auf dem Laufenden halten, was sich in der Online-Welt tut.“
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